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24.07.12Südeuropa-Krise
Spanien bewegt sich zügig auf ein Zinsendesaster zu
Der Zinsdruck auf Spanien ist dramatisch gestiegen, mit Katalonien prüft eine weitere Region einen Antrag auf Staatshilfe. Doch ganz unter den Euro-Rettungsschirm will Madrid trotzdem noch nicht.
Von Ute Müller
Foto: DAPD
Der spanische Wirtschaftsminister Luis de Guindos scheint zu beten: Sein Land kommt nicht aus der Krise
Das krisengeplagte Spanien hat alle seine Trümpfe ausgespielt. Drastische Sparmaßnahmen, die größten Einschnitte im sozialen Netz seit dem Beginn der Demokratie, Steuererhöhungen, die Liberalisierung von Schlüsselsektoren.
Doch all die Reformen der konservativen Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy haben nicht das erhoffte Ergebnis gebracht. Im Gegenteil: Spanien rückt jeden Tag näher an den Abgrund, immer mehr Analysten befürchten, dass nach der Bankenrettung in Kürze das ganze Land unter den Rettungsschirm muss.
So ist der Zinsdruck in den vergangenen Tagen auf dramatische Höhen gestiegen, Spanien kann sich nur noch zu Rekordzinsen finanzieren, während die Börse in Madrid tagtäglich neue Tiefststände erreicht. Allerdings weigern sich die Politiker des Landes hartnäckig, das Wort "Intervention" in den Mund zu nehmen.
Wirtschaftsminister spricht von "irrationalen Märkten"
Wirtschaftsminister Luis de Guindos, der sich mit Finanzminister Wolfgang Schäuble traf, spricht da lieber von "irrationalen" Märkten. Die diplomatische Offensive zielt darauf ab, die Europäische Zentralbank (EZB) zum Eingriff zu bewegen, sie soll spanische Anleihen kaufen. Doch dazu wird es vorerst nicht kommen, wie EZB-Chef Mario Draghi in einem Interview mit der Zeitung "Le Monde" klarmachte.
Derweil blicken die internationalen Anleger mit Misstrauen auf das Land, das in einer hartnäckigen Rezession steckt und mit einer Arbeitslosenquote von 24,9 Prozent – bei jungen Menschen unter 25 Jahren ist sie gar doppelt so hoch – das Schlusslicht in der Euro-Zone bildet.
Wie die spanische Zentralbank zu Wochenbeginn bestätigte, gewinnt der Wirtschaftsabschwung an Fahrt. Gleichzeitig dürfte die Schuldenquote, die im vergangenen Jahr bei 68,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts lag, dieses Jahr fast die 80-Prozent-Marke erreichen.
Dritte Region erwägt Staatshilfe
Für die anhaltende Verunsicherung der Märkte sorgt auch die hohe Verschuldung der Regionen. Nach einem Bericht der Tageszeitung "El País" haben die 17 autonomen spanischen Regionen einen Schuldenberg von 140 Milliarden Euro angehäuft, von dem 36 Milliarden Euro noch in diesem Jahr refinanziert werden müssen.
Valencia und Murcia haben bereits einen offiziellen Hilfsantrag gestellt, als nächster Kandidat gilt Katalonien, die am höchsten verschuldete Region Spaniens. Katalonien habe noch nicht über einen Antrag auf Staatshilfe entschieden, doch sei dies "eine Möglichkeit, die geprüft wird", sagte eine Sprecherin der Regionalregierung. Sie räumte ein, dass Katalonien seit einem Jahr erhebliche Finanzierungsengpässe habe.
Spanier schauen angstvoll in die Zukunft
Auch der Zentralregierung in Madrid fehlt es an Einnahmequellen. Die vor einigen Monaten angekündigten Privatisierungen – wie etwa der Verkauf der Staatslotterie, der Flughafenbetreiber und der staatlichen Hotelkette Paradores – mussten wegen des schlechten Marktumfeldes auf unbestimmte Zeit verschoben werden.
In den spanischen Zeitungen wird nun immer häufiger die Frage gestellt, wie es wohl weitergeht, wenn ihr Land gänzlich unter den Rettungsschirm schlüpfen muss. Angstvoll schaut man auf das Nachbarland Portugal, wo die Steuererhöhungen noch drastischer ausfielen und der Sozialstaat radikal zusammengestrichen wurde. Ana Higuera (82), Rentnerin in Madrid, zu EU-Hilfen: "Wenn das die Lösung sein soll, dann verzichten wir lieber."
Im Rettungsfonds EFSF stehen noch 250 Milliarden Euro für Hilfen an Euro-Länder zur Verfügung – für Länder insgesamt, für Bankenhilfen oder für Vorsorge-Kredite.
Das betrifft auch mögliche EFSF-Hilfen zur Rekapitalisierung spanischer Banken. Im Juli soll dann der dauerhafte Rettungsschirm ESM starten.
Der Schutzwall um die Euro-Zone summiert sich dann auf etwa 800 Milliarden Euro.
ERSTES GRIECHENLANDPAKET
Das im Mai 2010 aufgelegte internationale Hilfspaket von EU, Internationalem Währungsfonds (IWF) und aus bilateralen Krediten der Euro-Partner umfasste 110 Milliarden Euro.
Bisher sind 73 Milliarden Euro in sechs Tranchen ausgezahlt worden, davon entfallen 52,9 Milliarden auf die Euro-Zone. Deutschland hat 15,17 Milliarden Euro beigesteuert, der IWF 20,1 Milliarden.
EFSF
Der erste, ebenfalls im Mai 2010 gestartete Rettungsschirm (Europäische Finanzstabilisierungsfazilität) kann Notkredite von bis zu 440 Milliarden Euro an Euro-Länder zahlen.
Davon sind bisher für Hilfsprogramme an Irland, Portugal und Griechenland rund 192 Milliarden Euro bereits verplant.
Von diesen zugesagten EFSF-Hilfen entfallen 17,7 Milliarden Euro auf Irland und 26 Milliarden Euro auf Portugal – der Rest auf Griechenland im Rahmen des zweiten Hilfspakets für Athen.
Das heißt, aus dem EFSF stehen noch rund 250 Milliarden Euro zur Verfügung, von denen im Höchstfall dann 100 Milliarden für Spaniens Banken abgehen könnten. Bislang hat das Land 30 Milliarden Euro bekommen. Das kleine Euro-Land Zypern benötigt rund vier Milliarden.
ESM
Der dauerhafte Euro-Rettungsschirm soll am 1. Juli starten. Er verfügt über Notkredite von 500 Milliarden Euro. Um den Schutzwall zu erhöhen, wurde das maximale Hilfsvolumen Ende März auf rund 800 Milliarden Euro aufgestockt.
Diese Brandmauer setzt sich zusammen aus: den bisher zugesagten EFSF-Finanzhilfen für Griechenland, Irland und Portugal von fast 200 Milliarden Euro, dem Kreditvergabevolumen des ESM von 500 Milliarden Euro, den bisher im Rahmen eines weiteren europäischen Hilfsfonds (EFSM/Europäischer Finanzstabilisierungsmechanismus) für Irland und Portugal gewährten Hilfen von 49 Milliarden Euro sowie den bisher ausgezahlten Hilfen aus dem ersten Griechenland-Paket von 53 Milliarden Euro.
Foto: DAPD
Aus vielen spanischen Städten sind Demonstranten nach Madrid gekommen, um gegen die Sparmaßnahmen der Regierung zu protestieren...
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