Automarkt
Autos überfluten den Berliner Markt - und drücken die Preise
Die Rabatte auf Neuwagen sind so hoch wie nie. Die Kunden sollten sich eigentlich darüber freuen. Doch auch der Wert der Autos sinkt.
Wann ist ein Kauf ein guter Kauf? Wenn es um den günstigsten Preis geht, dann müsste Goldgräberstimmung herrschen im Autogeschäft. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Händler überbieten sich mit Rabattangeboten und klagen gleichzeitig über Verluste. Eine aktuelle Studie stellt fest: "Im deutschen Automarkt läuft derzeit ohne hohe Rabatte nichts." Und in Berlin ist es noch schlimmer, sagt Hans-Peter Lange, Präsident des Landesverbandes Berlin-Brandenburg vom Zentralverband Deutsches Kfz-Gewerbe (ZDK).
"Da wird bares Geld zugesetzt"
Lange schimpft über den ruinösen Druck, den vor allem die Autohersteller ausübten. Indem sie trotz rückläufiger Nachfrage immer weiter Autos produzieren, die die Händler dann verkaufen müssen. Irgendwie. Und das bedeutet in der Praxis: über den Preis. "Wenn ich höre, dass es 19, 20 Prozent Nachlass gibt – das muss sich doch rechnen", sagt Lange. "Aber da wird bares Geld zugesetzt."
Zehn Prozent sei die Schmerzgrenze, doch Ferdinand Dudenhöffer, Automobilwirtschafter an der Universität Duisburg-Essen und einer der bekanntesten Automobilwirtschaftler Deutschlands, stellt andere Zahlen fest. Jeden Monat gibt er die Rabattstudie seines CAR-Instituts heraus. Dudenhöffer und seine Mitarbeiter registrieren die offiziellen Sonderangebote der Hersteller wie die Rabattaktionen der Händler und die Angebote der Internetvermittler. Die üben besonderen Druck auf die Händler aus: Bei durchschnittlich 12,8 Prozent liegen die Nachlässe der sogenannten offenen Hersteller-Aktionen, 19 Prozent können die Internetvermittler bieten. Im Januar waren es noch 15,9 Prozent. Der Rabatt-Index des CAR-Instituts ist von 103 Punkten Anfang 2011 über 111 im Januar 2012 auf jetzt 121 gestiegen. Dudenhöffer sagt: "Die europäische Krise ist im deutschen Automarkt angekommen."
Berlin tickt anders
Und in Berlin und Brandenburg könnte sie sich besonders stark auswirken. "Da sind Arbeitsplätze in Gefahr", sagt ZDK-Präsident Lange. Denn Berlin tickt anders als der Rest des Landes, hier nehmen zwei Entwicklungen die Händler in die Zange. Zum einen ist Berlin die deutsche Stadt mit der geringsten Motorisierung, es gibt hier weniger Autos pro Einwohner als anderswo, entsprechend gering ist die Nachfrage. Andererseits ist Berlin ein Markt, den kein Hersteller aufgeben will, was man etwa am Neubau der riesigen Audi-Niederlassung in Adlershof sehen kann.
Solche Werksfilialen, das ist auch bei BMW oder Mercedes so, haben in der Regel besonders viele junge Gebrauchtwagen oder Autos von Werksangehörigen im Angebot. Die waren schon als Neuwagen besonders preiswert, sind häufig wenig gelaufen und drücken zusätzlich das Preisniveau. Die Vertragshändler, die an Werkswagen nicht so gut herankommen, haben da ihre Tricks: Sie lassen Neuwagen für nur einen Tag auf den eigenen Betrieb zu und können sie dann günstiger als Gebrauchtwagen anbieten. So bleiben sie im Geschäft, machen aber keins.
Vor allem heute, da laut CAR die sogenannten taktischen Zulassungen 29,5 Prozent aller Neuzulassungen ausmachen, Tendenz ebenfalls steigend. Normal, sagt ZDK-Mann Lange, seien 15 Prozent. Doch heute sind drei von zehn Autos, die beim Kraftfahrtbundesamt als Neuzulassungen geführt werden, keine Neuwagen, die einen Käufer gefunden haben. Sondern sie werden flugs wieder abgemeldet und stehen weiter auf dem Hof, teils zu stark reduzierten Preisen.
Und auch der Käufer, der sich jetzt über sein Schnäppchen freut, wird einen Preis zahlen müssen. "Der Wagen, den er gekauft hat, ist ja ein Gebrauchtwagen", sagt ZDK-Mann Lange. Und Jahre später werde sicher nicht der einstige Listenpreis zugrunde gelegt, wenn der Wertverlust ermittelt wird. So arbeiten Hersteller, Händler und Kunden gemeinsam daran, den Wert der Ware Auto zu schwächen. "Das gibt es in keinem anderen Gewerbe", schimpft Lange.
Der ZDK-Präsident betreibt in Vetschau eine freie Werkstatt und sieht auch die Lage in Brandenburg nicht rosig. Hier ist das private Auto zwar wichtiger als in Berlin mit seinem gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehr, doch die demografische Entwicklung erschwert das Geschäft: Junge Leute, die gute Jobs woanders bekommen, wandern ab und kaufen ihre Autos nicht mehr in der Heimat. Also drehen auch Brandenburger Händler beim Preis an der Abwärtsspirale.
"Händler müssen Nein sagen"
Lange wirft den Autoherstellern vor, am Markt vorbei zu agieren und den Druck der sinkenden Nachfrage schlicht an den Handel weiterzureichen. "Vertragshändler haben eine Abnahmepflicht für einzelne Gebiete und Marken." Das bedeutet: Die Fließbänder laufen, die Transporter werden beladen, und die Autos kommen an. Dann stehen sie da, kosten Zinsen und werden irgendwann unter Wert verkauft, weil das immer noch besser ist, als die Finanzierung ewig aufrechtzuerhalten.
Laut Ferdinand Dudenhöffer sind von der Rabattkrise nicht nur angeschlagene Marken wie Opel betroffen, die gleichwohl die höchsten Nachlässe gewähren. So registrierte das CAR-Institut im Juni bei Internetvermittlern einen durchschnittlichen Rabatt von 30,9 Prozent für den Opel Astra und 31,3 Prozent für den Kleinwagen Corsa. Das galt ausdrücklich für frei wählbare Neuwagen, keine Tageszulassungen (bei Opel: 35,2 Prozent). Doch sogar für den neuen VW Up gibt es laut Dudenhöffer bei einzelnen Händlern schon Nachlässe bis zu 29 Prozent.
"Die Industrie soll nicht so viel Druck auf den Handel ausüben", fordert Berlins ZDK-Präsident Hanspeter Lange. "Und die Händler müssen auch mal Nein sagen." Denn mit Dudenhöffers Studien gebe es zwei Probleme: Zum einen sind sie wahr. Und zum anderen ermuntern sie die Käufer, die davon gehört haben, nun ebenfalls hohe Rabatte zu fordern.

















