27.07.12

Unternehmensführung

"Der Alphamann als Leitfigur stirbt aus"

Die Familienforscherin, Unternehmerin und Staatsrätin der Stuttgarter Landesregierung,Gisela A. Erler, über überholte Spielregeln der Macht und die verkannte "Fleißbienchen".

Foto: DPA
Gisela A. Erler
Gisela A. Erler (Bündnis 90 / Die Grünen), Staatsrätin in Baden-Württemberg, Unternehmerin und Familienforscherin

Warum gibt es so wenige Frauen in Toppositionen? Weil sie anders ticken als Männer, sagt Gisela A. Erler (66), die lange Zeit Chefin eines reinen Frauenunternehmens war. In ihrem Buch "Schluss mit der Umerziehung" fordert die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung in der Landesregierung von Baden-Württemberg den "artgerechten Umgang mit den Geschlechtern".

Berliner Morgenpost: Frau Erler, was ist schön daran, Chefin zu sein?

Gisela A. Erler: Dass ich mit den Menschen, die mit mir arbeiten, viel mehr stemmen kann als alleine. Sie zu begeistern, so dass sie Lust haben, neue Dinge auszuprobieren. In diesem motivierenden Sinne bin ich gern Chefin.

Berliner Morgenpost: Ihre Erfahrungen in Ihrem eigenen Unternehmen scheinen sich nicht mit denen anderer Frauen zu decken: Nach der Lektüre Ihres Buches hatte ich den Eindruck: Chefin, das ist die unmöglichste Rolle der Welt. Man muss sich eine Palette wesensfremder Verhaltensweisen antrainieren, macht sich damit alle zum Feind und kann sich selber nicht mehr leiden.

Erler: Frauen, die in stark männlich geprägten Unternehmen eine Führungsrolle einnehmen und sich dabei selbst verleugnen müssen, kann das passieren – im schlimmsten Fall. Was Frauen bereits den Aufstieg so schwer macht, ist die Denkstruktur in den Unternehmen, die Organisation, der Kommunikationsstil. Die Spielregeln sind männlich geprägt.

Berliner Morgenpost: Und die können Frauen nicht lernen?

Erler: Doch. Aber es ist schwierig. Was in männlich geprägten Unternehmen zählt, sind Rangordnungen, Wettbewerbsanreize wie Boni und die Bereitschaft, die Ellbogen einzusetzen. Die meisten Frauen aber mögen keinen Wettbewerb, er blockiert ihren Leistungswillen. Sie gehen gern auf eine persönliche Ebene und haben Probleme damit, starre Hierarchien zu akzeptieren. Wenn sie sich also auf den männlichen Arbeitsstil einlassen, müssen sie ihr Wesen regelrecht umklappen.

Berliner Morgenpost: Sie fordern einen "artgerechten Umgang mit den Geschlechtern". Das kann man leicht missverstehen: Frauen, lasst das mal mit der Karriere, da macht ihr euch nur kaputt.

Erler: Ich bitte Sie, so ist es nun wirklich nicht gemeint, natürlich will ich, dass Frauen mehr erreichen, dafür stehe ich ja mit meiner ganzen Biografie. Aber: Es ist ein Irrglaube, dass sich Männer und Frauen immer mehr angleichen. Es gibt diese Unterschiede. Sie stimmen vielleicht nicht für alle Männer und Frauen, aber für viele. Schon als Kind reagieren die Geschlechter auf unterschiedliche Leistungsanreize. Ich werde Jungs nicht motivieren, wenn ich auf Wettbewerb verzichte, aber ich kann die Mädchen nicht motivieren, wenn ich sie mit aller Macht da hinein dränge.

Berliner Morgenpost: Und falls sie es dahin bringen, Chefin zu werden, haben sie ein Problem?

