05.08.12

Rettung vs. Reformen

Schuldenkrise spaltet die Euro-Zone in zwei Lager

Politiker und Notenbanker lassen sich in der Euro-Krise zwei Lagern zuordnen: Den Alarmisten, die größere Hilfspakete fordern und den Beruhigern, die auf Reformen drängen. Das sind ihre Argumente.

Foto: Tom Uecker / Wams
Die Alarmisten (v.l.n.r.): IWF-Chefin Christine Lagarde, Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker und EZB-Chef Mario Draghi stehen den Beruhigern aus Deutschland gegenüber (v.l.n.r.): Bundesbankchef Jens Weidmann, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble
Die Alarmisten (v.l.n.r.): IWF-Chefin Christine Lagarde, Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker und EZB-Chef Mario Draghi stehen den Beruhigern aus Deutschland gegenüber (v.l.n.r.): Bundesbankchef Jens Weidmann, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble

Im Euro-Sommertheater schwirrt manchem Zuschauer der Kopf: Steht die Währungsunion kurz vor dem Zerfall? Sind Spanien, Italien und Griechenland wirtschaftlich am Ende? Oder sind die Nachrichten über das bevorstehende Aus der Gemeinschaftswährung übertrieben? Zwei Lager streiten miteinander.

Die Alarmisten

Der Alarmist macht am liebsten vor wichtigen Gipfeltreffen auf sich aufmerksam. Seine dramatischen Warnungen kombiniert er dann meist mit dem Ruf nach neuen Milliarden zur Krisenbekämpfung. Zum Paradebeispiel hat sich Mario Monti entwickelt. Vor dem letzten EU-Rat Ende Juni mahnte der italienische Ministerpräsident einen leichteren Zugang zu den Rettungsschirmen an, ansonsten "fährt der Euro zur Hölle".

Auch für die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, gehören Katastrophenszenarien zum Repertoire. Die Französin gab den Euro-Rettern kürzlich noch drei Monate, um die Krise in den Griff zu bekommen. Und Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker warnte erst diese Woche wieder vor dem Zerfall der Währungsunion: "Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren."

Die Alarmisten teilen die Grundüberzeugung, dass bisher alle Bemühungen zu zögerlich waren: die Euro-Rettungsschirme zu klein, die Hilfspakete zu spät oder die Intervention der EZB am Markt zu zaghaft. Und deshalb hat sich die Krise über die vergangenen zwei Jahre immer weiter verschärft.

Unterstützung finden die Wortführer des großen Rettungswurfs bei vielen angelsächsischen Ökonomen, die vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisieren, da sie beharrlich weitreichende Maßnahmen ablehnt und nur kleine Schritte gehen will. "Too little, too late", finden die Alarmisten.

Ihnen schweben unterschiedliche Rettungsinstrumente vor, die alle sehr viel radikaler sind als das, was die Euro-Staaten bisher auf den Weg gebracht haben. Die einen plädieren für Euro-Bonds, also gemeinsame Anleihen und damit die Vergemeinschaftung der Schulden.

Die Franzosen wollen die EZB stärker einsetzen. Sie soll nach dem Vorbild der US-Notenbank Fed unbegrenzt Staatsanleihen kaufen. Wieder andere wie Monti wollen dem Rettungsschirm ESM durch Zugang zur EZB unbegrenzte Feuerkraft verleihen.

Gegen solche Ansinnen gibt es in Deutschland harten Widerstand. Dabei wird vor allem ein Argument vorgebracht: All diese Großlösungen würden den Druck von den Krisenländern nehmen, die notwendigen Reformen anzupacken, um ihre Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen.

Dieses Risiko sehen auch viele Alarmisten. So will EZB-Präsident Mario Draghi klammen Ländern nur noch dann helfen, wenn sie zuvor unter den Rettungsschirm geschlüpft sind und sich so zu scharfen Auflagen verpflichtet haben.

