22.07.12

Gewinnwarnungen

Wirtschaftskrise erreicht die deutsche Industrie

Infineon, Deutz, Puma: Zahlreiche Firmen haben ihre Prognosen gesenkt. Jetzt könnte das Schwergewicht Siemens folgen.

Foto: DAPD
RWI erhoeht Konjunkturprognose
Ein Arbeiter in Berlin: Die deutsche Wirtschaft verliert an Dynamik

Die anhaltende Euro-Krise und das schwächere Wachstum in China machen jetzt auch der deutschen Industrie schwer zu schaffen. Viele Quartalszahlen, die Unternehmen in den kommenden Wochen präsentieren werden, dürften unter den bisherigen Erwartungen liegen.

Nachdem bereits der Halbleiterhersteller Infineon, der Motorenbauer Deutz sowie der Sportartikler Puma ihre Zahlen nach unten korrigiert haben, könnte jetzt Deutschlands größter Industriekonzern Siemens folgen.

Die Entwicklung bestätigt, dass die deutsche Industrie gegen die weltwirtschaftliche Entwicklung nicht immun ist. Zwar hält Deutschland der Krise bislang wacker stand, doch die Industrie stellt sich trotzdem auf harte Zeiten ein. Damit wird zunehmend fraglich, ob die erhoffte Erholung im zweiten Halbjahr wirklich kommen wird.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hatte in seinem Konjunkturbericht im April 2012 noch geschrieben, es bestünde "Anlass zur Zuversicht, dass sich die deutsche Wirtschaftsleistung in der zweiten Jahreshälfte deutlich beleben könnte". Ähnlich hatte sich auch Siemens geäußert.

Doch die Aussichten sind nicht gut. Der Internationale Währungsfonds (IWF) bezeichnet die europäische Schuldenkrise als das größte Risiko für die globale Konjunktur und korrigierte den globalen Wirtschaftsausblick nach unten.

Weltweit werde die Wirtschaft nur um 3,5 Prozent wachsen. 2013 sollen es 3,9 Prozent sein. Die Euro-Zone werde in diesem Jahr in einer Rezession sein – wobei Deutschland mit einem Prozent Wachstum noch gut dastehe.

"Steinige Straße" für Siemens

Bei Siemens liegt es gewöhnlich an Finanzvorstand Joe Kaeser, den Markt auf härtere Zeiten einzustimmen. So erklärte er bei einer Reise nach Washington Ende Juni, der Konzern müsse eine "steinige Straße" bewältigen, wolle er noch die Finanzziele für 2012 erreichen. Dabei hatte Siemens erst im Frühjahr seine Gewinnprognose gekappt – von sechs auf 5,2 bis 5,4 Milliarden Euro.

Mit Spannung wird daher der Auftritt von Siemens-Chef Peter Löscher erwartet, der am Donnerstag die jüngsten Zahlen zur Geschäftsentwicklung präsentieren wird. Viele fragen sich, ob er das Gewinnziel für das laufende Jahr noch einmal revidieren wird. Analysten erwarten nur noch einen Nettogewinn von 5,1 Milliarden Euro.

Die Krise macht sich auch beim Halbleiterhersteller Infineon bemerkbar. Das Geschäft läuft schlechter als erhofft. In der kommenden Woche wird Konzernchef Peter Bauer, der im September aufhört, vermutlich einen leicht sinkenden Umsatz für das abgelaufene Quartal melden.

Die Gewinnprognose für das dritte Quartal hatte er bereits Ende Juni gekappt. Dabei war Bauer noch lange davon ausgegangen, sowohl den Umsatz als auch die Gewinnmarge halten zu können. Ein stabiles Geschäft erwartet Bauer hingegen im vierten Quartal des Geschäftsjahres.

Infineon steht dabei im Vergleich zu anderen Halbleiterherstellern, etwa Intel, noch gut da. Das Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren aus den hart umkämpften Massenmärkten wie dem Geschäft mit Speicherchips zurückgezogen und bedient als Zulieferer unter anderem für die Autoindustrie, für Windkraftanlagen und Züge seither Nischenmärkte.

Vor allem als Autozulieferer ist das Unternehmen stark: Hier steuern die Halbleiter Fensterheber oder lösen Airbags aus. Trotzdem gibt es Risiken. "Wir gehen davon aus, dass diese Warnung angesichts des schwachen Wirtschaftstrends nicht die letzte sein wird", schreibt Sandeep Deshpande, Analyst von J.P. Morgan. Vor allem ein Einbruch der Autoverkaufszahlen könnten Infineon Probleme bereiten.

China macht deutschen Firmen Sorgen

Den Unternehmen macht nicht allein die Euro-Krise zu schaffen. Auch ein schleppendes Geschäft in China setzt der deutschen Wirtschaft zu. In den vergangenen Jahren konnten die Hersteller noch darauf setzen, Absatzprobleme in Europa durch die hohe Nachfrage in den Schwellenländern, zuletzt auch in den USA, zu kompensieren.

Neben Brasilien und Indien steht China hier an vorderster Stelle. Doch das gilt nicht mehr automatisch. Siemens-Finanzchef Kaeser wurde in seiner Prognose für das China-Geschäft denn auch ungewohnt deutlich: Er erwarte bis Jahresende ein "sehr schwaches China". Die Wachstumsdynamik werde erst 2013 zurückkehren.

