28.06.12

Niedriglohnsektor

Zuschläge für Zeitarbeit schaden den Schwächsten

Der Jobmotor in Deutschland ist ins Stottern geraten: Die Zahl der Arbeitslosen geht im Juni nur noch leicht zurück. Zudem bedrohen die beschlossenen Lohnerhöhungen einfache Jobs.

Quelle: Reuters
28.06.12 1:37 min.
Anhaltende Auftragseingänge wie auch die stabile Lage der Bauwirtschaft stützen derweil den Arbeitsmarkt. Die jüngst vereinbarten Lohnerhöhungen kurbeln darüber hinaus kräftig den Binnenkonsum an.

Bei der Firma Marquardt im schwäbischen Tuttlingen stehen bald kräftige Gehaltserhöhungen an – allerdings nicht für alle Beschäftigten. Für die 300 Zeitarbeiter, die derzeit noch rund 40 Prozent weniger als ihre fest angestellten Kollegen verdienen, brechen ab Mitte Dezember rosige Zeiten an: Zunächst bekommen sie einen Zuschlag von 200 Euro.

Nach neun Monaten sollen sie sogar 620 Euro mehr verdienen. "Die Zeitarbeiter freuen sich richtig", sagt Antonio Piovano, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates. Und nicht nur wegen der besseren Bezahlung, sondern auch, weil sie nach 24 Monaten Tätigkeit im Unternehmen fest übernommen werden müssen.

Nicht nur bei Marquardt in Schwaben, in der gesamten Metall- und Elektroindustrie beginnt am 1. November ein neues Zeitalter für die Zeitarbeit. Dann tritt der Tarifvertrag in Kraft, den die mächtige IG Metall mit Rückendeckung der Politik den Arbeitgebern für die Zeitarbeit abgerungen hat.

Nach sechs Wochen Einsatz im Unternehmen steigen die Löhne um 15 Prozent, nach drei Monaten um 20 Prozent und weiter, bis nach neun Monaten stufenweise weiter bis nach neun Monaten ein Zuschlag von 50 Prozent erreicht ist.

Mit großen Schritten Richtung "Equal Pay"

Die IG Metall ist damit ihrem großen Ziel "Equal Pay" – der gleichen Bezahlung von Stamm- und Leiharbeitern – ein Stück näher gekommen. Als erste Gewerkschaft hat sie einen Abschluss mit den Zeitarbeitgebern erzielt. Die Chemiegewerkschaft IG BCE hat den Abschluss mittlerweile leicht verändert übernommen.

Die Zeitarbeitsfirmen hoffen damit auf ein Ende der Gewerkschaftskampagne gegen ihre Branche und endlich eine Befriedung des erbitterten Streits um die Leiharbeit. Mit den Lohnzuschlägen verbessert die Branche nicht nur ihr Image, sie wird auch im Kampf um rare Fachkräfte für Arbeitnehmer attraktiver.

Zeitarbeit wird teurer

Doch die neuen Regeln könnten sich auch negativ auswirken. Für die Arbeitgeber wird Zeitarbeit teurer. Sie könnten künftig auf Zeitarbeiter verzichten. Vor allem einfache Jobs könnten durch Automatisierung ersetzt, ins Ausland verlagert oder durch Werkverträge verdrängt werden, warnen die Zeitarbeitsfirmen. Ein Drittel der offenen Stellen in Deutschland entfallen bislang auf die Zeitarbeit.

Auch Firmenchef Harald Marquardt in Tuttlingen fragt sich, ob er alle Zeitarbeiter jetzt weiter beschäftigen wird. Er hat schon vor dem Tarifabschluss damit gedroht, die Arbeitsplätze nach Rumänien zu verlagern, sollten sie teurer werden.

"Daran hat sich nichts geändert", sagt sein Sprecher, die Drohung sei weiter aktuell. Gleichzeitig will die Firmenleitung versuchen, sich mit dem Betriebsrat darauf zu einigen, die Lohnsteigerungen auszusetzen. Das dürfte schwierig werden: Betriebsrat Piovano ist zwar gesprächstbereit, sagt er – aber eine "Besserstellung der Zeitarbeiter muss sein".

Hoher Preisdruck im Helferbereich

Knapp 900.000 Zeitarbeiter gibt es in Deutschland. Nach einer neuen Studie der Unternehmensberatung Lünendonk sind allein 34 Prozent der im Westdeutschland beschäftigten Zeitarbeitnehmer in der untersten Entgeltgruppe beschäftigt – also im Helferbereich tätig. Viele von ihnen haben keine Berufsausbildung und waren zuvor arbeitslos.

In diesem Bereich sei die Nachfrage aufgrund der Zuschläge gefährdet, heißt es in der Studie. "In diesen Segmenten ist der Preisdruck hoch, in vielen Kundenbranchen besteht nur wenig Spielraum für Kostenerhöhungen".