Den Konflikt zwischen Hilfe und eigenen Reformbemühungen bestreiten Lagarde, Juncker und Co. nicht, sie halten ihn aber nicht für so zentral. Denn nach ihrer Analyse liegen die Probleme nicht nur in den Krisenländern selbst.

Nach ihrer Ansicht gibt es systemische Probleme in der Währungsunion, etwa das Fehlen einer gemeinsamen Finanzpolitik oder das enge Mandat der EZB, die nur der Preisstabilität verpflichtet ist. Viele Investoren hätten der Euro-Zone wegen dieser Konstruktionsfehler den Rücken gekehrt – und solange die nicht behoben sind, werden die Geldgeber nicht wiederkommen

Als Beleg für die These führen die Alarmisten Spanien an. Die Regierung in Madrid kürzt, spart und verabschiedet wirtschaftsfreundliche Gesetze am laufenden Band – und trotzdem steigen die Risikoaufschläge auf spanische Anleihen.

Die Investoren honorieren die Reformen nicht. Die höheren Renditen begründen zugleich neue Zweifel, ob das Land aus der Krise kommen kann. Ein Teufelskreis. Und den können die Euro-Länder nach Ansicht der Alarmisten nur gemeinsam durchbrechen.

Demnach geht die größte Gefahr nicht von reformunwilligen Krisenstaaten aus, sondern von Bundesregierung und Bundesbank, die alle Radikallösungen wie Euro-Bonds oder die EZB-Bazooka bekämpfen. Deshalb zielen die Alarmisten mit ihren Appellen oft auf Deutschland: Wenn Merkel ihren Kurs nicht ändert, ist der Euro verloren.

Die Beschwichtiger

Rettungspakete sind gut, Reformen sind wichtiger – nach dieser Devise verfährt vor allem die deutsche Seite auf der Suche nach einer Lösung der Euro-Schuldenkrise. Zwar haben auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU) ein ums andere Mal angekündigt, "alles" für den Erhalt des Euro tun zu wollen. Aber alles bedeutet nach deutscher Lesart eben nicht gleich all das, was sich die Alarmisten in Italien, Spanien, Frankreich oder beim Internationalen Währungsfonds (IWF) vorstellen.

Besonders deutlich wird das beim Streit um eine mögliche Banklizenz für den Rettungsfonds ESM. Die Deutschen sind strikt dagegen, dass das Hilfsvehikel mehr oder weniger unlimitiert auf EZB-Geld zugreifen kann. Sie halten einen Rettungsfonds mit unbegrenzten Mitteln für ein gefährliches Instrument zur Finanzierung von Staatsschulden.

Ihre größte Befürchtung ist, dass durch solche Rettungsmaßnahmen der Reform- und Sparwille in den Krisenländern erlahmt – und jene Länder des Euro-Raums, die solide gewirtschaftet haben und über hohe Ersparnisse verfügen, am Ende über sinkenden Wohlstand und steigende Inflation die Zeche für alle bezahlen.

Besonders eindringlich warnt daher Bundesbank-Präsident Jens Weidmann vor jeglichem Aktionismus im Rettungsgeschäft Europas. Pläne, wonach die EZB demnächst wieder in großem Umfang Staatsanleihen der Krisenländer an den Finanzmärkten kaufen könnte, lehnt er strikt ab.

Selbst die jüngste Idee der Währungshüter aus dem Eurotower, nur einzuschreiten, nachdem ESM und das Vorgängermodell EFSF aktiviert wurden und das Krisenland sich damit dem Hilfsdiktat der Retter unterworfen hat, birgt aus der Sicht der Beschwichtiger unnötige Risiken. Denn was passiert, wenn sich die Regierung eines Landes einmal nicht mit dem ESM über die Auflagen einigen kann? Soll die EZB dann an der Seitenlinie stehen und abwarten – selbst auf die Gefahr eines Staatsbankrotts hin?

