05.07.12

Protestbrief

Merkel zweifelt an Kompetenz der Ökonomen

Kanzlerin Angela Merkel ist verärgert über den Brandbrief von 160 Ökonomen, die vor finanziellen Verpflichtungen Deutschlands warnen. Sie rät den Experten, sich die Gipfel-Beschlüsse mal anzuschauen.

Foto: DPA
Merkel
Angela Merkel: Von dem Brandbrief der Ökonomen hält sie offenbar wenig

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den Protestbrief von 160 Ökonomen gegen die jüngsten EU-Beschlüsse scharf zurückgewiesen. Deutschland gehe durch die Brüsseler Gipfelergebnisse keinerlei zusätzliche Verpflichtungen ein, es habe sich dadurch "nichts geändert", sagte Merkel. "Jeder sollte sich die Beschlüsse gut anschauen."

Es gehe um "eine bessere Bankenaufsicht" und "überhaupt nicht um eine zusätzliche Haftung", betonte Merkel. Eine Haftung für Kreditinstitute sei nach wie vor ebenso "verboten wie für Staaten".

Zuvor hatten die 160 Ökonomen, darunter Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn und der Freiburger Ökonom Bernd Raffelhüschen, die Bürger in einem offenen Brief aufgefordert, sich gegen die Pläne zu wehren. Sie befürchten "den Schritt in die Bankenunion, die eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems bedeutet".

Keine Rettung des Euro?

Mit den Beschlüssen werde nicht der Euro gerettet. Vielmehr würden sie den Gläubigern der Krisenbanken helfen, schreiben die Ökonomen. Das sei der falsche Weg: "Banken müssen scheitern dürfen." Von den Gipfelbeschlüssen profitierten daher Investoren an Finanzplätzen wie der Wall Street oder der Londoner City sowie marode Banken.

Die Staats- und Regierungschefs wollen unter anderem, dass der dauerhafte Krisenfonds ESM – und damit der Steuerzahler – künftig Banken direkt unterstützen kann. Bislang muss das Geld an die Regierung des jeweiligen Landes überwiesen werden. Aber eine Bedingung dafür ist, dass es zunächst eine europäische Bankenaufsicht gibt, die Details sind bisher nicht ausgearbeitet. Deutschland haftet beim ESM bisher mit 190 Milliarden Euro. Wegen Klagen beim Bundesverfassungsgericht liegt er vorerst auf Eis. Über die beim EU-Gipfel in Brüssel beschlossenen Ergänzungen, auch die Bankenhilfen, müsste der Bundestag noch gesondert entscheiden.

Aber auch Hans-Peter Keitel, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) warnte vehement vor Fehlsteuerungen, Deutschland dürfe bisherige Linien nicht aufgeben. "Einen europäischen Bankenrettungsfonds darf es aus Sicht der deutschen Wirtschaft nicht geben", sagte Keitel. Gleiches gelte für eine gemeinsame Einlagensicherung, ergänzte er mit Blick auf eine mögliche Haftung des deutschen Steuerzahlers für Sparguthaben bei ausländischen Banken.

Das Kleingedruckte der Gipfelbeschlüsse

Keitel betonte, er habe die Verlautbarungen nach dem EU-Krisengipfel in der vergangenen Woche "mit großer Sorge" aufgenommen. Er räumte allerdings auch ein: "Keiner weiß, wie die Krise wirklich zu lösen ist. Ich jedenfalls habe keinen Königsweg." Zugleich nahm er Merkel in Schutz. Man müsse auch das Kleingedruckte der Gipfelbeschlüsse lesen, betonte der BDI-Präsident.

Dass sich Frankreich bei diesen Verhandlungen auf die Seite der Südländer Italien und Spanien geschlagen habe, mache deutlich, dass sich Deutschland auf neue Allianzen einstellen müsse. "Die Gewichte haben sich ungut verschoben." Mittel- und langfristig sei es aber "unabdingbar, dass Deutschland und Frankreich wieder zusammenkommen".

Die Ökonomen warnen in ihrem Aufruf, Deutschland könne sich überheben. "Die Steuerzahler, Rentner und Sparer der bislang noch soliden Länder Europas dürfen für die Absicherung dieser Schulden nicht in Haftung genommen werden", sagten sie mit Blick auf die Schulden von Banken.

Deutschland und die soliden Länder würden gedrängt, ihre Haftungssummen immer weiter auszudehnen: "Streit und Zwietracht mit den Nachbarn sind dann vorprogrammiert. Weder der Euro noch der europäische Gedanke als solcher werden durch die Erweiterung der Haftung auf die Banken gerettet", warnen die Ökonomen.

Bürger sensibilisieren

Wie die "FAZ" berichtet, ist der Dortmunder Wirtschaftsstatistiker Walter Krämer Initiator des Protestbriefes. Er habe den Aufruf zusammen mit Sinn verfasst, der seit längerem zu den scharfen Kritikern der Euro-Rettungspolitik zählt. Ziel sei es, Bürger und Politik für die drohenden Gefahren zu sensibilisieren.

Quelle: dapd/dpa/lw
© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Endspurt: Die Baukräne am Kapelle-Ufer drehen sich für das Bildungsministerium. Es soll 2014 fertig sein.
22.05.13Baustellen
Es geht voran - In Berlin werden doch Großprojekte fertig

Eines der größten Bauvorhaben des Bundes in Berlin geht in die Zielgerade. Für den Neubau des Innenministeriums wurde jetzt Richtfest gefeiert. Auch andere große Bauvorhaben in Mitte kommen gut voran. mehr...


Sängerin Beyoncé ist in der O2 World in Friedrichshain zu Gast
22.05.13Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Donnerstag

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Donnerstag, den 23. Mai. mehr...


Spurensicherung im Londoner Stadtteil Woolwich. Hier wurde ein Mann mit einer Machete getötet
22.05.13Mit Machete ermordet
Tödlicher Anschlag in London war offenbar Terrorakt

In London ist ein Mann mit einer Machete getötet worden. Laut Premierminister Cameron gebe es "starke Anzeichen" für einen terroristischen Hintergrund. Videos zeigen Teile des Geschehens. mehr...


Der SPD-Landesvorsitzende Jan Stöß war von der großen Mehrheit für seinen Vorschlag selbst überrascht
22.05.13Landespolitik
Berliner SPD-Vorstand billigt Bundestagsliste von Jan Stöß

Erfolg für den SPD-Landesvorsitzenden Jan Stöß: Der Landesvorstand hat am Mittwochabend seinem Vorschlag für die Bundestagsliste mit großer Mehrheit zugestimmt. Spitzenkandidatin soll Eva Högl werden. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Oklahoma Wiedersehen nach dem schweren Tornado
Umzug Karneval der Kulturen 2013 - Berlin ist bunt
US-Kongress Apple verteidigt Steuersparmodell
Xbox One Microsoft stellt neue Spielkonsole vor
 
tb_airberlin.gif
airberlin - Destination…

airberlin baut die Verbindungen nach Polen aus. Erfahren…mehr

tb_Erste-Adressen.jpg
Berlins Erste Adressen

Eine Initiative der Berliner Kaufleute und der Berliner…mehr

Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote