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16.08.12Autokrise
Opel-Mitarbeiter müssen wieder kurzarbeiten
Der angeschlagene Autobauer Opel leidet unter der Absatzkrise in den Schuldenstaaten Südeuropas. Das Management greift deshalb erneut zur Kurzarbeit, doch der Umfang ist bislang völlig unklar.
Von Nikolaus Doll
Foto: dpa
Die Beschäftigten bei Opel stehen vor ungewissen Zeiten
Die Menschen vor dem Hauptportal der Adam Opel AG in Rüsselsheim lassen sich nichts anmerken – sie genießen die Mittagspause in der Sonne, an der Imbissbude "Worscht Kalle" ist der Andrang groß, die Stimmung laut, gelöst und gut. So scheint es. Aber was seit einer Woche durch das Unternehmen geht, ist nun Gewissheit: Auf die Opelaner kommt Kurzarbeit zu. Wieder einmal. Wie lang? Zu welchen Bedingungen? Wo?
Auf die meisten Fragen gibt es noch keine Antworten, Betriebsrat und Management verhandeln noch, wie Unternehmen und Betriebsrat mitteilen. Eine Entscheidung soll kurzfristig fallen, sagt ein Opel-Sprecher. Klar ist nur, dass die Auftragslage bei der GM-Tochter inzwischen so dünn ist, dass die Bänder kürzer laufen müssen. "Das überrascht hier keinen, damit haben wir gerechnet", sagt ein Opelaner und kaut gleichmütig weiter.
Schon jetzt ist die Kluft zwischen Verlierern und Gewinnern in der Autobranche groß. Die global aufgestellten Premiumhersteller, die Absatzrückgänge in einzelnen Regionen leichter ausgleichen können, hängen die auf Europa konzentrierten Massenhersteller zunehmend ab. Und mit jedem Monat, den die Euro- und Staatsschuldenkrise andauert, wird der Abstand größer.
Einbrüche in Italien und Spanien
Im Juli hat sich die Situation nun weiter verschärft: Um knapp acht Prozent ist der Pkw-Absatz in Westeuropa im Vergleich zum Vorjahresmonat geschrumpft, in den ersten sieben Monaten lag das Verkaufsminus der gesamten Branche bei 7,4 Prozent.
In Italien brachen die Verkaufszahlen im zurückliegenden Monat mit minus 21 Prozent regelrecht ein, Spanien meldet minus 17 Prozent. Das ist insofern verwunderlich, weil der Markt dort "inzwischen so weit unten ist, dass ein weiteres Schrumpfen kaum mehr vorstellbar ist", wie ein Branchenexperte sagt. Alarmierend ist, dass sich erstmals auch in Deutschland spürbar Kaufunlust breit macht: Das Absatzminus dort betrug fünf Prozent.
Wer die schrumpfenden Absatzzahlen nicht durch Zuwächse in anderen Regionen der Welt ausgleichen kann, wird zunehmend zum Problemfall – Fiat zählt dazu, Ford Europa sowie PSA Peugeot Citroen und eben die General-Motors-Tochter Opel, die sich auf Weisung des amerikanischen Mutterkonzerns mit Exporten außerhalb Europas zurückhalten muss.
Keine Überraschung
Keinen der nun schwächelnden Autobauer trifft der erneute Rückgang überraschend. Fiat hat bereits Kurzarbeit angekündigt, damit sollen "strukturelle Interventionen", also Entlassungen oder Fabrikschließungen verhindert werden, heißt es in Turin. Ford hatte im Werk Köln, in dem der Fiesta gefertigt wird, von April bis Juli an sieben Tagen kurzarbeiten lassen, im September kommen weitere vier Tage hinzu. PSA Peugeot Citroën geht einen Schritt weiter, will 8000 Stellen streichen und das Werk in Aulnay-sous-Bois ganz schließen.
Auch bei Opel wird darüber verhandelt, einen Standort dichtzumachen, doch zuvor drosselt der Autobauer die Produktion an den Standorten Rüsselsheim und Kaiserslautern. Renault, ebenfalls von Absatzrückgängen gebeutelt, kommt dagegen derzeit noch um Kurzarbeit herum. Aber wegen der Ferienzeit sind ohnehin alle europäischen Werke des französischen Autobauers geschlossen.
Im Opel-Stammwerk in Rüsselsheim sollen neben den knapp 6000 Produktionsmitarbeitern auch die knapp 10.000 Beschäftigten aus Verwaltung und Entwicklung möglichst weniger arbeiten. In Rüsselsheim werden die Modelle Insignia und Astra gefertigt. Das sind zwar die Zugpferde bei Opel, allerdings verkaufen sie sich in Süd- und Westeuropa besonders gut, in jenen Staaten also, in denen es derzeit besonders brennt.
Arbeitszeitkonten sind ausgereizt
Nach Informationen aus Gewerkschaftskreisen könnte auch im Werk Eisenach trotz des Produktionsanlaufs für das neue Modell Adam eine erneute Kurzarbeitsperiode anstehen. Im Bochumer Opel-Werk ist Kurzarbeit hingegen kein Thema. Das Werk sei gut ausgelastet und arbeite in drei Schichten an fünf Tagen in der Woche, so Betriebsratschef Rainer Einenkel.
Opel hat bereits – wie viele Autohersteller – eine ganze Reihe flexibler Arbeitszeitmodelle, mit deren Hilfe sich die Produktion steuern lässt. Vor allem Arbeitszeitkonten sind ein wirksames Instrument, im Fall von Opel derzeit allerdings nicht mehr. "Das ist ausgereizt, die Konten sind leer", sagt ein Opel-Manager. Das Management hatte die Arbeitszeit der Beschäftigten bereits auf ein Minimum begrenzt.
