Luftfahrtindustrie
Boeing will Airbus die Marktführerschaft abnehmen
Bisher verkaufte Airbus mehr Passagierflugzeuge. Doch jetzt greift Boeing mit einem Großauftrag die Europäer an.
Nach jahrelanger Durststrecke macht der amerikanische Luft- und Raumfahrtkonzern Boeing dem europäischen Erzrivalen Airbus die Marktführerschaft bei Passagierflugzeugen streitig. Gleich zum Auftakt der Flugzeugmesse im britischen Farnborough sammelte der Hersteller aus Seattle im US-Bundesstaat Washington zahlreiche Aufträge ein.
Die Leasinggesellschaft Air Lease Corporation bestellte 75 Flugzeuge des modernisierten Kurz- und Mittelstreckenflugzeugs Boeing 737 Max zum Listenpreis von 7,2 Mrd. Dollar. Und auch Virgin Australia griff zu und gab 23 Max-Maschinen in Auftrag.
Damit holt Boeing im Brot- und Buttergeschäft gegenüber Airbus auf. Zwar beherrscht der europäische Flugzeugbauer dieses Marktsegment noch immer mit seinem A320 Neo, für den insgesamt bereits 1425 feste Bestellungen vorliegen. Der Max kommt bisher erst auf knapp 500.
Airbus hatte die Nase vorn
Doch Farnborough könnte nun die Wende einleiten. In neun der vergangenen zehn Jahre waren die Amerikaner stets vom Konkurrenten Airbus abgehängt worden – sowohl bei der Zahl der Bestellungen als auch bei den Auslieferungen von Passagierjets.
Nur einmal, vor vier Jahren, war Boeing stärker. Die großen Flugzeugmessen beherrschte zuletzt stets Airbus. Allen voran 2011 die Schau im französischen Le Bourget, als das Unternehmen mit Sitz in Toulouse 730 Bestellungen zum Listenpreis von fast 50 Mrd. Euro an Land zog.
Nun aber gibt sich Boeing wieder selbstbewusst "Wir wollen siegen, und das so oft wie möglich", sagt der neue Chef der Verkehrsflugzeugsparte, Ray Conner. "Wir wollen nicht die Nummer zwei sein. Die Nummer eins ist das Ziel." Allein die Zahl der festen Max-Bestellungen soll sich bis Ende des Jahres noch auf 1000 Maschinen verdoppeln.
Schon im ersten Halbjahr konnte Boeing insgesamt 440 Nettobestellungen einfliegen, Airbus dagegen nur 230. Auch bei den Auslieferungen lag Boeing mit 287 Maschinen vor Airbus und seinen 279 Jets.
Ganz klar: Boeing ist wieder da – und in einem Punkt sind die Amerikaner jetzt schon, wo Airbus gerne hinkommen will: bei einer hohen Marge. Der US-Konzern verdient deutlich mehr als die Konkurrenz aus Europa.
Allerdings: Dafür, dass Boeing sich nun wieder stark fühlt, sprach Ray Conner am Wochenende in London doch erstaunlich wenig über seinen eigenen Konzern und recht viel über die Konkurrenz. Besonders über die Entscheidung von Airbus, in Mobile/Alabama ein eigenes Werk zu bauen – und damit direkt im Vorgarten von Boeing den Verkaufsschlager A320 Neo herstellen zu wollen.
Marktanteil bei 80 Prozent
"Unser Marktanteil in den USA wird dadurch nicht erodieren", gab sich Conner selbstbewusst. Der liegt aktuell bei 80 Prozent. "Wo ein Flugzeug gebaut wird, ist doch letztlich irrelevant. Sonst hätten wir in den USA einen Marktanteil von 100 Prozent." Es komme aufs Produkt, den Wert, der damit geschaffen werden könne, und auf die Kundenbeziehungen an. Und da biete man eben mehr.
