21.07.12

Organhandel

Bahr fürchtet Rückgang der Spendebereitschaft

Ein Arzt hat offenbar Akten manipuliert, um Patienten bevorzugt eine Spenderleber zu verschaffen. Der Gesundheitsminister befürchtet, dies könne die Bereitschaft zur Organspende massiv erschüttern.

Foto: Infografik Welt Online
Gespendete Organe
So viele Organe wurden in Deutschland 2011 gespendet

Nach der Aufdeckung des bisher größten Skandals in der Transplantationsmedizin könnten die Deutschen der Organspende noch skeptischer gegenüberstehen. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sei besorgt, dass der Skandal die Bereitschaft zur Spende "massiv erschüttern" könne, sagte sein Sprecher. Die Organspende-Expertin der Grünen, Elisabeth Scharfenberg, fürchtet, das "ohnehin labile Vertrauen der Bevölkerung in die Organspende könnte schwersten Schaden nehmen".

Zuvor war bekannt geworden, dass ein Oberarzt an der Uni-Klinik in Göttingen offenbar in großem Stil Krankenakten manipulierte, um einzelnen Patienten bevorzugt eine Spenderleber zu verschaffen. Man gehe inzwischen 25 Verdachtsfällen nach, sagte der zuständige Spezialist der Bundesärztekammer, Hans Lilie.

Bereits seit Mitte Juni wird der Fall eines Patienten untersucht, bei dem Laborwerte manipuliert wurden, um neben der Lebererkrankung auch Nierenprobleme vorzutäuschen. Dies verbessert die Position auf der Warteliste. Der Fall aus dem Jahr 2011 galt bislang als Einzelfall.

Womöglich "falsche Anreize"

Um die Bereitschaft zur Spende zu erhöhen, hatten Bundestag und Bundesrat erst jüngst beschlossen, dass Bürger regelmäßig aufgefordert werden, sich zu erklären.

Inzwischen hat die Bundesärztekammer die Warteliste von Patienten in Göttingen sowie die Liste der 2010 und 2011 dort erfolgten Transplantationen überprüft und die neuen Fälle entdeckt. Die Klinikleitung ist darüber seit Ende Juni informiert und will die Fälle nun durch externe Experten aufklären lassen.

Der Mediziner, gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelt, arbeitet seit 2011 nicht mehr in Göttingen. Lilie sagte, es gebe bisher keine Hinweise, dass der Mann Geld genommen habe. Womöglich seien aber durch leistungsorientierte Verträge "falsche Anreize" gesetzt worden.

Vier-Augen-Prinzip?

Gesundheitsminister Bahr forderte nun "Konsequenzen", ohne dies auszuführen. Seine niedersächsische Kollegin Aygül Özkan (CDU) sagte: "Wir brauchen in den Richtlinien der Bundesärztekammer für die Wartelistenführung und für die Organvermittlung noch intensivere Kontrollmechanismen." In einem so sensiblen Bereich sei ein Vier-Augen-Prinzip nötig.

Auch Transplantationsexperte Lilie sagte, alle Patientendaten sollten von einem unabhängigen Laborarzt geprüft werden. Dieses Prinzip befürwortet auch der Essener Transplantationsmediziner Eckhard Nagel, der SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier vor der Nierenspende für dessen Ehefrau beriet: "Es würde die Sicherheit vor Ort und die Wahrscheinlichkeit der Aufdeckung von Betrügereien erhöhen, wenn zwei Ärzte die Befunde unterschreiben müssten."

Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst, lehnt die Kontrolle durch einen zweiten Arzt dagegen als "praktisch nicht immer machbar" ab. Stattdessen müsse es harte Sanktionen geben bis hin zum Entzug der Approbation. Auch müssten alle Transplantationszentren nachträglich geprüft werden.

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