10.08.12

Zukunftsaussichten

In Deutschland hat die Jugend noch Perspektiven

In Südeuropas Krisenstaaten ist teils mehr als jeder Zweite zwischen 15 und 24 Jahren ohne Job. In Deutschland dagegen sinkt die Zahl junger Arbeitslosen – aber auch hier glänzt längst nicht alles.

Foto: Infografik Die Welt

EU-weit sind Jugendliche deutlich stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als Erwachsene
EU-weit sind Jugendliche deutlich stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als Erwachsene

Für junge Menschen in weiten Teilen Europas muss Deutschland als Schlaraffenland erscheinen. Denn vor allem in den südeuropäischen Krisenstaaten wächst das Heer der jungen Jobsucher – teils auf mehr als die Hälfte ihrer Generation.

Hierzulande dagegen sinkt die Zahl der jungen Erwerbslosen nach Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) auf historische Tiefstände. Nirgendwo sonst in der Europäischen Union haben junge Menschen bessere Chancen auf Jobs und Ausbildung als in Deutschland, hat der statistische Vergleich der Erwerbslosenzahlen gerade erst ergeben.

Verlorene Generation

EU-weit ist fast ein Viertel der 15- bis 24-Jährigen erwerbslos – das sind fast 5,5 Millionen junge Menschen. Von einer verlorenen Generation ist bereits die Rede, EU-Sozialkommissar Laszlo Andor warnt vor sozialem Zerfall und politischem Radikalismus.

In Deutschland ist der Arbeitsmarkt deutlich sicherer für Junge: Im Juni waren nach neuen Angaben des Statistischen Bundesamts rund 350.000 der 15- bis 24-Jährigen ohne Arbeit. Damit betrug die Jugenderwerbslosenquote 7,9 Prozent.

Düstere Lage

In den 27 Ländern der EU lag die Quote im Schnitt fast drei Mal so hoch bei 22,6 Prozent. Am düstersten ist dabei die Lage in den Euro-Krisenstaaten Griechenland und Spanien: In beiden Ländern waren mit knapp 53 Prozent mehr als die Hälfte der Jugendlichen ohne Job.

Als einziges EU-Land schaffte Deutschland es auch, die Erwerbslosenquote von jungen Menschen trotz der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008 zu drücken. Vor gut vier Jahren lag die Quote noch bei 10,6 Prozent. In der EU verlief es genau umgekehrt: Vor der Krise betrug die Quote nur 15,2 Prozent und kletterte dann deutlich um gut sieben Prozentpunkte.

Längere Ausbildung

Am meisten verschlechterte sich die Lage in den Ländern, die besonders unter der Schuldenkrise leiden: In Italien stieg die Quote um mehr als die Hälfte, in Portugal verdoppelte sie sich, und in Spanien sowie Griechenland kletterte sie sogar um das 2,4-Fache. Portugal und Griechenland sind bereits unter Rettungsschirme der Euro-Länder geschlüpft. Spanien bekommt Finanzhilfen für seine Banken und steckt wie Italien tief in der Rezession.

In Deutschland profitieren junge Leute zum einen von der guten Konjunktur, die dem Land die niedrigsten Arbeitslosenzahlen seit über zwei Jahrzehnten beschert. Die Jugendarbeitslosigkeit hat sich seit 2005 mehr als halbiert. Zweitens dauert die Ausbildung länger, junge Menschen drängen also später auf den Arbeitsmarkt.

"Wer einmal den Fuß drin hat…"

Vor allem aber verhilft das duale Ausbildungssystem aus Fach- und Berufsschulen mit betrieblicher Ausbildung jungen Leuten zu einem vielfach nahtlosen Einstieg ins Erwerbsleben. Das duale Ausbildungssystem biete sehr früh einen Zugang in die Arbeitswelt, sagt Brigitte Schels vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). "Wer einmal den Fuß drin hat, bleibt leichter drin."

Mehr als 500.000 Jugendliche beginnen jedes Jahr eine duale Ausbildung. Im vergangenen Jahr machten rund 1,5 Millionen eine Lehre - das war jeder Sechste aller 15- bis 24-Jährigen.

Demografischer Wandel

Zudem bleibt ein größerer Anteil der jungen Leute länger im Schul- oder Hochschulsystem, drängt später und dann qualifizierter auf den Arbeitsmarkt. 2010 waren fast 2,2 Millionen 15- bis 19-Jährige an allgemeinbildenden Schulen. Das waren 52,8 Prozent der Altersgruppe, zehn Jahre zuvor waren es nur 48,7 Prozent.

Von den 20- bis 29-Jährigen studiert mittlerweile mehr als jeder Fünfte. Allerdings wirkt sich auch der demografische Wandel aus: Seit 2005 sinkt die absolute Zahl der 15- bis 24-Jährigen in Deutschland.

Auslegungssache

Die Daten nach den Parametern der Internationalen Arbeitsorganisation ILO unterscheiden sich von den Angaben der deutschen Arbeitsagentur zur Arbeitslosigkeit. Nach den ILO-Standards gilt als erwerbslos, wer weniger als eine Stunde in der Woche arbeitet, in den letzten vier Wochen einen Job gesucht hat und eine Stelle innerhalb von zwei Wochen antreten könnte. Die Angaben stammen aus stichprobenartigen Befragungen und spiegeln daher auch die Einschätzung der Betroffenen selbst.

"Es ist falsch, wenn man verallgemeinernd sagt, jeder zweite Spanier unter 25 ist arbeitslos", erläutert die Arbeitsmarktexpertin Schels. Die Erwerbslosenquote von über 50 Prozent beziehe sich nur auf junge Leute, die dem Arbeitsmarkt tatsächlich zur Verfügung stünden. Für Schüler und Studenten trifft das aber nicht zu. Berücksichtigt man dies, ist in Spanien jeder fünfte Jugendliche arbeitslos, in Griechenland jeder achte, wie Karl Brenke vom Berliner DIW-Institut ausgerechnet hat.

Ältere schützen sich vor Jobverlust

Fest steht, dass EU-weit Jugendliche deutlich stärker von Arbeitslosigkeit betroffen sind als Erwachsene. Bei ihnen lag die Quote im Juni bei 10,4 Prozent und damit nur halb so hoch wie bei jungen Menschen.

Die Probleme fußen nach Einschätzung von Experten überall auf denselben Ursachen: Den Jungen fehlen Berufserfahrung und soziale Kontakte in die Arbeitswelt, während sich die älteren Arbeitsplatzinhaber vor Jobverlust gut zu schützen wissen. Im Krisenfall müssen nach dem Senioritätsprinzip zuerst die gehen, die als letzte gekommen sind.

Jede fünfte Lehre abgebrochen

Doch auch im deutschen System glänzt längst nicht alles. Nach Berechnungen der Arbeitswissenschaftler Thomas Langhoff und Julia Kramer für die gewerkschaftliche Boeckler-Stiftung wird immerhin jede fünfte Lehre hierzulande abgebrochen.

Und auch die dann Ausgebildeten haben es nicht immer leicht: Befristete Jobs oder Leiharbeit sind auch am deutschen Arbeitsmarkt vorwiegend Probleme der Jungen.

Quelle: Reuters/dpa/ari
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