23.07.12

Einsamer Euro-Retter

Im Waffenschrank der EZB steckt Sprengstoff

Nur noch die Europäische Zentralbank scheint den Euro vor dem Zerfall bewahren zu können. Handlungsoptionen hat sie zwar genug – einige von ihnen haben allerdings verheerende Nebenwirkungen.

Foto: DAPD
EZB
Das Euro-Zeichen vor der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main: Die Notenbanker kämpfen mit aller Macht gegen eine Eskalation der Schuldenkrise

Der jüngste IWF-Report zur Euro-Zone könnte das perfekte Drehbuch für einen neuen Helden-Streifen abgeben. Ähnlich wie in diversen Filmen und Büchern, in denen ein einsamer Retter die Welt vor dem Untergang bewahrt, hat der Internationale Währungsfonds (IWF) diese Rolle in Europa mit der Europäischen Zentralbank (EZB) besetzt.

Die Währungshüter müssten noch viel mehr tun, um den Euro zu schützen, mahnten die US-Experten. Handlungsoptionen gibt es genug. Allerdings versprechen längst nicht alle den gewünschten Erfolg – und manche bergen sogar erhebliche Risiken.

Neben dem EZB-Standardrepertoire, das auf den Durchschnitt der 17 Euro-Länder zielt, gibt es unkonventionelle Maßnahmen, mit denen die Notenbanker die Probleme einzelner Staaten gezielt adressieren können. Doch das hat seinen Preis – und wer den zahlen soll, lässt auch die Rettungsanleitung des IWF offen. Ein Überblick.

Das Standardwerkzeug

In normalen Zeiten sind die Leitzinsen das wichtigste Instrument einer Zentralbank. Mit ihrer Hilfe legt sie fest, wie teuer oder billig Geld ist und kann damit indirekt die Konjunktur steuern. Weil sich viele Euro-Länder im Abschwung befinden, hat die EZB ihren wichtigsten Zins, den Hauptrefinanzierungssatz, auf 0,75 Prozent gesenkt.

Doch an der Wirksamkeit weiterer Lockerungen gibt es Zweifel. Das billigere Geld muss über die Banken in die Wirtschaft geleitet werden – doch viele Institute geben die günstigeren Zinsen nicht weiter. Zudem bremst die Sorge über die Zukunft des Euro die Nachfrage nach Krediten.

Entlastung brächte ein noch niedrigerer Leitzins vor allem dort, wo laufende Kredite direkt daran gekoppelt sind. So etwa in Spanien, wo viele Hypothekenkredite unmittelbar am EZB-Zins hängen. Auch für die Banken wären weitere Lockerungen hilfreich, weil sie dann noch weniger für ihre EZB-Kredite zahlen müssten.

Sollten sich die Finanzierungsbedingungen in einzelnen Euro-Ländern rasant verschlechtern, brächte eine Zinssenkung aber nicht viel. Solide Schuldner brauchen noch günstigeres Geld nicht unbedingt – und die Wackelkandidaten bekommen das Geld zu diesem Preis am Markt ohnehin nicht.

Das Druckmittel

In der Krise hat ein weiterer EZB-Zins Prominenz erlangt: der Satz für Übernachteinlagen. Die EZB hat ihn zuletzt auf Null gesenkt, um das Geldhorten der Banken zu unterbinden. Seit der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers packen die Banken ihre überschüssigen Milliarden lieber auf EZB-Konten, wo sie ungenutzt und nun sogar unverzinst liegen.

Um noch mehr Druck auf die Banken auszuüben, könnte die EZB einen negativen Zins nehmen, sprich Gebühren für Übernachteinlagen verlangen. Die dänische Notenbank hat das bereits getan.

"Ein negativer Zins für Übernachteinlagen wäre die schärfste Waffe der EZB", sagt Richard Barwell, Ökonom bei der RBS in London. "Die gesamte Anlagewelt orientiert sich daran."

Im Fall einer rasanten Verschlechterung der Krise nützt ein solcher Negativzins aber kurzfristig nichts, weil die Akteure dann jegliche Risiken scheuen und sich auch durch negative Zinsen nicht in offensivere Anlageformen drängen lassen.

Das stumpfe Schwert

Während sich mit dem Depositensatz im Moment Milliarden bewegen lassen, hat ein anderes EZB-Instrument an Bedeutung verloren: Die Mindestreserve legt fest, wie viel Geld die Banken bei Ausleihungen hinterlegen müssen.

Senkt die Notenbank den Satz dafür, wie im Dezember 2011 geschehen, wird zusätzliche Liquidität frei. Da aber nicht mangelnde Liquidität das Problem vieler Euro-Banken ist, sondern eher die Sorge über mangelnde Solvenz, bringt diese Maßnahme derzeit eher wenig.

Starke Worte

Über mangelnde Aufmerksamkeit können sich EZB-Präsident Mario Draghi und seine Kollegen im EZB-Rat nicht beklagen. Egal, wer was wann sagt – im Moment führt jede Äußerung aus Notenbankkreisen zu einem mittleren Aufruhr an den Finanzmärkten.