Ganz einig sind die Beschwichtiger allerdings bei der Ablehnung der möglichen Maßnahmen nicht. Merkel hat vor allem kein Interesse an neuen Aktionen des Rettungsschirms, da sie beim Schnüren solcher Milliardenpakete um eine Zustimmung ihrer schwarz-gelben Koalition fürchten muss. Insofern dürfte es der Bundesregierung nicht ganz ungelegen kommen, wenn im Notfall die EZB einspringt – auch wenn sie das öffentlich nie zugeben würde.

Einig sind sich die Beschwichtiger darin, dass es derzeit gar keinen akuten Notfall gibt. So wiegelt Schäuble ab, dass etwas höhere Zinsen kein Weltuntergang seien. Da Italien und Spanien in den nächsten Wochen keine großen Summen einsammeln müssen, drohen kurzfristig keine Engpässe. Viele Beschwichtiger halten die höheren Zinsen sogar für hilfreich, schließlich sind sie eine Mahnung an die Krisenländer, bei den Reformen nicht nachzulassen.

Aus dieser Sicht kommt es in den kommenden Wochen und Monaten vor allem auf eines an: zügige Reformen, glaubhaft verkündet und konsequent umgesetzt. Dies sei der einzige Weg, um das Vertrauen an den Finanzmärkten zurückzugewinnen. Die drückende Zinslast würde dann ganz von selbst wieder sinken.

Gleichzeitig dürften sich die Reformen nach und nach positiv auf die Wirtschaftskraft und Wettbewerbsfähigkeit der finanzschwachen Länder auswirken. Steigende Exporte und sinkende Leistungsbilanzdefizite, eine anziehende Konjunktur und ein sich belebender Arbeitsmarkt wären das Ergebnis solcher Reformmühen – und der beste Beleg dafür, dass es sich auch in Krisenzeiten lohnt, einen langen Atmen zu haben.

Dieser Weg wird Zeit brauchen, das bestreiten auch seine Anhänger nicht. Aber aus ihrer Sicht haben Länder wie Spanien und Italien diese Zeit – und wer das Gegenteil behauptet, ist eben ein Alarmist.

Wie der Aufkauf von Staatsanleihen funktioniert

Im Kampf gegen die Schuldenkrise will die Europäische Zentralbank (EZB) künftig womöglich wieder Anleihen von Krisenstaaten der Euro-Zone aufkaufen. EZB-Chef Mario Draghi sagte, in den kommenden Wochen werde die Zentralbank die Bedingungen für Antikrisen-Maßnahmen wie diese ausarbeiten. Ein solcher Aufkauf der Anleihen von Staaten wie Spanien oder Italien soll die Märkte beruhigen und den Ländern helfen – ist aber nicht ohne Gefahren.

 

Wie funktionieren Staatsanleihen?

Mit Staatsanleihen nehmen Staaten Schulden auf, um ihre Ausgaben zu finanzieren. Die Anleihen sind also im Kern Schuldscheine. Als Wertpapiere bieten die Anleihen Anlegern – das können Großinvestoren wie Banken und Versicherungen oder Privatleute sein – eine Verzinsung.

Von der Laufzeit her können diese Papiere kurz-, mittel- oder langfristig sein. Ein Beispiel für Staatsanleihen in Deutschland sind die Bundesanleihen mit Laufzeiten von zehn oder 30 Jahren. Staaten geben regelmäßig neue Anleihen aus oder stocken bestehende Programme auf.

Wie läuft der Kauf von Schuldpapieren ab?

Investoren können Staatsanleihen auf verschiedenen Wegen erwerben. Werden Schuldscheine neu ausgegeben, kaufen Anleger diese direkt bei den Staaten. Bei diesen Anleiheauktionen – der sogenannte Primärmarkt – bekommen jene Investoren den Zuschlag, welche die niedrigsten Zinsen verlangen und dem Staat damit praktisch das günstigste Darlehen geben.

