22.07.12

Sommerschlussverkauf

Einzelhandel lockt mit Rabatten bis zu 60 Prozent

Viele Kunden setzen nur noch auf reduzierte Ware. Das zwingt die Textilhändler zu günstigen Preisen. Und natürlich der verregnete Sommer.

Foto: DPA
Sale in Berlin
Den attraktiven Angeboten können viele Kunden nicht widerstehen

Den Verbrauchern in Deutschland stehen wahrscheinlich wunderbare Wochen und Monate bevor: Denn obwohl es den Sommerschlussverkauf offiziell schon seit Jahren nicht mehr gibt, lockt der Einzelhandel mit so vielen Rabatten wie schon lange nicht mehr: Nach einer Umfrage der Berater von Ernst & Young planen vier von zehn Textilhändlern, Ware um bis zu 60 Prozent zu reduzieren. Im Durchschnitt aller Handelssparten sollen die Preisabschläge bei rund 20 Prozent liegen.

Da aber jeder dritte Händler sagte, er mache seine Rabattpolitik von dem aktuellen Verlauf des Geschäfts und den Reaktionen der Konkurrenten abhängig, könnten die Prozentzeichen in den Läden womöglich sogar noch viel häufiger zu sehen sein und größer werden. Sonst nämlich bleiben die Ladenbetreiber auf ihren Waren sitzen. Längst erwarten die Konsumenten offenbar genau das: "Viele Kunden kaufen inzwischen nur noch reduzierte Ware", hat Thomas Harms, Konsumexperte bei Ernst & Young, festgestellt. 120 leitende Manager von führenden Handelsunternehmen waren dazu in den ersten Juli-Tagen befragt worden.

Kunde als Gewinner

In diesem Sommer kommen gleich mehrere Entwicklungen zusammen, die die Kunden zu den Gewinnern und die Händler zu den Verlierer machen könnten: Insbesondere die Lager der Textilhändler sind wegen des schlechten Wetters noch immer voll. Also wird schon jetzt über Rabatte "abverkauft" – so wie es eigentlich in jedem Jahr üblich ist. Zunehmend gibt es Rabatte überdies auch im Internet: Kunden können etwa Punkte oder Gutscheine sammeln, wenn sie einen Onlinehändler weiterempfehlen, und den Bonus dann beim nächsten Einkauf einlösen. Nach der Befragung arbeiten bereits 29 Prozent der befragten Firmen damit.

Auch Sonderrabatte, die ausschließlich registrierten Stammkunden offeriert werden, gibt es mehr und mehr. Jetzt allerdings kommt die Sorge der Händler hinzu, dass die bisher erstaunlich stabile Kaufneigung der Deutschen wegen der nicht enden wollenden Euro-Krise doch noch irgendwann kippen und die Kundschaft ausbleiben könnte. Sollte es Anzeichen dafür geben, werden wohl die Rotstifte noch einmal ausgepackt, um die Konsumenten doch noch zum Geldausgeben zu bewegen.

Furcht vor der Euro-Krise

Schon zwei von drei Händlern befürchten, dass sich die Konsumlaune wegen der Euro-Krise generell verschlechtern wird. Für sein eigenes Geschäft rechnet zwar noch jeder dritte Befragte mit einer Verbesserung – vor gut einem Jahr allerdings hatten das noch doppelt so viele Verkäufer erwartet. "Die Nervosität im Einzelhandel ist groß", sagt Harms, "sicher ist, dass schwierige Zeiten vor den Händlern liegen." Onlinehändler und Discounter sind inmitten dieser Unsicherheiten noch am optimistischsten, die Verantwortlichen in Fachgeschäften und Warenhäusern sehen dagegen eher schwarz.

Denn sie wissen, dass Rabattaktionen brandgefährlich sind. Diese gehen "auf Kosten der ohnehin schon geringen Profitabilität", sagt Harms. Die angeschlagene Baumarktkette Praktiker, die jahrelang vor allem mit ihrer Rabattaktion "20 Prozent auf alles" auf Kundenfang ging, gilt inzwischen als Parade-Abschreckungsbeispiel für diese Preispolitik. Denn die Firma kämpft inzwischen ums Überleben. Horrormeldungen kamen in diesen Tagen allerdings auch von anderen Händlern: Der Versandhändler Neckermann.de musste in dieser Woche Insolvenz anmelden, der Kaufhauskonzern Karstadt streicht 2000 Vollzeitstellen und die insolvente Drogeriekette Schlecker wird gerade abgewickelt.

Doch damit Geld in die Kasse kommt, lassen die Händler die Rabattitis dennoch weiter grassieren. Nach der Umfrage erklärten 32 Prozent der Teilnehmer, dass sie pro Jahr bis zu 20 Rabattaktionen fahren. Jeder Zehnte tut es sogar noch öfter. "Nach der Rabattaktion ist vor der Rabattaktion", beschreibt Harms die Situation. Tatsächlich wollen gerade mal 14 Prozent der befragten Vorgesetzten und Abteilungsleiter künftig seltener Verkaufswochen mit rabattierter Ware einläuten.

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