Zwar bleibt China mit einem Wachstum von zuletzt 7,6 Prozent im zweiten Quartal des Jahres ein Wachstumsmotor der Weltwirtschaft und ein bedeutender Markt. Doch von den früheren Wachstumsraten im zweistelligen Bereich ist das Land weit entfernt.

Eine schwache Nachfrage beklagt auch die deutsche Stahlindustrie. Hier hat sich das Branchenklima massiv eingetrübt. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl überlegt bereits, ihre Jahresprognose zu reduzieren. Bislang sagen die Verbandsexperten für 2012 ein Produktionsvolumen in Höhe von 44 Millionen Tonnen voraus – was nahezu exakt der Vorjahresmenge entsprechen würde.

"Vor dem Hintergrund der zuletzt verhaltenen Entwicklung der Auftragseingänge, der bestehenden konjunkturellen Unsicherheiten und der schwelenden Euro-Krise ist die Prognose aber mit einem Abwärtsrisiko verbunden", sagt Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Noch zu Jahresbeginn hatte er sich betont optimistisch gezeigt und von "Anzeichen einer Stabilisierung" gesprochen.

Stahlnachfrage lässt nach

Der Stahlindustrie fehlt vor allem die Nachfrage aus dem Ausland. Rund 50 Prozent der Produktion gehen demnach in den Export. Zu den größten Kunden gehören die namhaften Autokonzerne in Frankreich, Spanien und Italien. Deren Geschäft ist aber eingebrochen.

Ohnehin liegt der Stahlverbrauch in den schuldengeplagten Staaten Südeuropas um mehr als 50 Prozent unter dem Vorkrisenniveau, meldet Gisbert Rühl, der Vorstandsvorsitzende des Stahlhändlers Klöckner&Co.

Die Entwicklung schlägt sich schon in den Bilanzen der Unternehmen nieder. Salzgitter zum Beispiel hat jüngst seine Prognose für den Unternehmensbereich Stahl gesenkt. Ein ausgeglichenes Ergebnis könne nicht mehr erwartet werden.

Der deutsche Branchenführer ThyssenKrupp wiederum prüft die Einführung von Kurzarbeit für die Standorte Duisburg und Bochum. Bei Dillinger Hütte und Saarstahl, die im Verbund Deutschlands drittgrößter Hersteller sind, werden technisch bedingte Reparaturstillstände länger ausfallen als üblich. Zuvor hatten bereits andere Hersteller Hochöfen vorübergehend stillgelegt.

Die Unternehmen schlagen auch deswegen einen Sparkurs ein. Allerorts ist von wachsendem Druck auf die Mitarbeiter zu hören, die Reiseetats zu senken und weniger Büromaterial zu verbrauchen.

Ein süddeutscher Autobauer wies all seine Verwaltungsabteilungen an, jeweils die Kosten um fünf Prozent zu senken. Beim Lkw-Bauer MAN herrscht erst mal ein Einstellungsstopp. Und der Chef des Softwarekonzerns SAP hat die Mitarbeiter angewiesen, künftig mehr auf die Kosten zu achten.

Auch Siemens spart. Zwar ist keine Rede davon, wieder ein großes Sparprogramm wie 2008 aufzulegen, als Tausende Stellen gestrichen wurden. Dafür aber gingen Arbeitnehmervertreter schon vor Wochen davon aus, dass im Abschlussquartal die Kosten gedrückt würden, um das Gewinnziel doch noch zu erreichen.

Noch kein "Paniksparen"

Das spüren auch die Lieferanten von Büromaterial. "In den vergangenen Jahren haben wir bemerkt, dass unsere Kunden weniger ausgeben", erklärt Ramon Kok, Europachef von Office Depot, einem der der größten Anbieter in diesem Bereich in Europa. Vor allem am Zubehör für Drucker wird gespart.

Bei den Gewerkschaften wird dieser Sparkurs aufmerksam verfolgt. "Es geht dennoch längst nicht so heftig zu wie in den Krisenjahren 2008 und 2009. Es findet bislang noch kein Paniksparen statt", sagt ein bayerischer IG Metall-Funktionär.

Zwar haben mehrere Unternehmen wie Karstadt, Opel und RWE jüngst Stellenstreichungen angekündigt. Doch das hat meist spezifische Gründe. Der deutsche Arbeitsmarkt gilt weiter als robust.

Doch nicht alle klagen. Deutschlands Maschinenbauer bewerten die Lage optimistischer. "Natürlich sind auch wir nicht losgelöst von den Problemen durch die Euro-Schuldenkrise", sagt Olaf Wortmann, Konjunkturexperte beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA).

Für 2012 sei bei den Auftragseingängen bislang ein Gesamtminus von acht Prozent aufgelaufen, aber Besserung sei in Sicht: "Die Lage ist derzeit gut." Nach den ersten fünf Monaten 2012 beträgt das Produktionsplus 4,3 Prozent, sagt Wortmann: "Damit sind wir sogar besser als erwartet."

Trotzdem hoffen die Maschinenbauer, dass die Euro-Krise schnell beigelegt wird. Während außerhalb der Euro-Zone die Talsohle durchschritten sei, liefen die Geschäfte in vielen Euro-Ländern weiterhin zäh – auch in Deutschland, sagt Wortmann: "Hier spüren wir unverändert eine gewisse Zurückhaltung."

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