16.07.12

Schnäppchenjagd

Handel gibt Rabatte wie schon lange nicht mehr

Der Handel wird die Sommerware nicht los: Das schlechte Wetter hält die Kunden vom Besuch in den Innenstädten ab. Nun reagieren die Geschäfte Rabatten bis zu 80 Prozent – auch auf teure Markenware.

Foto: DPA
Schnäppchen
Ausverkauf: Der Handel ist unzufrieden mit dem Wettergott

Siegfried Jacobs hat sich in den Urlaub verabschiedet. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer vom Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels (BTE) ist in den Süden gefahren, dorthin wo es warm ist. "Zu warm sogar", sagt Jacobs. Denn tagsüber stehen nicht selten 40 Grad auf dem Thermometer.

Im verregneten Deutschland sind die Temperaturen vielerorts nicht mal halb so hoch. Und das ist ein Problem für Jacobs' Branche. Denn durch das schlechte Wetter werden die deutschen Modehändler ihre Sommerware nicht los. "Die Geschäfte laufen schlecht", klagt Jacobs "Berliner Morgenpost". Kleider, Shorts und T-Shirts liegen wie Blei in den Regalen.

Die Folge ist eine verschärfte Rabattschlacht. "Mode ist derzeit extrem günstig. Die Nachlässe sind schon deutlich höher als zum gleichen Zeitraum des Vorjahres", berichtet Jacobs, der von teuer erkauftem Umsatz spricht. Tatsächlich stehen neben den Prozentzeichen in den Schaufenstern der großen Einkaufstraßen nicht selten hohe zweistellige Rabattzahlen wie 50, 70 oder gar 80. Und das noch vor Beginn des eigentlichen Sommerschlussverkaufs am kommenden Montag.

Zwar ist dieser Begriff längst nur noch ein Werbewort seit 2004 das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) geändert wurde. An der gängigen Praxis hat die Rechtsreform dennoch nichts verändert. Und so werden die Preise in der letzten Juli- und der ersten Augustwoche noch mal kräftig purzeln, glaubt Jacobs.

Die Lager sind voll

Denn die Läger der Handelshäuser sind zu voll für Mitte Juli. Die Ware muss aber weg, denn bei den meisten treffen die Herbst- und Winterkollektionen bereits ein. "Der Lagerdruck ist sehr hoch", berichtet Jacobs. Zumal die Händler mit guten Geschäften gerechnet und entsprechend viel eingekauft haben. "In Deutschland ist das Konsumklima nach wie vor gut", meldet der BTE. Die Euro-Krise? Nur ein untergeordnetes Thema.

Wer in den Laden kommt, kaufe auch gut ein. Das schlechte Wetter halte die Leute aber vom Besuch in den Innenstädten ab. "Die Frequenz in den Einkaufstraßen ist geringer als im Vorjahr", sagt Jacobs. Zwar dürften einige Kunden zu Online-Anbietern abgewandert sein und probieren das neue Kleid lieber zuhause an. Das ändert aber nichts am Gesamteindruck, denn die Umsätze der Online-Konkurrenz sind in den Branchenzahlen berücksichtigt.

Die schwache Sommersaison kommt zur Unzeit für den Mode- und Textilhandel. Schon das zweite Halbjahr 2011 ist witterungsbedingt schlecht gelaufen. Denn Herbst und Winter waren deutlich zu warm. Zwar gab es für das Gesamtjahr noch ein Plus von zwei Prozent auf 57,7 Mrd. Euro, meldet der BTE. Zum Halbjahr hatte der Zuwachs aber noch bei über fünf Prozent gelegen. 2012 geht es bislang weiter abwärts. Von Januar bis Juni ist laut den Verbandsexperten ein Minus von zwei Prozent aufgelaufen.

Bei der aktuellen Orderrunde für Frühjahr/Sommer 2013 gibt sich der Handel daher entsprechend vorsichtig. Statt sich schon jetzt festzulegen, wollen sie erst in ein paar Monaten die endgültigen Bestellmengen definieren. Das allerdings birgt das Risiko, Lücken in den Regalen zu haben, wenn die Hersteller nicht genügend vorproduziert haben.

