EADS-Tochter
Eurocopter-Chef plant Highspeed-Hubschrauber
Die EADS-Tochter Eurocopter rüstet die Bundeswehr mit neuen "Tiger"-Kampfhubschraubern für Afghanistan aus. Kritik an den Helis weist Chef Bertling zurück und verspricht eine fristgerechte Lieferung.
Berliner Morgenpost: Herr Bertling, Herzlichen Glückwunsch. Bei Eurocopter heißt es, Sie hätten Ihre Hubschrauber-Lizenz erhalten.
Lutz Bertling: Richtig ist: Ich bin dabei eine zu machen. Vor acht Wochen habe ich ernsthaft damit angefangen. Das ganze Flugprogramm habe ich hinter mir wie Autorotation oder Gebirgslandungen. Nun muss ich aber noch 3000 Fragen für den Theorietest büffeln.
Berliner Morgenpost: Sie sind bereits fast sechs Jahre Eurocopter-Chef. Warum fangen Sie erst jetzt mit der Hubschrauber-Fliegerei an?
Bertling: Es gab Zeiten in den vergangenen Jahren, da erschien es mir unpassend. Wenn sie in der Firma gerade Sparmaßnahmen laufen haben, sieht es eben nicht gut aus, wenn der Chef auf einmal anfängt Hubschrauber zu fliegen. Auch wenn ich natürlich den Schein aus eigener Tasche bezahle. Jetzt wachsen wir wieder solide, da möchte ich mir diesen langjährigen Traum erfüllen.
Berliner Morgenpost: Der neue EADS-Chef Tom Enders ist selbst begeisterter Hubschrauber-Pilot. Hat der Sie überredet?
Bertling: Nein, musste er nicht (lacht). Ich habe einfach enorm viel Spaß daran, diese Maschinen zu fliegen.
Berliner Morgenpost: Vor drei Jahren haben Sie ein Sparprogramm verkündet, das 200 Millionen Euro jährlich bringen sollte. Ist Schluss mit der Sparerei?
Bertling: Das Programm ist abgeschlossen, wir haben die Kosten um 197 Millionen Euro jährlich gesenkt und damit unser Ziel erreicht. Es wird daher erst einmal auch kein neues Programm geben. Wir stehen zurzeit vor einer ganz anderen Herausforderung: Wir müssen die Produktion in enorm kurzer Zeit hochfahren. Das ist noch anspruchsvoller als in den Boomjahren 2006 bis 2008.
Berliner Morgenpost: Wo liegt das Problem?
Bertling: Unsere Lieferkette ist sehr viel schwächer als damals. Viele Zulieferer haben während der Krise Kapazitäten abgebaut und nun Probleme, von den Banken das nötige Geld zu bekommen, um ihre Produktion wieder auszubauen.
Berliner Morgenpost: Was bedeutet die gestiegene Nachfrage für Ihre Umsatzentwicklung?
Bertling: In diesem Jahr werden wir den Umsatz in einer ähnlichen Größenordnung wie 2011 steigern, damals wuchsen wir um zwölf Prozent. Wir peilen 2012 Erlöse von 5,9 bis 6,1 Milliarden Euro an.
Berliner Morgenpost: Nutzen Sie den neuerlichen Boom, um Ihre Modellpolitik zu verändern?
Bertling: Bis Ende des Jahrzehnts werden wir unsere Flotte komplett erneuert haben. Wir planen sie zudem durch Highspeed-Hubschrauber zu ergänzen. Der Grund: Es wird mehr gemischte Flotten geben. Nehmen sie den Heliport im schottischen Aberdeen. Da gibt es Bohrinseln, die von dort 50 Kilometer entfernt liegen. Da macht es keinen Sinn, mit einem Hochgeschwindigkeits-Hubschrauber hinzufliegen. Bei Bohrinseln, die 250 Kilometer entfernt liegen, wird das wirtschaftlich schon interessanter.
Berliner Morgenpost: Von welchen Geschwindigkeiten reden wir da?
Bertling: Von 220 Knoten, also rund 440 Stundenkilometer. Üblich sind heute 110 Knoten.
Berliner Morgenpost: Sie sprachen gerade die Öl- und Gasindustrie an. Beschert die Ihnen die lange ersehnte Auftragsflut?
Bertling: Eindeutig ja, und da reden wir von Ländern wie Russland, Brasilien, Kasachstan, Gegenden wie dem Golf von Mexiko. Solange der Ölpreis höher als 80 Dollar je Barrel liegt, investieren die Ölfirmen in die Erkundung neuer Öl- und Gasfelder. Die finden sich eben häufig in entlegenen, schwer zugänglichen Regionen. Und da sind dann wir gefragt.
Berliner Morgenpost: Alle reden von der Euro-Krise. Macht die Ihnen zu schaffen?