Erler: Das Hauptrisiko ist, dass sie dann gern in eine Art mütterlichen Kontrollwahn verfallen. Nach dem Motto: Jetzt bin ich Chefin, o Gott, jetzt muss ich aber auch dafür sorgen, dass alles richtig gemacht wird. Damit drängen sie aber genau das zurück, für das sie doch eigentlich befördert wurden: ihre Kreativität, ihren Weitblick, die guten Ideen und ihre Fähigkeit, die Dinge mit den anderen zusammen voranzutreiben. Stattdessen konzentrieren sie sich ängstlich darauf, dass ihre Mitarbeiter bloß keine Fehler machen. Sie bräuchten eine Unternehmenskultur, die sie aus dieser Angst herausholt. Sonst wirken solche Chefinnen auf andere Frauen nicht beispielhaft, sondern entmutigend.

Berliner Morgenpost: Liegt der Mangel an weiblicher Führungskraft nicht auch an den Frauen selber? Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin von Facebook, hat kürzlich jungen Uniabsolventinnen ins Gewissen geredet: Seid ehrgeiziger!

Erler: Natürlich ist es gut, wenn wir Mädchen so erziehen, dass sie sich vorstellen können, Polarforscherin zu werden, Astronautin oder Chefin. Aber der Weg dahin ist für viele Frauen eigentlich nur gangbar, wenn sie ihren Hang zu Kooperation nicht unterdrücken müssen. Davor, rücksichtslos werden zu müssen, schrecken viele zurück. Für sie heißt Ehrgeiz eher: Ich möchte die Arbeit gut machen, auch Verantwortung übernehmen. Ich möchte dafür aber nicht meine Freundlichkeit, meine Kooperationsfähigkeit und meine Umsicht aufgeben.

Berliner Morgenpost: Die Frage ist, ob sich junge Frauen diese Haltung leisten können. Sie haben ja beschrieben, wie die berühmten netten Fleißbienchen oft nicht weiter kommen – sie sind als Bodenpersonal einfach zu nützlich.

Erler: Frauen haben mittlerweile sehr umfassende und fachlich oft größere Kompetenzen als Männer. Natürlich können sie auch führen, motivieren, strategisch denken. Deshalb müsste eine Unternehmensführung ihren Scheinwerfer mal von den Selbstdarstellern abwenden und auf diese Frauen richten. Dann würde sie erkennen: Aha, die hat alle Tugenden einer Arbeitsbiene, ist aber offensichtlich auch sehr kompetent und weitsichtig, der muss man den Mut zu geben, einen neuen Schritt zu machen.

Berliner Morgenpost: Unternehmer sind keine Menschheitsverbesserer, warum sollten sie bewährte Strukturen wie Wettbewerb und Rangordnung aufgeben?

Erler: Ganz aufgeben müssen sie das ja nicht. Aber es ist längst bewiesen, dass Unternehmen, in denen auch Frauen das Sagen haben können, am Markt innovativer, nachhaltiger und erfolgreicher sind. Außerdem: Wir sind in Europa, die Gleichstellung von Frauen entspricht unserem Wertekodex. Da ist es einfach nicht mehr akzeptabel für ein Unternehmen, mit seiner Führungsriege daherzukommen wie ein Araberstamm.

Berliner Morgenpost: Also: Quote?

Erler: Ich war immer sehr dagegen, aber mittlerweile glaube ich, dass eine Frauenquote die Entwicklung beschleunigen kann. Das ist wie mit dem Rauchverbot: Wenn man einfach Normen setzt, sehen die Leute, ach, das geht ja wunderbar.

Berliner Morgenpost: Als Sie Ihre eigene Firma Familienservice gründeten, hatte sie eine Frauenquote von 100 Prozent. Wie geht es in einem reinen Frauenunternehmen zu?

Erler: Es gibt keine Bestrafungskultur, sondern eine Vertrauenskultur: flexible Arbeitszeiten und die konsequente Bereitschaft, private Ereignisse zuzulassen.

Berliner Morgenpost: Das heißt, wenn das Kind krank ist, kann die Mutter nach Hause?

Erler: Ja. Oder jemand muss zum Tierarzt. Oder der Lover aus Südamerika kommt gerade mal vorbei. Die Kollegin muss das dann nicht lange erklären. Sondern...

Berliner Morgenpost: ... sie kann ganz einfach abhauen?

Erler: Ja. Krankschreibungen haben wir auch abgeschafft. Die Leute kommen freiwillig und engagiert.