Was von den aktuellen Sortimenten bis Mitte August nicht verkauft wird, lagern die Händler bei Logistikanbietern zwischen – zumindest wenn sie glauben, dass Farbe und Schnitt auch im kommenden Frühjahr noch gefragt sein werden. Andernfalls kommen Shoppingclubs wie vente-privee, Limango oder Brands4friends zum Zuge. Oder die Ware geht an klassische Restpostenvermarkter. Bei Massenanbietern wie Esprit und H&M oder Zara und S.Oliver, die nicht nach Sommer- und Winterware unterscheiden, sondern zwölf bis 14 Kollektionen im Jahr bieten, sorgen die Aufkäufer von Restanten derzeit allerdings für großen Ärger.

Wiedersehen beim Discounter

Denn neuerdings tauchen zunehmend bei Textildiscountern schrille Angebote namhafter Markenherstellern auf. Vor wenigen Tagen etwa bot das Billig-Kaufhaus Woolworth Teile von S.Oliver an: Damen-T-Shirts und Accessoires für fünf Euro, Taschen für neun Euro, Hosen für 19 Euro – gleich beworben mit dem Hinweis: "Abgabe nur in haushaltsüblichen Mengen".

Wenige Wochen zuvor hatte KiK eine ähnliche Aktion mit Waren von Esprit durchgezogen. Der Erfolg für den Textilhändler war gigantisch: Es sollen sich Schlangen vor den Läden gebildet haben, Kunden klapperten auf der Suche nach billigen Stücken sogar verschiedene Filialen ab. Darüber hinaus werben nun auch Lebensmittelhändler wie Penny oder Real mit Sonderposten von Marken-Textilien zu Preisen, die noch deutlich unter denen der Outlet-Stores der Hersteller liegen.

Die Freude von Firmen wie Esprit oder S.Oliver über solche Aktionen hält sich sehr in Grenzen. Schließlich schadet ein solcher Ramsch-Verkauf dem Ansehen der Marke. Und er drückt auf Dauer den Preis, den die Marken im regulären Verkauf für ihre brandneue Ware erzielen können. Verhindern lassen sich die Aktionen allerdings kaum – weil die Hersteller gar nichts von derlei Billigst-Angeboten wissen, bis die entsprechende Werbung auftaucht.

Für Aktionswaren nämlich gibt es einen zweiten, einen grauen Markt. Restposten-Aufkäufer übernehmen zu Niedrigst-Preisen in großen Mengen die Klamotten, die sich wegen des schlechten Sommers in den Lagern der Fabriken stapeln oder die unverkauft aus den Filialen zum Hersteller zurückkommen. Diese Aufkäufer behaupten gegenüber den Markenherstellern dann, die Ware in irgendwelche fernen Ländern zu verkaufen. "Aber am Ende landet vieles davon doch wieder bei uns", sagt Karl-Erivan Haub, als Chef der Tengelmann-Gruppe an KiK, dem Ein-Euro-Laden TeDi und bis vor kurzem auch an Woolworth beteiligt.

Über die großen Filialnetze dieser Discounter lässt sich das Zeug bei niedrigen Kosten schnell und gewinnbringend loswerden. Noch dazu freuen sich KiK und Co. über eine hohe Kundenfrequenz – in der Hoffnung, dass die Schnäppchenjäger gleich auch noch etwas anderes kaufen, wenn sie schon mal da sind. Diese Kundengruppe ist dann für den Schlussverkauf in den Filialen der Massenanbieter verloren. Denn wer bei Woolworth ein S.Oliver-Shirt für fünf Euro ergattert hat, der kauft – selbst wenn es noch aus der Sommerkollektion 2011 stammen sollte – wahrscheinlich kein weiteres für 20 oder 25 Euro im S.Oliver-Store nebenan.

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