Mit Arbeitsplatzverlusten rechnet auch Dieter Traub, Chef von Orizon, eines der zehn größten Zeitarbeitsunternehmen in Deutschland. Der Tariflohn in der Metallindustrie für ungelernte Kräfte liegt bei 14,30 Euro.

"Die Unternehmen haben stattdessen lieber Zeitarbeiter eingesetzt, in unserer Branche liegt der Mindestlohn bei 7,58 Euro. Dafür müssen die Unternehmen künftig bis zu 11,37 Euro bezahlen, rechnet Traub vor. "Ich fürchte, dass die Industrie bei dieser deutlichen Verteuerung diese einfachen Jobs künftig reduzieren wird", sagt der Orizon-Chef, der fast 10.000 Zeitarbeiter beschäftigt.

Negative Folgen für die Schwächsten

Das sehen die Metallarbeitgeber genauso. Die Firmen werden künftig entsprechend zurückhaltender mit dem Einsatz von Zeitarbeit umgehen, sagt Martin Kannegiesser, Präsident des Branchenverbandes Gesamtmetall, voraus. Das werde nicht ohne Folgen für den Arbeitsmarkt bleiben. "Ein solcher Kostenanstieg, egal in welchem Bereich, kann nicht ohne Folgen und ohne kurzfristige Verwerfungen bleiben".

Vor allem für die Schwächsten am Arbeitsmarkt dürften die ausgehandelten Lohnerhöhungen negative Konsequenzen haben, sagt Volker Enkerts, Präsident des Bundesarbeitgeberverbandes der Personaldienstleister (BAP). "Ob auch künftig so viele Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte, die fast nur noch über Zeitarbeit ein reguläres Beschäftigungsverhältnis finden, ist Lohn und Brot kommen, ist fraglich", warnt Enkerts. "Das nimmt die Politik aber in Kauf."

Offensichtlich glaubten viele Politiker aufgrund der guten Lage am deutschen Arbeitsmarkt, "dass sie uns nicht mehr brauchen", vermutet Enkerts. "Das ist allerdings ein gefährlicher Irrglaube." Schon jetzt spüre die Zeitarbeit, als Frühindikator für die allgemeine Konjunktur, dass Aufträge zurückgehen.

Aufschwung verliert an Kraft

Auch die neuesten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit belegen, dass der Aufschwung am Arbeitsmarkt an Kraft verliert. Im Juni ging die Zahl der Arbeitslosen lediglich um 46.000 auf 2,809 Millionen zurück. Der Rückgang war weitaus geringer, als sonst zu dieser Jahreszeit üblich.

Gegenüber dem Vorjahr sank die Zahl um 84.000. Der Vorjahresabstand werde jedoch von Monat zu Monat geringer, sagte BA-Chef Frank-Jürgen Weise. In drei westdeutschen Bundesländern – Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland – liege die Arbeitslosenzahl bereits über dem Vorjahresniveau.

Trotz des nur geringen Rückgangs der Arbeitslosenzahl bleibt die Bundesagentur für Arbeit aber zuversichtlich. "Wir erwarten aus heutiger Erkenntnis nicht, dass sich das Blatt 2012 wendet", sagte BA-Chef Frank-Jürgen Weise.

Analysten der Banken sind da skeptischer. "Der Aufschwung am Arbeitsmarkt gerät ins Stocken", sagte Rainer Sartoris von der Bank HSBC Trinkaus. Bernd Hartmann von der VP Bank rechnet angesichts der schwächeren Konjunkturerwartung in den kommenden Monaten damit, dass dies "tendenziell zu einer höheren Arbeitslosenquote führen wird."

"Spürnase im Arbeitsmarkt"

Trotz Equal Pay und schwächerer Konjunktur sieht die Zeitarbeitsbranche in Deutschland langfristig aber durchaus Wachstumschancen. "Derzeit arbeiten etwas mehr als zwei Prozent der deutschen Erwerbstätigen in der Zeitarbeit. Dieser Anteil kann sich bis 2020 verdoppeln – wenn die Wirtschaft wie in einem normalen Wirtschaftszyklus wächst, sagte Patrick De Maeseneire, Vorstandsvorsitzender des weltweit tätigen Zeitarbeitsunternehmens Adecco. "Unsere Kunden werden weiterhin für Flexibilität zahlen wollen."

Auch der Fachkräftemangel werde der Branche nutzen. "Künftig werden die Unternehmen vor allem zu uns kommen, damit wir ihnen Fachkräfte vermitteln, und weniger aus Kostengründen", ist der Adecco-Chef überzeugt.

Und auch Orizon-Chef Traub glaubt: Zwar könne es vorübergehend zu Zurückhaltung bei den Kundenunternehmen kommen. "Doch sie sind auf Flexibilität angewiesen und werden uns auch künftig, noch stärker als heute, als Spürnase im Arbeitsmarkt und Personalvermittler einsetzen."

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