Berliner Morgenpost: Und das funktioniert?

Erler: Das klingt jetzt vielleicht nach Kuschelpädagogik. Aber tatsächlich bekommen wir viel dafür zurück. Die Frauen sind unglaublich motiviert. Je mehr man das zulässt, umso mehr bringen sie in die Arbeit ein, zeigen Ehrgeiz und sind sie dann auch bereit, umzuziehen oder einen Filialleiterjob zu übernehmen.

Berliner Morgenpost: Mittlerweile hat Ihre Firma 1400 Angestellte, darunter auch Männer. Haben sie das Arbeitsklima verändert?

Erler: Das ist nicht unkompliziert: Frauen sind oft ungeduldig gegenüber den Männern, haben das Gefühl, die denken zu eindimensional oder wollen die Arbeit immer delegieren. Wir versuchen deshalb meistens, mehrere Männer in ein Team zu setzen, damit sie nicht so isoliert sind.

Berliner Morgenpost: Sie plädieren nicht für getrennte Welten?

Erler: Nein, die Zukunft liegt in gemischten Teams. Dafür muss man neue Spielregeln einüben.

Berliner Morgenpost: Was sind die wichtigsten Spielregeln?

Erler: Ein wichtiger Punkt ist die Motivation. Das Bezahlsystem muss davon geprägt sein. Was Männern Freude macht, nämlich einfach mehr Status, mehr Geld, mehr Auto, das ist bei Frauen nicht die zentrale Motivation. Um die Frauen bei der Stange zu halten, muss ich daher zusätzliche Belohnungssysteme entwickeln: ein gutes Arbeitsklima, Wertschätzung, Flexibilität. Aufmerksamkeit.

Berliner Morgenpost: Werden das auch Männer schätzen?

Erler: Natürlich. Viele Männer machen nicht mehr so auf Ellbogen und wollen mehr Zeit für ihre Familie. Außerdem wollen auch sie lieber kollegial arbeiten.

Berliner Morgenpost: Alle werden profitieren?

Erler: Alle bis auf einen: den Alphamann. Er stirbt als Leitfigur tendenziell aus. Diese neuen Spielregeln sind ja nicht nur für Frauen nützlich, sie sind die Zukunft der Unternehmen – jedenfalls in der westlichen Welt.

Berliner Morgenpost: Was macht Sie da so sicher?

Erler: Wir befinden uns in einer großen Auseinandersetzung zwischen Westeuropa und Amerika auf der einen Seite und China auf der anderen. Die große Frage, die auch Amy Chuas vieldiskutiertes Buch über die Tigermütter aufgeworfen hat, heißt: Ist die Zukunft erfolgreicher für autoritäre Systeme? Oder können wir unseren Weg relativer Gleichheit und flacher Hierarchien erfolgreich weitergehen? Ich bin überzeugt davon, dass wir mit flexiblen Vertrauenssystemen langfristig erfolgreicher sein werden.

Berliner Morgenpost: Mittlerweile haben Sie die Geschäftsführung abgegeben und sind in die Politik berufen worden: als Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung in Baden-Württemberg. Wie artgerecht ist das politische Milieu für Frauen?

Erler: Nicht besonders. Diese Machtspiele der Politik mit ihrer aggressiven Abgrenzung von anderen Parteien – es ist schwer, Frauen dafür zu gewinnen, sie mögen es lieber etwas sachlicher. In Baden-Württemberg sind nur 18 Prozent der Frauen in Parlamenten vertreten.

Berliner Morgenpost: Und wenn sie Staatsrätinnen werden, bekommen sie gar kein Geld dafür. Ist das wahr, Frau Erler, Ihr Ministerjob ist nur ehrenamtlich?

Erler: Ich bekomme immerhin eine Aufwandsentschädigung, außerdem finde ich Ehrenamtlichkeit für diese Aufgabe ganz passend – es gab übrigens auch schon Männer in diesem Amt.

Foto: dpa picture-alliance

Regine Stachelhaus verantwortet beim Energiekonzern E.on die IT-Sparte.

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