Mit Worten können Milliarden bewegt werden. Allerdings glauben die Finanzmärkte ihnen nur dann, wenn konkrete Maßnahmen folgen. Auch müssen die Währungshüter aufpassen, keine falschen Erwartungen zu schüren. Und im absoluten Krisenfall nützen Worte allein ohnehin nichts mehr.

Spiel mit dem Feuer

Wenn die Finanzmärkte partout nicht so wollen wie die EZB, dann kann die Zentralbank über Markteingriffe nachhelfen. So geschehen im Mai 2010, als sie erstmals das so genannte SMP-Programm zum Ankauf von Staatsanleihen auflegte, um die in einigen Euro-Ländern extrem verschlechterten Finanzierungsbedingungen wieder zu entspannen.

Der Schritt löste viel Aufruhr aus, weil es der EZB per Gesetz verboten ist, Staaten direkt über die Notenpresse zu finanzieren. Zwar konterte sie den Vorwurf damit, dass sie das Geld nicht direkt an die Staaten ausgereicht habe, sondern lediglich als Käufer aufgetreten sei, um dysfunktionale Märkte wieder funktionsfähig zu machen.

Dennoch gilt der Kauf von Staatsanleihen als Tabubruch, der zu heftigen internen Querelen führte. Aufgrund des großen Widerstands und der eher fragwürdigen Wirkung liegt das umstrittene SMP-Programm seit dem Frühjahr auf Eis.

Eine Neuauflage ist aber nicht ausgeschlossen. Sollte sich die Krise insbesondere in Spanien oder Italien verschärfen, bliebe der EZB unter Umständen nichts anderes übrig, als erneut mit Staatsanleihenkäufen einzuspringen.

Weitere Wertpapierkäufe

Ideen für weitere Wertpapierkäufe, um den Banken zu helfen, gab es zuletzt genug. So legte die EZB mehrfach ihr sogenanntes Covered Bonds Purchase Program (CBPP) auf und erwarb besicherte Anleihen in Milliardenhöhe.

Ziel war es, illiquide Märkte wieder flüssig zu machen und damit als eine Art Retter letzter Instanz aufzutreten. Denn Wertpapiere, für die es keinen Markt gibt, müssten in den Bankbilanzen den Wert Null bekommen – erhebliche Abschreibungen wären die Folge. Durch Zukäufe solcher Papiere kann die EZB größere Verwerfungen vermeiden helfen. Das Instrument bleibt daher wichtig.

Billiges Geld für die Massen

In Vorkrisenzeiten gehörte es in der seriösen Notenbankwelt zum guten Ton, den Kreditinstituten Geld nur für kurze Zeit zu verleihen. Auf diese Weise sicherten sich die Zentralbanker große Flexibilität beim Ringen um stabile Preise.

Im Dezember 2011 kam es zum Paradigmenwechsel. Erstmals reichte die Zentralbank unbegrenzt Mittel über die ungewöhnlich lange Laufzeit von drei Jahren an die Banken aus. Im Februar 2012 konnten sich die Institute dann ein weiteres Mal zum Niedrigzins von einem Prozent mit Dreijahreskrediten eindecken.

Als "Dicke Bertha" bezeichnete EZB-Präsident Mario Draghi in Anspielung an große Geschütze aus dem Ersten Weltkrieg den Billionentender an die Banken. Die Geheimwaffe der Euro-Hüter sollte eine drohende Kreditklemme vor allem im Süden Europas verhindern helfen. Sollte es erneut zum Krisenfall kommen, wäre ein Comeback der "Dicken Bertha" recht wahrscheinlich.

Ausweiten von Sicherheiten

Vor der Krise war die Sache klar: EZB-Kredite gab es nur dann, wenn die Banken ausreichend gute Wertpapiere als Pfand hinterlegen konnten. Doch im Verlauf der Krise schraubte die EZB ihre Ansprüche zusehends herab. Die Bonitätsanforderungen wurden gesenkt, das Spektrum der zulässigen Pfänder vergrößert.

Mit der Ausweitung von Sicherheiten kann die EZB gezielt Banken einzelner Länder helfen. Auch können die Notenbanken einzelne Kreditformen sozusagen adeln und deren Vergabe zu steigern versuchen, indem sie diese repofähig machen. Doch je niedriger der Sicherheitenrahmen ist, desto höher die Ausfallrisiken für die EZB.

Im akuten Krisenfall kann diese Maßnahme einen Bankenzusammenbruch verhindern, wenn die Institute ihr Portfolio kurzfristig beleihen können. Doch das geht allenfalls zeitweise, für langfristige Lösungen taugt das Instrument nicht.

Und sollten die riskanten Rettungsmanöver schief gehen, bliebe die Notenbank auf enormen Verlusten sitzen – die am Ende der Steuerzahler begleichen müsste.

