15.07.12

Ex-Ministerpräsident

Roland Koch feiert erste Erfolge als Top-Manager

Seit mehr als einem Jahr leitet Ex-Ministerpräsident Roland Koch nun den Bilfinger-Konzern. Mit Erfolg, zeigt eine erste Bilanz. Für die Belegschaft hat er sogar einen Extra-Bonus durchgesetzt.

Foto: dpa
Roland Koch
Roland Koch: Er hat sich bei Bilfinger Sympathiepunkte erarbeitet, etwa durch einen regelmäßigen Kantinenbesuch mit Angestellten

Bilfinger-Chef Roland Koch gab sich alle Mühe. Eine gute Stunde erklärte der Ex-Politiker dem Mannheimer Club der Kurpfälzischen Wirtschaftsjournalisten geduldig, warum "der neue Bilfinger" kein Baukonzern mehr ist, sondern ein "Engineering- und Servicekonzern", ein Service-Multi für Industrie und Immobilien sozusagen.

Der frühere Ministerpräsident warf bunte Fotos diverser Geschäftssparten an die Wand, von Raffinerien, die sein Konzern wartet, über von Bilfinger montierte Industrieanlagen bis zu Kraftwerken, die das MDax-Unternehmen instand hält. Koch zeigte Windräder in Offshore-Parks und Bürotürme, wo der Konzern dafür sorgt, dass die Klimaanlagen laufen und die Fensterputzer pünktlich kommen. Doch als eine Nachrichtenagentur am nächsten Tag berichtete, war in der Meldung prompt wieder nur die Rede von Bilfinger Berger, dem "Mannheimer Baukonzern".

Vor Roland Koch liegt viel Arbeit, bis das Unternehmen dort steht, wo es hin soll. Das gilt nicht nur für den Auftritt in der Öffentlichkeit, der ab Herbst ohne "Berger" im Namen, aber dafür mit neuem Logo stattfinden soll. Eine verknotete Endlosschleife in Apfelgrün und Blau scheint zu symbolisieren, dass alles im Fluss ist und zusammengehört in dem Konzern.

Geflecht aus 500 Tochtergesellschaften

Tatsächlich hat Koch die Mammutaufgabe vor sich, rund 500 Tochtergesellschaften weltweit, von denen viele noch ziemlich autonom vor sich hinwerkeln, zu vernetzen. Bis dahin ist ein weiter Weg: Noch treffen immer wieder Mitarbeiter verschiedener Töchter auf Baustellen aufeinander und wissen nicht mal, dass sie zur selben Firma gehören.

Kochs Vorgänger Herbert Bodner hatte in einer Dekade allein über 80 Firmen zugekauft, und unter Koch geht der Einkauf munter weiter. Eine Milliarde Euro hat Koch zur Verfügung, vor allem, weil das australische Baugeschäft abgestoßen wurde. Das Geld muss Koch nun strategisch sinnvoll investieren. Vor allem aber wird der Jurist aus Eschborn bei Frankfurt daran gemessen werden, ob er bis 2016 – bis dahin läuft sein Vertrag – den Gewinn verdoppelt hat. Der Umsatz soll dann von zuletzt 8,5 Mrd. Euro um 50 Prozent gesteigert sein.

Doch Roland Koch wirkt sehr viel entspannter als in der letzten Phase seiner Polit-Karriere. Die derbe Wahlniederlage 2008 hatte den heute 54-Jährigen schwer angeschlagen, er begriff, dass sein Stern im Sinken war. Damals hätte Rot-Grün Koch fast die Regierung abgenommen. An Pfingsten 2010 warf der ehrgeizige Merkel-Konkurrent endgültig hin und heuerte bei Bilfinger Berger an. Sein Gehalt: über zwei Mio. Euro im Jahr, zehn Mal mehr als in der Politik.

Keine Rückkehr in die Politik

Er sagt, dass er nicht die Absicht habe, in die Politik zurückzukehren, und wie sehr er es genieße, auch mal die Wochenenden frei zu haben. Dann wandert er schon mal mit seiner Frau durch die Bilfinger-nahe Pfalz ("Dort war ich noch nie vorher") oder shoppt ohne Fotografen im Schlepptau im Mannheimer Bekleidungsgeschäft "Engelhorn", auf das die Stadt fast stolzer ist als auf ihr Nationaltheater.

Dennoch: In der Wirtschaft stand der studierte Jurist, den viele immer noch nur mit Doppelpass-Wahlkampf, CDU-Parteispendenaffäre und "brutalstmöglicher Aufklärung" verbinden, zunächst massiv unter Beobachtung. Nur wenige Politiker trauen sich in die Wirtschaft, und wenn, dann nicht ins operative Geschäft.