Einmal ausgegebene Anleihen können auf dem sogenannten Sekundärmarkt gehandelt werden. Die EZB darf nicht auf dem Primärmarkt aktiv werden. Dies entspräche direkter Staatsfinanzierung, die der EZB in den EU-Verträgen verboten ist. Die Notenbank kauft jedoch auf dem Sekundärmarkt Anleihen auf, also über die Börse oder direkt von Investoren.

Welches Ziel steht hinter einem Kauf von Staatsanleihen durch die EZB?

In der Euro-Schuldenkrise sind die Zinsen für neue Anleihen einzelner Staaten teils dramatisch angestiegen. Zuletzt hatten Anleihen in Spanien die Schwelle von sieben Prozent überschritten. In Zinsen drückt sich das Risiko aus, das Investoren hinter Anleihen vermuten.

Es waren also Zweifel gewachsen, ob Spanien seine Schulden zurückzahlen kann. Zinsen über sieben Prozent gelten als längerfristig nicht tragbar. Mit dem Aufkauf und der dadurch entstehenden Nachfrage nach Staatsanleihen kann die EZB Druck von den Ländern nehmen.

Welche Gefahren birgt der Schuldtitel-Kauf durch EU-Institutionen?

Experten zufolge birgt der Aufkauf von Staatsanleihen durch Institutionen wie die EZB die Gefahr, dass mit niedrigeren Zinsen der Reformdruck auf Krisenstaaten schwindet – und damit der Druck, ihre Schulden zu reduzieren.

Gleichzeitig geht das Risiko, das den Papieren anhaftet, auf die Institutionen über und damit auf deren Träger. Bei der EZB ist das die Gemeinschaft der 17 Euro-Staaten. Kommt durch den Aufkauf von Anleihen wiederum mehr Geld in Umlauf, kann dies die Inflation anheizen.

Welche Rolle kann der Euro-Rettungsschirm ESM beim Anleihe-Aufkauf spielen?

Einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" zufolge plant EZB-Chef Mario Draghi den koordinierten Aufkauf von Staatspapieren durch die Zentralbank und den geplanten Euro-Rettungsschirm ESM. Der ESM soll demnach direkt auf dem Primärmarkt Regierungen Papiere im kleineren Umfang abkaufen, um Zinsdruck zu nehmen – begleitend zu den Aufkäufen der EZB am Sekundärmarkt.

 

 

Quelle: AFP

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Zoff im Zentralbankrat
  • Ernüchterung

    Was hatten sich die Finanzmärkte nicht alles erhofft von der Zinssitzung der Europäischen Zentralbank in dieser Woche: Über milliardenschwere Käufe von Staatsanleihen und konzertierte Aktionen mit den Regierungen war spekuliert worden. Doch am Ende stand nur Rhetorik. EZB-Präsident Mario Draghi, der die Märkte im Juli mit dem Versprechen, man werde „alles tun, um den Euro zu retten“ in helle Aufregung versetzt hatte, kündigte zwar weitere unkonventionelle Maßnahmen an, um die Krise zu bekämpfen. Zuerst solle aber die Politik tätig werden.

  • Attacke

    Umso redseliger gab sich der Italiener dafür bei der Frage, ob die Entscheidung für ein stärkeres Eingreifen der EZB einstimmig gefallen sei. „Es ist klar und bekannt, dass Herr Weidmann und die Bundesbank ihre Vorbehalte gegen ein Programm zum Kauf von Staatsanleihen haben“, sagte Draghi da. Für eine Notenbank, die sonst peinlich genau darauf achtet, die Protokolle ihrer Ratssitzungen geheim zu halten, ein ungewöhnlicher Satz. Während einige Beobachter daraus eine Eskalation des Streits im EZB-Rat lesen, verweisen andere darauf, dass die deutschen Euro-Hüter ihre Position vorab sehr deutlich geäußert haben. Ohnehin wäre klar gewesen, wer gegen Draghis Pläne optiert haben dürfte. Einen Gefallen hat sich der EZB-Präsident allerdings nicht getan: Eine gesichtswahrende Lösung für alle zu finden, wird immer schwieriger.

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