Euro-Schuldenkrise
Chef der VTB-Bank erwartet eine Rezession
Andrej Kostin, der Chef der zweitgrößten Bank Russlands, sagt Europa eine harte Zeit voraus. Er fordert eine globale Bankenaufsicht – und rät in der Krise zu mehr Staatshilfen.
Die staatliche russische Bank VTB ist hinter der Sberbank die Nummer zwei im Land und wirbt mit der VTB Direct auch in Deutschland um Kunden. Im vergangenen Jahr schluckte sie die landesweite Nummer fünf, die "Bank of Moscow" – was sich nun als schwere Bürde erweist. Denn nach dem Kauf trat in dem Institut ein Finanzloch von fünf Milliarden Euro zutage.
Auch die Schuldenkrise in Europa lässt die VTB nicht kalt. Vorstandschef Andrej Kostin setzt inmitten dieser Probleme auf Besonnenheit. Sein Vorschlag: weniger Tempo beim Wachstum, eine stärkere Bankenaufsicht – und vor allem Vertrauen auf die Hilfe des Staates.
Kostin empfängt im 58. Stock seiner Moskauer Zentrale, der Blick fällt durch die Glaswand direkt auf die Regierungsgebäude, auch auf den Kreml. Immer wieder wurde seiner Bank eine nicht nur geografische Nähe zur russischen Führung vorgeworfen – sondern auch eine politische. Ein Gespräch über Abhängigkeiten, über die Idee einer Bankenunion, über Risiko – und den sorglosen Umgang mit privatem Geld.
Berliner Morgenpost: Welche Lehren haben Sie aus der Wirtschaftskrise gezogen?
Andrej Kostin: Das Risikoniveau und die Wachstumsgeschwindigkeit der Bank zu senken. Die VTB ist binnen zehn Jahren um das 35-fache gewachsen. Jetzt denken wir, dass zehn bis 15 Prozent pro Jahr normal sind. Wir sind heute weniger abhängig von Finanzierungsquellen aus dem Ausland. Und wir wissen, dass uns die Zentralbank unterstützen kann. Aber wir versuchen das zu minimieren.
Berliner Morgenpost: Europa diskutiert über eine Bankenunion. Damit würden die Institute aus EU-Steuergeldern direkt kapitalisiert und nicht die Aktionäre für Verluste haften. Werden auf diese Weise alle Schleusen geöffnet?
Kostin: Ich habe Mitleid mit meinen Kollegen. Mich erinnern die europäischen Banker an Leute, die zur Todesstrafe verurteilt sind und auf die Vollstreckung warten. Wir in Russland haben den Crash 1998 erlebt. Nur die Staatsbanken haben mit Staatshilfe überlebt. Und die Privatbank Alfa-Bank mit der Hilfe großer Aktionäre. Wenn Europas Banken heute ähnlich substanzielle Verluste erleiden würden, dann haben sie in einem gewissen Ausmaß wahrscheinlich das Recht auf Kompensation. Denn wir haben eine Krise der Staatsschulden.
Berliner Morgenpost: Aber wir haben auch das Problem geringer Kernkapitalquoten der Banken.
Kostin: Die Verschärfung der Bankenregulierung belastet die Banken zusätzlich. Und deshalb braucht es Maßnahmen einer gewissen Unterstützung. Aber ich will andererseits auch nicht die Regierungen dafür kritisieren, dass sie wenig und spät handeln, denn Entscheidungen über Hunderte Milliarden fallen schwer. Ich bin pessimistisch und erwarte eine Rezession. Aber es ist nicht das Ende der Welt.
Berliner Morgenpost: Bei der Bankenunion bestünde ja das Problem, dass im Vertrauen auf Staatshilfe leichtfertig agiert wird – und dass die Aufsichtsorgane den Geschäftsbetrieb einer Bank nie so genau kennen können wie ein Landesbudget.
Kostin: Man redet ja vorerst nur von einer beschränkten Anzahl an Banken – und zwar den größten. Ich denke, damit kann man beginnen. Wenn wir die EU und den Euro retten wollen, gibt es keine Alternative zu einer Bankenunion und einer Stärkung der Fiskalintegration.
Berliner Morgenpost: Dass man in eine Bank schlecht hineinschauen kann, haben auch Sie leidvoll erfahren: Sie haben im Vorjahr Russlands fünftgrößtes Geldhaus gekauft, die "Bank of Moscow", in der dann ein Finanzloch von 5,3 Milliarden Euro auftauchte.
Kostin: Ja, das vorherige Management hatte alle Regeln verletzt. Aber warum hat die Aufsicht das nicht vorher zutage gefördert? Fünf Milliarden Dollar waren einfach auf Offshore-Firmen mit unbekannten Begünstigten transferiert worden.
Berliner Morgenpost: Sie mussten auf Geheiß der Regierung immer mal wieder Unternehmen vor dem Bankrott retten. Wie viel Freiraum hat man eigentlich in Ihrer Position?
