10.08.12

Euro-Krise

"Wir erleben eine Liraisierung des Euro"

Wer weiß schon, wie die Euro-Krise ausgeht? Jene vielleicht, die sie erforschen. Berliner Morgenpost-Autorin Anja Ettel hat drei Ökonomen um Prognosen gebeten. Sie reichen von Happy End bis Katastrophe.

Foto: PR

Optimist, Pessimist, Skeptiker: Eric Nielsen, Thorsten Polleit, Kai Carstensen
Optimist, Pessimist, Skeptiker: Eric Nielsen, Thorsten Polleit, Kai Carstensen

Eric Nielsen, Chefökonom Unicredit: "Ich verstehe nicht, warum die Leute mit Blick auf den Euro und die Zukunft der Währungsunion so negativ sind. Das betrifft insbesondere Deutschland. Dort sorgt man sich um das viele Geld, das in die Euro-Rettung gesteckt wurde. Dabei wird häufig vergessen, dass bisher nicht ein Cent ausgegeben wurde, um Griechenland zu retten.

Das Geld ist verliehen worden, und ob wirklich alle Kredite zurückgezahlt werden – dahinter kann man ein Fragezeichen setzen. Aber Fakt ist: Bisher geht es nur um Kredite, nicht um echte Ausgaben. Hinzu kommt, dass die Länder der Euro-Peripherie einiges getan haben, um Reformen umzusetzen. Das betrifft insbesondere Italien, aber auch Spanien und Portugal. Diese Reformen werden Früchte tragen.

"Finanzkrisen dauern sieben Jahre"

Deshalb ist meine Prognose, dass wir uns noch zwölf bis 18 Monate durchhangeln müssen. Diese Krise wird nicht so schnell erledigt sein. Aber danach wird es wieder aufwärts gehen. Finanzkrisen dieser Art dauern in der Regeln sieben Jahre. Wir haben jetzt mehr als fünf Jahre hinter uns.

Bei der Rettung wird es sehr stark auf die Europäische Zentralbank (EZB) ankommen. Mario Draghi, der EZB-Präsident, wird der Politik den Vortritt lassen. Aber wenn es soweit ist und die EZB einspringen muss, dann wird sie es mit voller Wucht tun.

Trotz der immensen Geldspritzen mache ich mir keine Sorgen um die Inflation. Von einer überhitzten Wirtschaft, in der die Nachfrage das Angebot weit übersteigt und die Preise treibt, ist nichts zu sehen. Und von all den Problemen, die Europa hat, wäre das noch das geringste. Sollte die Inflation doch auftauchen, wird die EZB gegensteuern.

Ich bin überzeugt, dass die Euro-Zone gestärkt aus der Krise hervorgehen wird und in einigen Jahren besser dastehen wird als Großbritannien und sogar die Vereinigten Staaten – wenn man die Produktivität pro Kopf vergleicht.

"Den Euro gibt niemand freiwillig her"

Ob Griechenland in diesem neuen Europa dabei sein wird, ist schwer zu sagen. Griechenland hat viele Reformen angestoßen, die Institutionen, die das umsetzen sollen, sind aber ähnlich schwach wie in so manchem Entwicklungsland.

Es ist deshalb fraglich, ob all das, was nötig ist, wirklich durchgesetzt werden kann. Falls nicht, bliebe nur der Abschied aus dem Euro. Austritte von Geberländern wie etwa Finnland sehe ich hingegen nicht. Alle wissen, dass die Vorteile einer Währungsunion für alle Mitglieder überwiegen – trotz der Krise. Den Euro gibt niemand freiwillig her.

Kai Carstensen, Konjunkturchef Ifo-Institut: Es ist unmöglich, den Ausgang der Eurokrise zu vorherzusagen, niemand kann das. Damit hängen aber auch alle unsere sonstigen Prognosen für Deutschland und den Euroraum so stark wie nie zuvor von den politischen Entwicklungen ab. Unter der Prämisse, dass es keine schwere Eskalation der Eurokrise gibt, rechne ich in diesem Jahr mit einem leichten Abschwung in Deutschland.

Das Bruttoinlandsprodukt dürfte dann nur noch um 0,7 Prozent zunehmen. Der Süden Europas steckt bereits in der Rezession oder wird dahin abgleiten. Für Griechenland machen wir gar keine Punktprognose mehr – was mit dem Land passiert, ist kaum noch absehbar.

"Die Lage in Spanien ähnelt den Nachwendejahren"

Wie es für den Euroraum insgesamt weitergeht, hängt im kommenden Jahr sehr stark davon ab, was sich in Spanien und Italien tut. Sollten die Dinge sich nicht noch weiter verschlimmern, könnte der Euroraum so gerade noch ein Nullwachstum erreichen. Aus der wirtschaftlichen Schwächephase wird sich Europa allerdings so schnell auch nicht mehr befreien können.

Warum das so ist, können wir in Deutschland besonders gut nachvollziehen: Nach dem Wendeboom hat es mehr als 10 Jahre gedauert, bis sich die ostdeutsche Bauwirtschaft auf eine nachhaltige Größe zurückgebildet hatte. Damit kann man so ungefähr erahnen, was Spanien im Moment bevorsteht.

Das Land hat sehr lange über seine Verhältnisse gelebt und muss sich nach dem Platzen der Immobilienblase nun gesundschrumpfen. Spanien wird dafür nicht so lange brauchen, weil der Nachfrageeinbruch drastischer ist, aber der Schrumpfungsprozess wird dafür umso schmerzhafter werden.