Bertling: Es ist jedenfalls nicht so, dass in Europa der Markt komplett zusammengebrochen wäre. Natürlich tun sich Staaten, und damit auch das Militär, schwerer, neue Hubschrauber zu ordern. Dafür entwickeln sich andere Segmente gut, etwa der Absatz von Rettungshubschraubern oder der Verkauf von VIP-Helikoptern. 2011 haben wir allein 90 Bestellungen im Segment für Corporate- und Einzelkunden verbucht. Viele VIP-Kunden kommen aus Osteuropa. Auch in Asien sehen wir ein deutliches Wachstum – in Ländern wie Malaysia, Vietnam oder Kasachstan. Da geht es etwa um die Wartung von Stromleitungen oder von Pipelines.
Berliner Morgenpost: Sie fertigen in Brasilien, den USA, Kasachstan, haben ein Joint Venture in Russland. Wo bleibt da Deutschland?
Bertling: Wir haben noch nie ein Geschäft getätigt, bei dem wir für unsere Standorte in Deutschland und Frankreich mehr Arbeit exportiert als hereingeholt hätten. Natürlich findet auch Wertschöpfung im Ausland statt, aber die geht nicht zulasten von Arbeitsplätzen in Deutschland.
Berliner Morgenpost: Schaffen Sie in Deutschland Jobs?
Bertling: Wir würden gerne hierzulande in diesem Jahr gut 500 neue Mitarbeiter einstellen, in Frankreich 700. Ob wir die bekommen, ist allerdings fraglich. In Bayern, wo wir produzieren, ist der Arbeitsmarkt ziemlich leergefegt. In Frankreich haben wir etwas bessere Karten die Leute zu finden, etwa aus der Automobilindustrie. Es geht der Branche dort nicht besonders gut und auch den Zulieferern nicht – während die deutschen Autobauer sich bislang nicht beklagen können.
Berliner Morgenpost: Hat denn Deutschland als Hochtechnologiestandort eine Zukunft?
Bertling: Eindeutig ja. An diesem Freitag haben wir Richtfest unseres neuen Entwicklungszentrums in Donauwörth. Die Investitionen von 100 Millionen Euro sind auch ein deutliches Bekenntnis zum Standort Deutschland.
Berliner Morgenpost: Dabei wird doch die Entwicklung nur von Ottobrunn nach Donauwörth verlagert. Was bringt das außer einem Umzug für 900 Mitarbeiter?
Bertling: Wir können die Effizienz steigern, wenn wir Entwicklung und Produktion an einem Standort haben und nicht an zwei, 130 Kilometer voneinander entfernten. Die Bündelung ist entscheidend für unsere neuen Programme. Da müssen gemeinsame Teams aus Entwicklung, Produktion und Wartung zusammenarbeiten. Wir müssen schneller werden.
Berliner Morgenpost: Was bringt Ihnen die Tempoverschärfung?
Bertling: Viele Kunden betreiben ihr Geschäft heute deutlich anders als in der Vergangenheit. Sie stehen vor neuen Aufträgen und brauchen dann sehr schnell Hubschrauber. An diese veränderte Marktdynamik müssen wir uns anpassen.
Berliner Morgenpost: In Deutschland hat die Entscheidung von Tom Enders, die EADS-Konzernzentrale von Ottobrunn und Paris nach Toulouse zu verlagern, für Missstimmung gesorgt. Wird Frankreich im Konzern immer wichtiger?
Bertling: Wissen Sie, dieses Nationalitäten-Thema liegt doch schon lange hinter uns. Gut, mein Hauptbüro liegt in Frankreich, aber ich arbeite genauso am deutschen Hauptsitz in Donauwörth und bin sonst irgendwo in der Welt unterwegs. Wichtig ist doch, dass wir die Ineffizienz aufgrund der Tatsache, dass wir uns mehrere Hauptquartiere leisten, herausbekommen. Die größte industrielle Aktivität der Gruppe liegt nun einmal am Airbus-Standort in Toulouse. Da ist es doch nachvollziehbar, wenn die Konzernmutter dort ihren Sitz hat.
Berliner Morgenpost: Deutschland ist also nicht der große Verlierer?
Bertling: Nein, überhaupt nicht. Einen Ort musste man aber auswählen.
Berliner Morgenpost: EADS ist nicht nur aufgrund der Aktionärsstruktur ein politisches Unternehmen. Die Regierungen sind auch Rüstungskunden. Wie entwickelt sich das Militärgeschäft?
Bertling: In Europa sieht es schwach aus. Wir können auch nicht erwarten, dass wir angesichts der Haushaltszwänge großartige Neuaufträge erhalten. Im Export – etwa nach Brasilien, Mexiko, Malaysia, Indonesien, Russland oder Kasachstan – läuft es jedoch besser.
Berliner Morgenpost: Wie gestalten sich denn die Gespräche mit Verteidigungsminister Thomas de Maizière? Er würde gerne die Zahl der bestellten Hubschrauber vom Typ Tiger und NH90 reduzieren.