Kostin: Die Rolle der Regierung ist nicht sehr groß. Sie kann das Management ernennen oder austauschen. Aber in die operative Tätigkeit mischt sie sich nicht ein. Putin hat mir nie vorgeschrieben, einen Kredit zu vergeben. Nur in der Krise haben ihn soziale Folgen beunruhigt, wo wir Betriebe eigentlich hätten in den Bankrott schicken müssen.
Berliner Morgenpost: Es waren also kein Befehle, sondern – wie man in Russland gern sagt – Wünsche, die man nicht ausschlagen kann?
Kostin: Wie in Deutschland, so kann man auch in Russland Wünsche ausschlagen. Aber im Unterschied zu vielen westlichen Ländern, in denen die Politiker den Banken die Schuld zuschieben wollten, hat Russlands Staatsführung die Banken verteidigt.
Berliner Morgenpost: Hoffen Sie, dass die EZB die Leitzinsen weiter senkt?
Kostin: Schwer zu sagen. Vielleicht hilft das billige Geld, das Problem der Liquidität zu lösen. Aber westliche Banker sagen mir, dass dennoch Risiken im System bestehen, weil das Problem der Kapitalanforderungen so groß ist, dass die Banken die Bilanzsumme nicht erhöhen und Kredite nicht mehr ausgeben. Einer der Auswege ist wohl, Geld zu drucken. Am Ende muss man eine gewisse Inflation in Kauf nehmen.
Berliner Morgenpost: Also eine harte Währungspolitik ziehen Sie gar nicht in Betracht?
Kostin: Sie würde keinen schnellen Effekt liefern. Das Problem ist ja, dass man das Wirtschaftswachstum nicht völlig abwürgen darf. Deshalb braucht es Staatsausgaben.
Berliner Morgenpost: Wo horten Sie Ihr Geld?
Kostin: Ich habe einen sehr sorglosen Umgang damit.
Berliner Morgenpost: Das kann man sich vielleicht leisten, wenn man genug hat.
Kostin: Ich habe Aktien der VTB, Spareinlagen, manchmal kaufe ich das eine oder andere Wertpapier, aber sehr selten.
Berliner Morgenpost: Und in welcher Währung handeln Sie?
Kostin: In Rubel und Dollars. In letzter Zeit ziehe ich konservatives Vorgehen vor. Es ist besser, sein Geld in bar zu halten.
Berliner Morgenpost: Wird der Ölpreis, der für Russland so wichtig ist, steigen?
Kostin: Nein, aber auch nicht sehr fallen. Ich komme gerade von einem Treffen mit Ölmanagern. Sie rechnen mit 80 bis 100 Dollar je Barrel.
Berliner Morgenpost: Das erfordert für Russland Budgetdisziplin. Erwarten Sie eine Zuspitzung im Herbst?
Kostin: Es sind sich wohl alle darin einig, dass die jetzige Struktur der Rohstoffwirtschaft nicht zufriedenstellen kann. Der WTO-Beitritt ist ein wichtiger Schritt, weil er die Konkurrenz seitens westlicher Unternehmen verschärft und zu mehr Effizienz zwingt. Ich denke, wir werden uns mehr für ausländische Investitionen öffnen müssen.
Berliner Morgenpost: Zum heißen Herbst haben Sie noch nicht geantwortet.
Kostin: Die Regierung bereitet sich vor. Ohne einen wirtschaftlichen Zusammenbruch wird der soziale Protest in Russland keine großen Ausmaße annehmen.
Berliner Morgenpost: Im März sagten Sie, Putin solle versprechen, 2018 nicht für eine weitere Amtszeit zu kandidieren.
Kostin: So habe ich es nicht gesagt. Es war vor den Wahlen, bei denen Putin ja eine große Unterstützung erhielt. Was ich meinte, war, dass Putin zwei Reservekarten hat: Wenn er seine Popularität erhöhen will, kann er die Mannschaft austauschen, was immer begrüßt würde. Oder er erklärt, er bleibe nur noch eine Amtszeit, wodurch er außergewöhnliche Unterstützung erhalten und sich an einschneidende Reformen machen könnte. Ich würde sagen, schauen wir, was er in nächster Zeit macht.
Berliner Morgenpost: Die russischen Staatsbanken machen jedenfalls im Inland auf Expansion, obwohl sie ohnehin schon dominant sind. Liegen darin auch Gefahren verborgen?
Kostin: Ich sehe keine. Jedes Land hat seine Geschichte. In China ist die Rolle der Staatsbanken noch stärker. Westliche Banken gehen heute wegen der Krise und des Kapitalmangels aus Russland weg. Wir nehmen ihre Nischen ein. Im Übrigen bin ich ein Anhänger von Großbanken in der Welt und möchte auch mit der VTB ein globales Finanzinstitut werden. Es braucht nur ein anderes Niveau von Bankenregulierung: eine globale Aufsicht.

















