18.07.12

Unfallgefahr

Internet im Auto wird zum Risiko auf den Straßen

Navigationssysteme, Bordcomputer und jetzt auch noch Internet und soziale Netzwerke: In Autos lenkt immer mehr vom Verkehr ab. Die Hersteller sehen das Problem – aber sie sagen: "Kundenwunsch!"

Foto: Infografik Won

Das Auto wird zum Entertainmentstudio, das Verkehrsministerium plant hier klare Verhaltensregeln für Fahrer einzuführen
Das Auto wird zum Entertainmentstudio, das Verkehrsministerium plant hier klare Verhaltensregeln für Fahrer einzuführen

Es sind nur ein paar Augenblicke – nur ein paar Fingerübungen am Monitor, um ein neues Ziel einzugeben. Doch in diesen wenigen Sekunden passiert es, auf der Autobahn 63 bei Kaiserslautern: Ein mit vier jungen Leuten besetzter Kleinbus gerät ins Schleudern, berührt die Leitplanke, schießt quer über die Fahrbahn und prallt schließlich gegen einen Sattelschlepper. Vier Schwerverletzte, 50.000 Euro Sachschaden.

Immer mehr Unfälle geschehen, weil sich Autofahrer unterwegs mit anderen Dingen beschäftigen. Multitasking am Steuer ist weit verbreitet: Laut Allianz-Versicherung programmiert mehr als jeder zweite das Navigationssystem während der Fahrt. Rund 30 Prozent der Autofahrer lesen SMS oder E-Mails, und jeder fünfte tippt auch gleich die Antworten.

Zehn Prozent der Unfälle geschehen durch Ablenkung

Autofahren wird zur Nebensache. "Etwa jeder zehnte Verkehrsunfall wird maßgeblich durch ablenkendes Verhalten der Autofahrer verursacht", berichtet Allianz-Vorstand Mathias Scheuber. Vor allem junge Fahrer seien gefährdet.

Und die Gefahr nimmt zu. Längst entwickeln die Autohersteller eigene Apps und Online-Dienste, die über die Displays in den Instrumententafeln flimmern. Connectivity ist das Wort dafür, und es bedeutet, dass das Auto vernetzt wird, gleich nach dem Motorstart eine Internetverbindung herstellt und die neuesten Nachrichten aus dem Netz holt.

Mit Twitter und Facebook auf der Autobahn

Wer den Kontakt zu seinen Online-Freunden nicht verlieren möchte, kann sogar unterwegs twittern. Audi wirbt mit "revolutionären Infotainment- und Entertainmentfunktionen" und verspricht, dass dadurch "Komfort und Spaß am Automobil auf ein neues Niveau gehoben werden".

Für Verkehrsexperten ist jeder Blick aufs Display ein Blick zu viel. Wird die Aufmerksamkeit des Fahrers um eine Sekunde abgelenkt, legt er bei Tempo 50 fast 14 Meter im Blindflug zurück. Auf der Autobahn bei Tempo 160 ist der Wagen in einer Sekunde rund 45 Meter unterwegs.

Und eine Sekunde reicht nicht, um alles zu erfassen, was online ins Auto kommt: Nachrichten mit Fotos, Sportmeldungen, Gesundheitstipps, Wetterberichte sowie das elektronische Geplapper auf Social-Media-Plattformen wie Facebook, Twitter oder Glympse – viel Lesestoff während der Fahrt.

Die Premiumhersteller wetteifern um Online-Angebote

Selbst Sicherheitsvorreiter Mercedes macht mit: "Sowohl im Stand wie auch während der Fahrt können Mercedes-Kunden nutzerfreundlich auf Aktuelles und Wissenswertes zugreifen und sich die Nachrichten inklusive Fotos im Fahrzeugdisplay anzeigen lassen", wirbt die Stuttgarter Firma für eine News-App, die Ende Juni online ging.

Seitdem erscheinen unterwegs jeweils die Überschriften vier verschiedener Meldungen samt dazugehöriger Bilder auf dem Display. Und der Dienst "BMW Online" liefert Textnachrichten mit Fotos, die der Fahrer per iDrive-Controller in der Mittelkonsole durchscrollen muss.

Der ADAC warnt vor rollenden Büros

"Kritisch zu bewerten sind Applikationen, die keinen Bezug zur Fahraufgabe haben", sagt der ADAC und warnt: "Insbesondere Anwendungen, die den Arbeitsplatz des Fahrers zum rollenden Büro erweitern, bergen große Risiken."

Auf die Frage, warum das Internetprogramm während der Fahrt nicht ausgeblendet wird, antwortet eine BMW-Sprecherin: "Die Kunden würden unterwegs trotzdem online gehen – dann eben mit dem Smartphone in der Hand." Da sei es besser, die Online-Dienste ins Fahrzeug zu integrieren und die Displayanzeigen sicher zu gestalten. Man richtet sich da offenbar auch nach den Kunden: Internet im Auto zählt inzwischen vor allem in der jungen Generation zu den wichtigsten Kriterien beim Autokauf.