Bertling: Die Gespräche laufen noch. Sie finden in einer konstruktiven Atmosphäre statt, es ist aber zu früh, Ergebnisse bekannt zu geben. Für uns ist wichtig: Wir brauchen einen Anschluss an diese Militärprogramme, erst recht, wenn sie aufgrund der Reduzierung der Stückzahlen schneller zu Ende gehen sollten. Als Teil eines Win-Win-Ergebnisses wäre für uns ein Auftrag für die Beschaffung des Marinehubschraubers MH90 essenziell wichtig. Anderenfalls droht in Donauwörth eine Lücke, wenn die Programme vorzeitig auslaufen und keine neue Arbeit da ist.
Berliner Morgenpost: Eurocopter stellt den Kampfhubschrauber Tiger her, der die deutschen Truppen in Afghanistan unterstützen soll. Es gibt Gerüchte, wonach er nicht schon 2012, sondern erst 2013 eingesetzt werden soll.
Bertling: Das deckt sich nicht mit meinen Informationen. Fakt ist: Wir haben im Dezember vergangenen Jahres den Auftrag bekommen, für die Bundeswehr zwei Lose à vier Hubschrauber nachzurüsten für Afghanistan. Wir haben zugesagt, die ersten Hubschrauber zwischen Juli und September, die zweite Tranche ab Dezember 2012 auszuliefern. Wir erfüllen den Vertrag und liefern fristgerecht aus. Die Entscheidung, wann die Hubschrauber nach Afghanistan gebracht werden, liegt auf Seiten des Kunden. Eine entsprechende Beurteilung steht mir als Vertreter der Industrie nicht zu.
Berliner Morgenpost: In der Bundeswehr ist zu hören, die Bewaffnung der Tiger sei für einen Afghanistan-Einsatz ungeeignet.
Bertling: Das ist nicht richtig. Deutschland erhält mit dem Tiger einen Hubschrauber, der nicht nur Antworten für Afghanistan, sondern auch für die folgenden Jahrzehnte gibt. Die Franzosen haben sich zwar für eine andere Bewaffnung entschieden und der Tiger bewährt sich bereits in Einsätzen wie in Afghanistan oder Libyen. Das liegt aber bestimmt nicht allein an der Bewaffnung.
Berliner Morgenpost: Beim EC-135 sind Risse im Rotorsystem aufgetaucht. Droht ein ähnliches Ausmaß wie bei den Flügelrissen beim A380 von Airbus?
Bertling: Ich bitte Sie. Das ist nun wirklich nicht miteinander zu vergleichen. Rund 1000 Hubschrauber des Typs EC-135 fliegen derzeit weltweit, an dreien von ihnen wurden Risse festgestellt. Die europäische Flugsicherheitsbehörde EASA hat daher angeordnet, dass jede EC-135 alle zehn Flugstunden kontrolliert wird. Das geht schon seit Monaten so, ohne dass ein vierter Fall aufgetaucht wäre. Wir haben es hier also nicht mit einer Epidemie oder einem Serienfehler zu tun, sondern mit Einzelfällen.
Berliner Morgenpost: Gibt es eine Erklärung für die Risse?
Bertling: Das ist hypothetisch. Es könnte durchaus passiert sein, als die Hubschrauber am Boden standen und entweder ein großer Hubschrauber zu nahe daneben landete oder die Rotorblätter bei einem Sturm von einer Windböe erfasst wurden und nach oben schlugen.
Berliner Morgenpost: Eurocopter wurde vor 20 Jahren gegründet. Steht die Firma heute so da, wie Sie sich das vorstellen?
Bertling: Nein. Wenn ich ja sagen würde, müsste ich gehen oder mich in aller Zufriedenheit zurücklehnen. Wir haben sehr viel erreicht in den vergangenen Jahren. Unser Servicegeschäft ist stark gewachsen. Wir haben das Wartungsgeschäft ausgebaut und konzentrieren uns nicht nur auf Hubschrauber, sondern auch auf andere Fluggeräte. Wir sind breiter aufgestellt und krisenresistenter als früher. Nur so konnten wir auch den Rückgang beim Auftragseingang um 50 Prozent von 2008 auf 2009 verkraften ohne Sozialpläne aufzustellen und rote Zahlen zu schreiben. Ich habe aber noch eine lange Liste, die ich abarbeiten will. Dazu gehört, die Produktion hochzufahren und das Servicegeschäft auszuweiten.
Berliner Morgenpost: Sind Sie schon mit der Rentabilität zufrieden? Die Margen von Eurocopter sind nicht unbedingt üppig.
Bertling: Zufrieden bin ich damit nicht, aber wir werden jedes Jahr besser.
Berliner Morgenpost: Als im EADS-Konzern mit dem Führungswechsel das Stühlerücken begann, kamen Gerüchte auf, Sie würden Ihren Job an einen Franzosen verlieren. Sitzen Sie fest im Sattel?
Bertling: Gerüchte sind oftmals das beste Kompliment und ich war damals am gelassensten. Es ist nun mal in einem leicht politisch geprägten Unternehmen so, dass solche Gerüchte auftauchen, etwa wenn die eine oder andere Nation versucht, irgendwelche zusätzlichen Posten für sich zu reklamieren. Wie Sie sehen, bin ich noch da. Die Firma ist erfolgreich. Also ist alles gut.


















