25.06.12

Überangebot

Dem Ölpreis droht der Absturz ins Bodenlose

Ein Barrel Öl kostet so wenig wie zuletzt Ende 2010. Und es dürfte weiter abwärts gehen, wenn sich die Krise in der Eurozone verschärft. Die Frage ist: Wie weit kann der Ölpreis noch sinken?

Foto: DAPD
Ölpumpe
Ölpumpe: Der Rohstoffpreis ist mächtig unter Druck geraten – und Experten prophezeien einen weiteren Absturz

Mit den Ölpreisen geht es abwärts: Ein Barrel der Sorte Brent kostet nur noch rund 90 US-Dollar und damit ein Viertel weniger als Anfang Mai. So niedrig lagen die Preise zuletzt Ende 2010, also vor dem Bürgerkrieg in Libyen, der die Produktion des Landes im vergangenen Jahr zum Erliegen brachte. Inzwischen hat sich das Angebot aus Libyen wieder weitgehend erholt, in der Eurozone weitet sich die Schuldenkrise aus und Chinas Wachstum schwächelt.

Insofern dürfte es mit den Ölpreisen weiter nach unten gehen. Die Frage ist nur: Um wieviel mehr können sie sinken?

Der Druck auf dem Ölmarkt ist heute weniger stark als noch im Jahr 2010, als die Gemeinschaft der Öl exportierenden Länder, Opec, im Schlussquartal rund 31 Millionen Barrel Öl pro Tag hätte produzieren müssen, um die weltweite Nachfrage zu befriedigen. Sie produzierten seinerzeit jedoch tatsächlich nur 29,3 Millionen Barrel Öl am Tag, sagt die Internationale Energieagentur (IEA).

Im Gegensatz dazu schätzt die IEA die diesjährige täglich benötigte Produktionsmenge auf nur noch 29,4 Millonen Barrel. Jetzt aber produzieren die Opec-Staaten – vor allem dank eines höheren Outputs in Saudi-Arabien – rund 31,8 Millionen Barrel Öl am Tag.

Auf diesen Überhang an Öl stützen sich die Bullen am Markt. Als die Ölpreise im Frühjahr auf einen vorläufigen Höchststand schnellten, gab Saudi-Arabien bekannt, dass es langfristig weiterhin mit einem Ölpreis von 100 Dollar pro Barrel rechnet. Deshalb vermuten viele, dass das Land seine Produktion bald drosseln könnte. Und auch andere Ölproduzenten könnten ihren Output herunterfahren: Für die 50 weltgrößten Ölkonzerne außerhalb der Opec und Russland liegen die Grenzkosten ihrer Produktion jetzt bei 90 Dollar pro Barrel, haben Analysten von Sanford C. Bernstein berechnet.

Saudi-Arabien muss allerdings vorsichtig vorgehen. Das Land hatte ursprünglich seine Produktion erhöht, um Ängsten entgegenzuwirken, dass der Iran weniger Öl anbietet. Diese Ängste sind noch nicht gewichen. Zudem dürfte Saudi-Arabien angesichts einer derart zerbrechlichen Weltmarktnachfrage wie der derzeitigen nur sehr behutsam versuchen, die Ölpreise nach oben zu treiben.

Es darf nicht zur Katastrophe in Europa kommen

Momentan aber dürfte der Ölpreis eher noch weiter sinken, weil aus dem Fertigungssektor immer neue schlechte Zahlen ans Licht kommen, sagen Analysten der Firma Capital Economics. Dieser Prognose liegt die Annahme zugrunde, dass es vor allem in Europa nicht zu einer Katastrophe kommt. Nur haben diesmal die Regierungen weniger Spielraum, um einem möglichen Kollaps à la Lehman Brothers mit Hilfe von fiskalischen Anreizen zu begegnen.

Sollte es doch zu einem solchen Szenario in Europa kommen, könnten die Ölpreise deutlich auf 50 Dollar pro Barrel abrutschen und sich wohl mittelfristig auch nicht auf Werte über 80 Dollar pro Barrel erholen, schätzen Experten bei der Investmentbank Credit Suisse.

Das wären schlechte Nachrichten für die Öl-Bullen. Und was noch schlimmer wäre: Viele wissen aus Erfahrung, dass sich in einer solchen Krise oft selbst die pessimistischsten Annahmen im Nachhinein als zu optimistisch herausstellen.

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