06.08.12

Ernte-Ausfälle

Dürren lassen Weizenpreis explodieren

Seit Wochen lassen Dürren in zahlreichen Ländern die Getreidepreise steigen wie selten zuvor. Nun kommen Hiobsbotschaften auch aus Russland, einem Schlüssel-Land der weltweiten Getreideversorgung.

Foto: dpa

In Deutschland läuft die Weizenernte derzeit auf Hochtouren. Probleme machen die Dürren in anderen Teilen der Welt, in den USA, in Kasachstan – und in Russland
In Deutschland läuft die Weizenernte derzeit auf Hochtouren. Probleme machen die Dürren in anderen Teilen der Welt, in den USA, in Kasachstan – und in Russland

Die Situation an den internationalen Getreidemärkten ist äußerst angespannt. In den USA herrscht Dürre, was die Ernten einbrechen lässt. Ähnlich sieht es in Kasachstan und der ukrainischen Schwarzmeer-Region aus. Die Preise schnellten deshalb in den vergangenen Wochen massiv in die Höhe. So ist der Weizenpreis binnen anderthalb Monaten um über 50 Prozent gestiegen und notiert jetzt bei knapp unter neun US-Dollar je Scheffel (ein Scheffel entspricht ungefähr 24,4 Kilogramm).

Doch damit nicht genug. Nun verschärft sich auch noch die Lage in Russland, einem der wichtigsten Exporteure der Welt. Gerade in den vergangenen Tagen haben die Behörden den Prognosewert für die Ernte und den Weizenexport wiederholt nach unten korrigiert. Die anhaltende Dürre in den russischen Anbaugebieten ist dafür ausschlaggebend, nachdem schon vorher ein warmer Winter mit anschließend trockenem Frühjahr die Bedingungen für dieses Jahr verschlechtert hatte.

Auf 5,3 Mio. Hektar Fläche sei die Saat vernichtet, was zwölf Prozent der gesamten Saatfläche in dem Riesenland betreffe, sagte Landwirtschaftsminister Nikolaj Fedorow: In einem Dutzend Regionen herrscht Ausnahmezustand. Russland ist nach den USA und Australien weltweit drittgrößter Weizenexporteur. Das Land ist der drittgrößte Weizenproduzent der Welt hinter China und Indien. Doch während die asiatischen Schwellenländer ihr Getreide fast ausschließlich für den inländischen Bedarf produzieren, wirft Russland in der Regel einen guten Teil auf die Weltmärkte.

Erinnerungen an Katastrophen-Jahr 2010

Jüngsten Prognosen zufolge wird Russland in diesem Jahr nur 75 bis 80 Mio. Tonnen Getreide ernten und in diesem Fall nur 10 bis 12 Mio. Tonnen auf die Weltmärkte bringen, erklärt Vizepremierminister Arkadij Dworkowitsch. Vize-Agrarminister Alexandr Tschernogorow spricht mittlerweile schon davon, dass die Ernte womöglich nur 70 bis 75 Mio. Tonnen beträgt, womit - abgesehen von den Vorräten aus dem Vorjahr – nur noch der Inlandsverbrauch gedeckt werden könnte.

Das weckt Erinnerungen an das Jahr 2010. Damals hatte Russland mit der unerwarteten Entscheidung, aufgrund der damaligen Katastrophenernte einen einjährigen Exportstopp zu verhängen, international, aber auch bei den russischen Exporteuren für Irritationen gesorgt. Der Ernte-Einbruch war damals beispiellos gewesen: Hatte die Getreideernte im Jahr 2008 den postsowjetischen Rekord von 108 Mio. Tonnen erreicht und 2009 immerhin noch 97 Mio. Tonnen betragen, so war sie 2010 aufgrund der katastrophalen Jahrhundertdürre auf 61 Mio. Tonnen gefallen.

Ein ganzes Drittel der Ähren war verbrannt gewesen, die Bauern mussten mit Hunderten Mio. Euro gerettet werden. Der anschließende Exportstopp war einer der Gründe für die Preissteigerungen auf dem Weltmarkt. Im Vorjahr dann mussten russische Exporteure ihre teils vergraulten Auslandskunden wieder zurückerobern und dafür Preisnachlässe gewähren.