"Kurzfristig wird es nicht zu Inflation kommen"

Es ist daher zwar verständlich, dass die Europäische Zentralbank (EZB) mit allen Mitteln versucht, die Krise zu beenden. Aber derzeit überdehnt sie ihr Mandat: Staatsfinanzierung ist ihr ausdrücklich verboten. Die Währungshüter haben sich auf einen gefährlichen Pfad begeben, von dem aus es so leicht keinen Weg zurück gibt.

Kurzfristig wird es wohl nicht zu Inflation kommen, denn der Wirtschaft geht viel zu schlecht. Mittelfristig kann es anders aussehen, denn die EZB hat offenbar nun auch die Finanzierungskosten von Staaten auf ihrem Zielkatalog. Wenn dann eine Zinserhöhung ansteht, um die Teuerung zu dämpfen, wird es sofort heißen, man solle lieber noch etwas warten, damit die Konsolidierung der Staatshaushalte nicht in Gefahr gerät. So etwas ist ein gutes Rezept für mehr Inflation.

Thorsten Polleit, Chefökonom Degussa Goldhandel: Was wir derzeit erleben, ist eine Liraisierung des Euro, eingeleitet vom Rat der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Gemeinschaftswährung entwickelt sich weg vom stabilen Vorbild der D-Mark und hin zu einer Währung, die mehr mit den früheren südeuropäischen Weichwährungen wie Lira oder Peseta gemein hat.

Die EZB wird diesen Prozess nicht aufhalten, sondern aktiv fördern. Durch ihre Politik des immer billigeren Geldes hat sie einen Papiergeldboom verursacht. Sie trägt daher maßgeblich Schuld an der Misere, in der Europa jetzt steckt.

"Der Kollaps wird nur in die Zukunft verschoben"

Meine Prognose ist, dass es früher oder später eine tiefe Rezession oder sogar Depression geben wird, in Deutschland und in Europa. Die Anzeichen für einen Abschwung auch in Deutschland mehren sich: die Auftragseingänge gehen zurück, die Industrie drosselt ihre Produktion und in wichtigen Branche wie der Automobilindustrie gibt es Überkapazitäten.

Unsere südeuropäischen Nachbarn sind schon einen Schritt weiter, sie kämpfen bereits mit zweistelligen Arbeitslosenraten. In der südlichen Peripherie des Euroraums hat der tiefe Abschwung längst eingesetzt, auch wenn die Notenbank mit ihren Billionen-Geschenken an Banken und Schuldenstaaten versucht, diesen Prozess aufzuhalten. Doch alles, was sie dadurch bewirkt, ist, dass der große Kollaps nur weiter in die Zukunft verschoben wird – die Explosion wird dadurch umso heftiger ausfallen.

"Das wahre Risiko ist die Geldentwertung"

Für mich stellt sich daher nur noch die Frage, ob der schweren Wirtschaftskrise eine Hyperinflation vorausgehen wird, wie sie Deutschland in den frühen dreißiger Jahren des vorherigen Jahrhunderts erlebt hat. Dazu nur eine Zahl: Die gesamten Schulden der Banken im Euroraum die potenziell für eine Refinanzierung durch die EZB in Frage kommen, belaufen sich auf mindestens 23 Billionen Euro.

Um allein diesen Euro-Schuldenturm vor dem Umsturz zu bewahren, wird die EZB also sehr viel neues Geld über ihre elektronische Notenpresse in Umlauf bringen müssen. Die Vergangenheit hat gezeigt, wohin das führt. Das wahre Risiko, gegen das sich Sparer und Investoren wappnen müssen, ist die Geldentwertung.

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Die Ökonomen im Porträt
  • Eric Nielsen

    Eric Nielsen ist seit September 2011 Chefökonom der italienischen Unicredit-Gruppe. Der gebürtige Däne startete seine Karriere einst bei der dänischen Zentralbank, bevor er nach Stationen beim Internationalen Währungsfonds und bei der Weltbank schließlich auf die Seite der Geschäftsbanken wechselte. Nielsen war lange für die US-Investmentbank Goldman Sachs tätig, für die er das Geschehen in Europa analysierte. Seit dem vergangenen Jahr hat er für Unicredit das weltweite Geschehen im Blick - und ist als überzeugter Europäer sehr zuversichtlich, dass der Euro noch lange Bestand haben wird.

  • Kai Carstensen

    Kai Carstensen leitet den Forschungsbereich "Konjunktur und Befragungen" beim Münchner Ifo-Institut. Der Ökonom vertritt das renommierte Institut auch federführend bei der Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsforschungsinstitute und zeichnet für die Ifo-Konjunkturprognose verantwortlich. Carstensen, der außerdem als Professor an der Universität München lehrt, begann seine Karriere einst im hohen Norden beim Kieler Institut für Weltwirtschaft. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der empirischen Analyse von makroökonomisch wichtigen Daten wie Produktion, Zinsen und Beschäftigung.

  • Torsten Polleit

    Thorsten Polleit hat fünfzehn Jahre lang erst als deutscher Chefökonom der niederländischen ABN Amro und später als Chefvolkswirt Deutschland für die britische Barclays Bank das globale Wirtschaftsgeschehen analysiert. Seit diesem Jahr hat er der Bankenwelt den Rücken gekehrt und ist als Chefökonom zu Degussa Goldhandel gewechselt, wo er außerdem im Verwaltungsrat sitzt. Der 44-Jährige ist Mitglied bei der Friedrich-August-von-Hayek-Gesellschaft und lehrt außerdem als Honorarprofessor an der Franfurt School of Finance. Als langjähriger Zentralbank-Beobachter kritisiert Polleit seit langem die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB).

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