Daher gibt es nun Gespräche mit der Arbeitsagentur in Darmstadt. Die muss einem Antrag auf Kurzarbeit zustimmen, da die Beschäftigen über die Agentur Ausgleichszahlungen erhalten. In der Vergangenheit hatte das Unternehmen den Opelanern bei Kurzarbeit weitere Ausgleichszahlungen gewährt. Deren Höhe ist offenbar einer der Punkte, der zwischen Management, Betriebsrat und IG Metall derzeit verhandelt wird.
Auf Hochtouren
Kurzarbeitergeld wird seit Anfang dieses Jahres bei neuen Anträgen nur noch für sechs Monate gezahlt. Kurzarbeiter bekommen – wie beim regulären Arbeitslosengeld – 60 Prozent (Beschäftigte mit Kindern 67 Prozent) des ihnen durch den Arbeitsausfall entgehenden Nettolohns erstattet.
Während die Massenhersteller die Produktion drosseln, laufen die Werke der Premiumautobauer auf Hochtouren. "Die Auslastung unserer Werke ist sehr gut, in Bremen oder in den USA fahren wir derzeit sogar Sonderschichten", sagt ein Mercedes-Sprecher. Für die Urlaubszeit hat Daimler 6500 Ferienarbeiter eingestellt, mehr als im vergangenen Jahr, um die Produktion am Laufen zu halten.
BMW und Volkswagen melden ebenfalls eine gute Auslastung der Werke, von Kurzarbeit könne "keine Rede sein", sagen Sprecher der beiden Konzerne. VW lässt in diesem Jahr auch während der Urlaubszeit die Bänder im Stammwerk Wolfsburg weiterlaufen. Bei BMW seien selbst die Arbeitszeitkonten noch "reichlich gefüllt", so ein Sprecher.
Volkswagen kann wie BMW und Mercedes die europäischen Rückgänge durch steigende Verkäufe in Asien und Nordamerika ausgleichen. In den USA konnten die deutschen Hersteller im Juli 19 Prozent mehr Pkw als im Vorjahresmonat verkaufen, und auch in China bleiben die Zuwachszahlen groß.
2001: Der erfolglose Opel-Vorstandschef Robert Hendry muss das Handtuch werfen. Sein Nachfolger Carl-Peter Forster versucht, mit dem europaweit angelegten "Restrukturierungsprogramm Olympia" die Tochter des US-Autobauers General Motors (GM) wieder profitabel zu machen.
2004: GM legt im Oktober einen drastischen Sparplan für die europäische Tochter vor, der den Abbau von 12 000 Arbeitsplätzen vorsieht – davon bis zu 10.000 in Deutschland. Die Arbeiter im Bochumer Werk legen aus Protest spontan die Arbeit nieder.
2005: Der Betriebsrat und das Opel-Management unterschreiben einen "Zukunftsvertrag", der die Existenz der Werke in Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern bis 2010 sichern soll.
2008: Nach Absatzeinbruch und massiven Verlusten bittet Opel als erster deutscher Autohersteller den Staat um Hilfe. Eine Bürgschaft von Bund und Ländern soll das Unternehmen stützen.
2009: Um nicht in den Strudel der GM-Insolvenz zu geraten, arbeitet Opel an einem Konzept zur Trennung von dem schwer angeschlagenen Mutterkonzern. Zwei Tage vor der GM-Pleite am 1. Juni einigen sich Bund, Länder, GM und das US-Finanzministerium nach langem Poker mit dem österreichisch-kanadischen Zulieferer Magna auf ein Rettungskonzept. Im November beschließt GM, Opel doch zu behalten.
2010: Der als harter Sanierer bekannte Nick Reilly wird Opel-Chef. Im Zuge seines Sanierungskurses macht Opel im Oktober das Werk im belgischen Antwerpen mit einst 2500 Beschäftigten dicht. Von den 48 000 Stellen in Europa werden insgesamt 8000 abgebaut.
2011: Der bisherige GM-Chefentwickler Karl-Friedrich Stracke löst Reilly ab, der Chef des GM-Europageschäfts wird. Im zweiten Quartal verzeichnet Opel erstmals seit Jahren wieder einen Gewinn. Im dritten Quartal rutscht der Autobauer aber zurück in die roten Zahlen.
2012: Während GM in Nordamerika einen Rekordgewinn einfährt, verbucht der Konzern in Europa einen Verlust von mehreren hundert Millionen Euro. Das Europageschäft besteht überwiegend aus Opel und der britischen Schwestermarke Vauxhall.
Am 17. Mai gibt Opel bekannt, dass das Stammwerk Rüsselsheim die Produktion des mit Abstand wichtigsten Modells Astra verliert. Das Fahrzeug soll von 2015 an nur noch im britischen Ellesmere Port und in Gliwice (Polen) gebaut werden.
2012: Am 28. Juni billigt der Opel-Aufsichtsrat einen entschärften Sanierungsplan. Teure Überkapazität soll abgebaut werden, indem Modelle wie der kleine SUV Mokka, der Antara oder der Agila nicht mehr in Korea, sondern in Europa vom Band rollen. Zudem soll in die Produktpalette von Opel/Vauxhall investiert werden. Geplant sind zum Beispiel 23 neue Modelle in den kommenden vier Jahren. Unter anderem soll ab 2013 der Kleinstwagen Adam bei den Händlern zu haben sein.
Am 12. Juli tritt Karl-Friedrich Stracke überraschend als Opel-Chef zurück.
Am 17. Juli wird der bisherige Opel-Strategievorstand Thomas Sedran zum Interimschef befördert.
Quelle: dpa
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