Verhängt Russland einen neuen Export-Stopp?

Auch in diesem Jahr sei wieder die Existenz von Farmern gefährdet, zumal sich viele in den vergangenen vier Jahren stark verschuldet hätten, erklärt Pawel Skuritschin, Präsident der russischen Getreideproduzenten. Dass Russland einen neuen Exportstopp verhängt, ist aber eher unwahrscheinlich.

Das Land tritt mit Ende August der Welthandelsorganisation WTO bei und ist daher angehalten, die Handelsregeln zu befolgen. Mit einem Exportstopp würde Russland jedenfalls nicht nur die Preise weiter treiben, es würde sich auch selbst schaden, erklärt Alexander Korbut, Vizepräsident der russischen Getreideunion: Russland sei nämlich auf große Mengen an Fleisch- und Milchimporten angewiesen. Und diese würden durch steigende Getreidepreise ebenfalls teurer.

Zwei Mio. Tonnen Getreide, davon 1,8 Mio. Tonnen Weizen, hat Russland im Juli bereits exportiert. Immerhin lagerten – ungeachtet der Ernteausfälle – zum 1. Juli laut staatlicher Statistik «Rosstat» 16,8 Mio. Tonnen Getreide aus dem Vorjahr in den Speichern. Tatsache ist aber, dass allein ein Absinken der russischen Exporte für den Welt-Getreidemarkt problematisch ist. Weltweit werden in diesem Jahr nur 1,81 Mrd. Tonnen Getreide produziert, aber 1,84 Mrd. Tonnen konsumiert, errechnete der Internationale Getreiderat (IGC).

Als Preistreiber hinzu komme, dass die Liquidität infolge der weichen Währungspolitik nun auch Agrar-Futures für Spekulanten attraktiv mache, wie Alexej Wjasowski, Analyst bei "Capital-Finance" erklärt: Und ab einem Ölpreis von 100 Dollar je Barrel werde die Produktion von Ethanol-Kraftstoff aus Weizen und Mais ökonomisch sinnvoll, weshalb das Angebot für Lebensmittelgetreide sinke. So fließen in den USA zurzeit rund 40 Prozent der Maisernte in die Biosprit-Erzeugung.

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  • Preise

    In Deutschland drohen steigende Preise für Brot und Brötchen. „Mittelfristig werden wir die Preise anpassen müssen“, sagte Amin Werner, der Geschäftsführer vom Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks, „Welt Online“. Grund dafür seien enorme Kostensteigerungen beim Einkauf der Rohstoffe. Seit Jahresbeginn hat sich der Preis für eine Tonne Getreide hierzulande um 70 Euro auf mittlerweile 270 Euro erhöht, meldet der Verband Deutscher Mühlen (VDM) . Für die bundesweit 550 Mehllieferanten bedeutet das eine Kostenlawine in Höhe von 560 Mio. Euro, rechnet VDM-Hauptgeschäftsführer Manfred Weizbauer vor. „Diese Belastung müssen wir weitergeben, sonst sind die Mühlen pleite“, sagt Weizbauer.

  • Rohstoffe

    Denn der Rohstoffeinsatz schlage beim Mehl mit 80 Prozent zu Buche. In der Bäckerei ist der Materialanteil zwar deutlich geringer. Bei Standardartikeln wie Brot und Brötchen etwa sind es nach Expertenschätzung zwischen 18 und 25 Prozent in einem Handwerksbetrieb. Gleichzeitig würden aber auch die Kosten für Energie, Verpackung, Logistik und Personal steigen.

  • Ernte

    Deutschlands Bäckereien verarbeiten zu 95 Prozent heimisches Getreide. Wie gut die Ernte in diesem Jahr ausfällt, berichtet der Bauernverband Ende August. Dem Vernehmen nach dürfte sie gar nicht schlecht sein. Die Dürre in Russland hat dennoch Auswirkungen, weil sie die Nachfrage in Deutschland und damit auch den Preis in die Höhe treibt.

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