Viele rücken in einen Aufsichtsrat, oder sie arbeiten als Lobbyisten, wie Thüringens früherer Landesvater Dieter Althaus (CDU), der für den Autozulieferer Magna Regierungskontakte pflegt. Ex-Wirtschaftsminister Werner Müller (parteilos) wurde zwar 2003 Vorstandschef der Ruhrkohle AG, war aber vor seiner Politik-Phase bereits Manager gewesen. Und bei Jenoptik-Chef Lothar Späth ist bis heute unklar, ob sein Engagement dem Unternehmen nicht eher schadete als nützte.

Noch begegnen sich die politische Klasse und die Kaste der Manager daher mit Misstrauen. "Realitätsfremde Fortschritts-Blockierer" lautet eines der noch netteren Vorurteile, das Unternehmer gegen Politiker hegen. Auch im Fall Roland Koch war die Skepsis groß, ob ein Berufspolitiker ohne Branchenkenntnisse einen internationalen Konzern mit 60.000 Mitarbeitern strategisch weiterentwickeln kann.

Kritik an Kochs Ernennung

An der Börse stürzte die Aktie um bis zu fünf Prozent ab, als die Personalie bekannt wurde, zumal sich ein hausinterner Kandidat Hoffnungen gemacht hatte. Ein Personalberater nannte das Engagement gar eine "Harakiri-Strategie" des Mannheimer Konzerns. Hinzu kam das "Gschmäckle" der Verpflichtung. Denn der polarisierende Politiker hatte einst für neue Landebahn des Frankfurter Flughafens gekämpft, an deren Bau Bilfinger Berger kräftig verdient hat.

Doch Koch hat sein erstes Jahr ohne Patzer überstanden. Seine Strategie ging auf, sich nicht auf Teufel komm raus zu profilieren, sondern sich dem Konzern zuhörend zu nähern und den Weg von Vorgänger Herbert Bodner fortzusetzen. Er widerstand dabei der Versuchung, sich mit fremden Federn zu schmücken.

Als Koch nach einem halben Jahr im Amt hervorragende Jahresergebnisse präsentieren konnte, gab er zu: "Möglicherweise kann man ein Unternehmen relativ schnell ruinieren, aber man kann es nicht in kurzer Zeit in eine völlig andere Dimension des Erfolges bringen und behaupten, man wäre das gewesen." Nach einem Jahr ist Koch aber auch kein Chef-Auszubildender mehr; er entschied beispielsweise, dass Bilfinger sich stärker im indischen Markt engagieren solle.

Sympathien im persönlichen Kontakt

Es war schon in seinen Politikertagen stets ein seltsames Phänomen, dass Koch im persönlichen Kontakt sehr viel mehr Sympathien gewann als bei Auftritten im Fernsehen. Bei Bilfinger wird geschätzt, wie offen und zugänglich er auftritt. An vier von zehn Arbeitstagen ist er unterwegs, um Tochtergesellschaften kennenzulernen, oft auch jene in Deutschland. Dabei sucht er, ganz der Netzwerker aus Politikertagen, stets zuerst auch den Kontakt zu den Betriebsräten.

Im Stammsitz Mannheim hat Koch das monatliche Kantinengespräch eingeführt, zu dem sich jeder anmelden kann. Im Kreis von ein paar Mitarbeitern wird gespeist und offen geredet. Und einen Extra-Bonus für die deutsche Belegschaft hat Koch auch durchgesetzt.

Das politische Geschäft ganz aufgegeben hat er dennoch nicht. Koch arbeitet weiter an Leitanträgen für den Bundesparteitag der CDU im Herbst. Und ganz unvermutet taucht sein Name immer wieder mal auf, etwa, als Jürgen Trittin (Grüne) für seine Teilnahme an der ebenso berühmten wie geheimen Bilderberg-Konferenz gerügt wurde.

Bei der Konferenz, die seit 60 Jahren an wechselnden Orten stattfindet, dieses Jahr im US-Staat Virginia, treffen sich die Mächtigsten und Einflussreichsten der ganzen Welt – Industriebosse, Regierungschefs, Präsidenten von Verbänden und Organisationen – zu Gesprächen. Aus Deutschland war außer Trittin nur eine Handvoll Teilnehmer zu dem exklusiven Zirkel geladen, darunter Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann – und der Chef des Mannheimer MDax-Konzerns Bilfinger, Roland Koch.

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