Verbinden Sie sich mit dem "Welt-Online"-Autor auf Twitter. Holger Zschäpitz hat vor allem die weltweite Verschuldung der Staaten im Blick.

Die bisherigen Euro-Rettungshilfen

Im Rettungsfonds EFSF stehen noch 250 Milliarden Euro für Hilfen an Euro-Länder zur Verfügung – für Länder insgesamt, für Bankenhilfen oder für Vorsorge-Kredite.

Das betrifft auch mögliche EFSF-Hilfen zur Rekapitalisierung spanischer Banken. Im Juli soll dann der dauerhafte Rettungsschirm ESM starten.

Der Schutzwall um die Euro-Zone summiert sich dann auf etwa 800 Milliarden Euro.

 

ERSTES GRIECHENLANDPAKET

Das im Mai 2010 aufgelegte internationale Hilfspaket von EU, Internationalem Währungsfonds (IWF) und aus bilateralen Krediten der Euro-Partner umfasste 110 Milliarden Euro.

Bisher sind 73 Milliarden Euro in sechs Tranchen ausgezahlt worden, davon entfallen 52,9 Milliarden auf die Euro-Zone. Deutschland hat 15,17 Milliarden Euro beigesteuert, der IWF 20,1 Milliarden.

EFSF

Der erste, ebenfalls im Mai 2010 gestartete Rettungsschirm (Europäische Finanzstabilisierungsfazilität) kann Notkredite von bis zu 440 Milliarden Euro an Euro-Länder zahlen.

Davon sind bisher für Hilfsprogramme an Irland, Portugal und Griechenland rund 192 Milliarden Euro bereits verplant.

Von diesen zugesagten EFSF-Hilfen entfallen 17,7 Milliarden Euro auf Irland und 26 Milliarden Euro auf Portugal – der Rest auf Griechenland im Rahmen des zweiten Hilfspakets für Athen.

Das heißt, aus dem EFSF stehen noch rund 250 Milliarden Euro zur Verfügung, von denen im Höchstfall dann 100 Milliarden für Spaniens Banken abgehen könnten. Bislang hat das Land 30 Milliarden Euro bekommen. Das kleine Euro-Land Zypern benötigt rund vier Milliarden.

ESM

Der dauerhafte Euro-Rettungsschirm soll am 1. Juli starten. Er verfügt über Notkredite von 500 Milliarden Euro. Um den Schutzwall zu erhöhen, wurde das maximale Hilfsvolumen Ende März auf rund 800 Milliarden Euro aufgestockt.

Diese Brandmauer setzt sich zusammen aus: den bisher zugesagten EFSF-Finanzhilfen für Griechenland, Irland und Portugal von fast 200 Milliarden Euro, dem Kreditvergabevolumen des ESM von 500 Milliarden Euro, den bisher im Rahmen eines weiteren europäischen Hilfsfonds (EFSM/Europäischer Finanzstabilisierungsmechanismus) für Irland und Portugal gewährten Hilfen von 49 Milliarden Euro sowie den bisher ausgezahlten Hilfen aus dem ersten Griechenland-Paket von 53 Milliarden Euro.

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Die Waffen der Europäischen Zentralbank
  • Zinsen

    Das zentrale Instrument der klassischen Geldpolitik hat die EZB weitgehend ausgeschöpft. Den wichtigsten Leitzins hat sie Anfang Juli auf das Rekordtief von 0,75 Prozent gesenkt, für Einlagen zahlt sie gar keine Zinsen mehr. Zwar wären weitere Schritte bis hin zu Negativzinsen für Einlagen denkbar. Ob sie viel bewirken würden, ist allerdings umstritten.

  • Billigkredite

    Die EZB leiht Banken nicht mehr nur kurzfristig Geld, sondern für bis zu drei Jahre. Die günstigen Langfristkredite entledigten viele Banken ihrer Finanzierungssorgen. Bei Unternehmen kam das Geld der „Dicken Bertha“ aber kaum an. Weitere Kredite würden das kaum ändern.

  • Sicherheiten

    Die EZB stellt immer geringere Ansprüche an die Wertpapiere, die Banken als Sicherheiten für Zentralbankdarlehen verpfänden müssen. So kommen etwa auch spanische Banken weiter an frisches Geld. An dieser Schraube kann die Notenbank weiter drehen. Denkbar sind auch besondere Repo-Geschäfte, bei denen nicht mehr die Banken das Risiko der Besicherung tragen, sondern die EZB. Reicht selbst das nicht, sind Notkredite der nationalen Notenbanken möglich. Diese werden griechische Banken reichlich nutzen müssen, nachdem die EZB am Freitag erklärte, vorläufig keine griechischen Staatsanleihen mehr anzunehmen.

  • Anleihen

    Die EZB könnte Schuldtitel der Euro-Länder kaufen oder den Rettungsfonds ESM mit dem nötigen Geld ausstatten („Bazooka“). Die EU-Verträge verbieten jedoch Staatsfinanzierung mit der Notenpresse.

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