11.08.12

Britische Bank

Peter Sands soll Geld in den Iran geschafft haben

Unter den Chefs der Großbanken war er einer der letzten unbescholtenen. Doch nun hat es auch den Mann an der Spitze von Standard Chartered erwischt, er soll Geld in den Iran transferiert haben.

Foto: Andre Laame

Peter Sands, Chef der britischen Großbank Standard Chartered
Peter Sands, Chef der britischen Großbank Standard Chartered

Noch vor zwei Wochen war die Welt des Peter Sands in Ordnung. Auf einer Pressekonferenz präsentierte der hoch angesehene Chef der britischen Großbank Standard Chartered Londoner Finanzjournalisten stolz seine Halbjahreszahlen.

Das Geldhaus steuere 2012 einen Rekordgewinn an – wie schon in den neun Jahren zuvor. Als eines von nur ganz wenigen großen Geldhäusern der Welt hatte Standard Chartered Finanz-, Wirtschafts- und Euro-Krise ohne größere Schäden überstanden. Auch in den jüngsten Bankenskandal um manipulierte Libor-Zinsen war Standard Chartered als eine der wenigen europäischen Großbanken nicht verwickelt.

Seine Bank, so kokettierte Sands bei der Pressekonferenz, "sieht vielleicht ein bisschen langweilig aus, verglichen mit dem, was gerade anderswo los ist, aber wir sehen uns im Vorteil mit unserer Langeweile". So entspannt war der 50-jährige Bankmanager, dass er im Anschluss an den Termin seine Koffer packte und mit seiner Familie in den Sommerurlaub nach Kanada flog.

Bank verhielt sich wie eine Schurkeninstitution

Mit der Langeweile ist es jetzt vorbei. Sands hatte die Katastrophe nicht kommen sehen, die am vergangenen Montag über die Bank hereinbrach. Kurz vor Börsenschluss in London veröffentlichte die New Yorker Finanzaufsicht DFS einen Bericht, der die Vorzeigekarriere des Briten jäh beenden könnte.

"Standard Chartered Bank hat sich wie eine Schurkeninstitution verhalten", schreibt die New Yorker Behörde. Das Kreditinstitut habe das US-Finanzsystem angreifbar für "Terroristen, Waffenhändler, Drogenbarone und korrupte Regime" gemacht.

Über zehn Jahre hat Standard Chartered angeblich umgerechnet 200 Milliarden Euro illegal für den Iran in die USA transferiert und verschleiert haben. Trotz amerikanischer Sanktionen soll die britische Bank 60.000 Überweisungen an den US-Behörden vorbei ins Land gebracht haben.

Skandalträchtige Branche

Damit ist die Finanzwelt um einen Skandal reicher. In den jüngsten Monaten wurde die Branche von einer nicht enden wollenden Serie von Affären erschüttert. Die US-Bank JP Morgan verzockte mit misslungenen Derivategeschäften Milliarden. Der inzwischen abgetretene Deutschlandchef von Morgan Stanley, Dirk Notheis, mauschelte beim Kauf des Energieversorgers EnBW durch das Land Baden-Württemberg mit der Politik.

Ex-BayernLB-Vorstand Gerhard Gribkowsky wanderte wegen eines Schmiergeldskandals ins Gefängnis. Die angesehene britische Großbank HSBC steht derweil wegen Geldwäsche von mexikanischen Drogenmilliarden am Pranger. In die Affäre um gefälschte Libor-Zinssätze wird gleich gegen ein Dutzend europäischer Geldhäuser ermittelt. Gier, Korruption und Moralverfall, so scheint es, dominieren die Bankenwelt, als habe die Branche seit der Finanzkrise nichts aus ihren Fehlern gelernt.

Nun trifft es mit Standard Chartered ausgerechnet ein Institut, das bislang den Ruf als Musterknabe der Branche hatte. Erst im November wurde Vorstandschef Sands von Finanzjournalisten mit dem Titel "European Banker of the Year" ausgezeichnet. Der bodenständige Mann mit dem schlohweißen Haar gilt als Gegenentwurf des Gier-Bankers. Statt Rolex trägt er eine Uhr mit Plastikarmband, statt im noblen Londoner Westen lebt er mit seiner Frau und den vier Kindern im Mittelstandsviertel Highbury, ganz in der Nähe seines Lieblingsfußballklubs Arsenal.

Auf Wachstumsmärkte ausgerichtet

Auch die Konkurrenz blickte bisher neidisch auf die Erfolge des Briten, der die Bank mit Rekordgewinnen durch die Weltwirtschaftskrise geschifft hatte. Möglich war das durch ein cleveres Geschäftsmodell: Sands hatte das Institut seit seinem Antritt 2006 auf Wachstumsmärkte ausgerichtet. Fast 90 Prozent des Gewinns macht Standard Chartered in Asien, Afrika und dem Nahen Osten.

Auch die Branche hat Sands viel zu verdanken: 2008 entwickelten er und Finanzvorstand Richard Meddings den Plan, mit dem die Regierung von Gordon Brown den britischen Bankensektor rettete.

Stimmen die Anschuldigungen der New Yorker Aufsichtsbehörde, dürfte es mit Sands Erfolgssträhne bald vorbei sein. Im schlimmsten Fall droht ein Verlust der US-Banklizenz, was das Institut bis zu 40 Prozent seiner Einnahmen kosten könnte.

Für Sands geht es um alles. Aus Kanada zurückgeeilt, äußerte sich der Manager am Mittwoch erstmals zu den Vorwürfen. Der Bericht der Behörde habe die Bank "vollkommen überraschend" getroffen. Seine Mitarbeiter und er hätten das 27-seitige Papier "Zeile für Zeile" untersucht. Viele Vorwürfe seien "einfach faktisch falsch".

99,9 Prozent der zur Debatte stehenden Überweisungen seien völlig legal gewesen. Lediglich 300 Transaktionen im Wert von elf Millionen Euro hätten gegen US-Sanktionen verstoßen. "Unserer Meinung nach gibt es keine Grundlage für die Aktion." Kampflos will Sands seine Karriere nicht beenden. Am Mittwoch soll er vor der Behörde in New York aussagen. Es wird hitzig zugehen, so viel ist sicher.

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