Airbus will in das neue Werk 600 Mio. Dollar investieren. Neben dem Versuch, damit direkt auf dem größten Flugzeug- und Rüstungsmarkt der Welt mit einer eigenen Fertigung aktiv zu sein, erhofft sich der neue Airbus-Chef Fabrice Brégier davon auch, Wertschöpfung in die Dollar-Zone zu verlagern, denn der hohe Euro-Kurs hat Airbus in den vergangenen Jahren ziemlich zugesetzt.
Soll Boeing dauerhaft Nummer eins werden, muss Ray Conner allerdings etwas mehr vorweisen als gute Halbjahreszahlen und einige Spitzen gegen die Konkurrenz. Die Kunst für ihn wie für sein Airbus-Pendant Laurent Brégier besteht darin, die enorm dicken Auftragsbücher zeitnah abzuarbeiten. Bei Boeing fanden sich Ende März Bestellungen für mehr als 4000 Verkehrsflugzeuge für 308 Mrd. Dollar, bei Airbus für 4400 Flugzeuge im Bestellwert von 460 Mrd. Euro.
Wenn sie diese Listen abarbeiten wollen und die Fluggesellschaften nicht allzu lange warten sollen, müssen beide Unternehmen ihre Produktionsraten für alle Flugzeugtypen in kürzester Zeit nach oben bringen. Ein Beispiel: Bislang fertigt Boeing 35 Flugzeuge des 737 im Monat, 2014 sollen es 42 Maschinen sein. Intern ist im Konzern selbst jedoch bereits davon die Rede, dass eine Steigerung auf 60 Maschinen notwendig werden könnte.
Im Flugzeugbau ist das aber kompliziert, denn die großen Hersteller sind auf eine minutiös aufeinander abgestimmte Lieferkette angewiesen, die aus Hunderten spezialisierten Zulieferern besteht. Fällt auch nur eines dieser Unternehmen zurück, droht die gesamte Lieferkette zu reißen. Conner bezeichnet das Beherrschen der Zulieferkette als eine der wichtigsten Herausforderungen. "Ich liebe unser Orderbuch", betont der neue Mann an der Boeing-Spitze.
Boeing muss aufholen
Noch haben die Amerikaner aber einiges aufzuholen. Der Schachzug des damaligen Airbus-Chefs Tom Enders, auf eine komplette Neuentwicklung des A320 vorerst zu verzichten und stattdessen die Flieger nur mit neuen, Kerosin sparenden Triebwerken auszustatten, hat Boeing kalt erwischt. So räumte auch Conner ein, Airbus habe mit seinem A320 Neo durch diesen Schritt einen Vorsprung von gut einem Jahr herausgeholt. Die Amerikaner haben nun reagiert und bieten als Antwort auf den A320 Neo die Boeing 737 Max mit effizienteren Triebwerken an.
Unbestritten vorne ist Boeing hingegen bei dem ebenfalls wichtigen Marktsegment der Langstreckenflugzeuge. Der Boeing 787 "Dreamliner" ist zwar mit jahrelangen Verspätungen im letzten Herbst ausgeliefert worden, aber im Gegensatz zum A350 von Airbus bereits im Einsatz. Auch auf der Luftfahrtmesse in Farnborough soll er fliegen.
Wohl und Wehe von Boeing und Airbus hängen jedoch letztlich von den Kunden ab. Gerade den europäischen Fluggesellschaften geht es alles andere als gut. Hohe Kerosinpreise belasten sie, dazu kommen Luftverkehrsabgaben. Einen Abschwung in der Luftfahrtindustrie will Conner dennoch nicht ausmachen.
Die asiatischen Märkte würden weiter wachsen, da dort der Nachholbedarf enorm groß sei, glaubt er. Und in Europa und den USA seien die Fluglinien gezwungen, Schritt für Schritt ihre Flotten zu modernisieren und ältere Flugzeuge auszumustern. Der Kuchen, der in der Branche zu verteilen ist, ist immer noch üppig. Boeing schätzt, dass in den kommenden 20 Jahren 34.000 Flugzeuge im Gesamtwert von 4,5 Billionen Dollar in Dienst gestellt werden.

