Freies Surfen ist blockiert

Ausgeblendet werden während der Fahrt bisher nur gewöhnliche Internetseiten. "Das freie Browsen im Netz ist nur im Stand möglich", sagt Mercedes-Sprecher Benjamin Oberkersch. Das ist notwendig, da die Autohersteller auf den Inhalt der Websites keinen Einfluss haben.

So könnten bewegte Bilder – beispielsweise Filme – aufs Display übertragen werden, deren Wiedergabe während der Fahrt laut einer Empfehlung der EU-Kommission tabu ist. Der ADAC fordert allerdings, dass "der Gebrauch sämtlicher Geräte, die eine Blickzuwendung des Fahrers voraussetzen, während der Fahrt auf ein Mindestmaß" reduziert werden müsse.

Das Verkehrsministerium setzt auf Einsicht

Doch im Verkehrsministerium hält man weitere Vorschriften derzeit nicht für notwendig. "Wir setzen auf Einsicht", sagt Minister Peter Ramsauer (CSU), spricht sich allerdings für verstärkte Polizeikontrollen aus.

Nur: Was soll kontrolliert werden? Das Ablesen eines Bildschirms während der Fahrt ist nicht verboten, Ordnungshüter können nur einschreiten, wenn Autofahrer ihr Smartphone in die Hand nehmen, um damit Rufnummern einzutippen, Mails zu schreiben oder zu twittern.

BMW bietet Textbausteine für Antworten

Unterdessen entwickeln die Autohersteller eine Art Selbstbeschränkung, um Informationsflut und Ablenkung des Autofahrers zu verringern. Startet er Twitter oder Facebook, sollen bei BMW nur bis zu drei Textzeilen auf dem Display erscheinen.

Antworten sollen möglich sein, allerdings in reduzierter Form: Der Fahrer wählt aus Textbausteinen. Das ergibt dann mehr oder minder sinnvolle Statusmeldungen: "Bin an GPS-Position Nord 50° 05" 49" und Ost 8° 43" 23" und komme bald an" oder "Fahre mit 120 km/h über die Autobahn, und die Außentemperatur beträgt 27 Grad".

Sprachsteuerung soll Online-Interaktion sicherer machen

Die Zukunft der automobilen Online-Kommunikation soll aber ohnehin ganz anders aussehen. So wie heute Radio und Navigationssystem per Sprachbefehl gesteuert werden können, sollen künftig Mails oder Tweets vom Computer vorgelesen werden, und man antwortet darauf ebenfalls verbal. Das bietet BMW jetzt erstmals im neuen 7er an: Der Autofahrer diktiert seine E-Mails in die Sprachmailbox eines Netzproviders, der daraus eine Textnachricht erstellt und sie an die Empfänger schickt.

"Wenn man so will, bringen wir jetzt die Freisprecheinrichtung für E-Mails oder SMS ins Auto", sagt BMW-Entwickler Christian Süß. Mercedes folgt im Frühjahr 2013 und wird die neue A-Klasse mit der Apple-Sprachsteuerung "Siri" verknüpfen, wenn ein iPhone 4S angeschlossen wird.

Gesucht: ein Auto, das mitdenkt

"Auch die umfangreiche Interaktion mit einer Sprachschnittstelle, wie sie für das Empfangen oder Senden elektronischer Nachrichten erforderlich wäre, würde den Fahrer in erheblichem Maße vom Verkehrsgeschehen ablenken", heißt es beim ADAC. Die Experten warnen vor der zusätzlichen mentalen Beanspruchung. Sie sei vergleichbar mit einem Telefonat am Steuer: Der Autofahrer konzentriere sich so stark auf sein Gespräch oder sein Mail-Diktat, dass unweigerlich die Aufmerksamkeit für den Verkehr nachlässt.

Aufgrund der Ablenkung achtet der Autolenker nur noch auf den Abstand zum Vordermann und nimmt deshalb andere Vorgänge auf und neben der Straße nicht mehr wahr. Laut Allianz-Forschung steigt das Unfallrisiko schon beim Telefonieren am Steuer um das Zwei- bis Dreifache.

Was sich Verkehrswissenschaftler wünschen, um das Unfallrisiko durch Ablenkung zu vermindern, existiert bisher nur in den Forschungswagen einiger Autohersteller: Ein Bedien- und Anzeigesystem, das die jeweilige Verkehrssituation und die Stressbeanspruchung des Autofahrers erkennt und komplizierte Bedienaufgaben, Internetempfang, E-Mails oder Tweets nur dann zulässt, wenn es ungefährlich ist. Mit anderen Worten: Ein Auto, das mitfühlt und mitdenkt.

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