22.06.12

Nach 45 Jahren

Woody Allen wirft seinen Synchronsprecher raus

Jahrzehnte war Wolfgang Draeger die deutsche Stimme von Woody Allen. Jetzt wirft der seinen Synchronsprecher hinaus und holt sich einen jüngeren. Andere Stars hatten noch mehr deutsche Stimmen.

Foto: pa/ dpa/Isabella Bonotto/De Luca/MAXPPP; Johannes Arlt
Woody Allen und Wolfgang Draeger
Seit Mitte der 60er-Jahre hat Wolfgang Draeger (r.) Woody Allen (l.) synchronisiert, in 34 Filmen. Nun wird Draeger durch den zehn Jahre jüngeren Freimut Götsch ersetzt

Man stelle sich das vor: Da sind zwei 45 Jahre lang ein Herz und eine Stimme, ein einziger Seitensprung (der unglücklichen Umständen geschuldet war), perfekte Harmonie und gegenseitige Wertschätzung sowie eine Übereinstimmung, die so weit ging, dass der eine dem anderen die Worte geradezu von den Lippen ablas. Und nun: völlig unerwartete Trennung, nur wegen einer Kieferoperation!

Die Rede ist von Woody Allen und Wolfgang Draeger. Seit "Was gibt's Neues, Pussy?" Mitte der 60er-Jahre hat Draeger Allen in jedem der 34 Filme synchronisiert, in denen der Komiker aufgetreten ist.

Einmal nur, bei "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten …", redete Woody Allen in Deutschland plötzlich mit der Stimme Harald Juhnkes, weil die professionellen Synchronsprecher streikten, was sie seitdem nie mehr gewagt haben, weil man sie mit Streikbrechern in die Knie zwang; selbst "Sex" wurde inzwischen mit Draeger nachsynchronisiert.

Allen hat das letzte Wort

Die zwei W sind zusammen gealtert, der New Yorker zählt nun 76 und der Berliner 83 Lenze, und auch ihre Stimmen sind gemeinsam verwittert, passen jedoch immer noch aufeinander, die leicht flatternde Allens und die leicht gicksende Draegers, von der das Original einmal gesagt haben soll, sie passe besser zu ihm als seine eigene.

Vor ein paar Wochen jedenfalls sprach Draeger noch den Trailer zu Allens neuem Film "To Rome with Love", in dem er zum ersten Mal seit Jahren wieder selbst auftritt, und zwar als Großvater. Er sei damals nach einem Zahnimplantat nicht in der besten Verfassung gewesen, gibt Draeger zu, der sich jetzt allerdings wieder ganz wie der alte anhört.

Doch die Entscheidung ist gefallen, und sie kommt aus der Umgebung Allens, der sich vertraglich das letzte Wort bei Synchronisierungen vorbehalten hat; das Dialogbuch, die Sprecher, die Trailer, alles muss ihm vorgelegt werden – eine nicht unübliche Praxis, auch Pedro Almodóvar, Jim Jarmusch oder Stanley Kubrick haben sich das ausbedungen.

15 Sprecher für John Wayne

Das Verdikt aus New York zu dem Trailer jedenfalls lautete: zu alt. Freimut Götsch, der Draeger nun ersetzt, ist zehn Jahre jünger und hat seine Stimme bisher Steve Buscemi und Willie Nelson geliehen. Dieses Stimmen-wechsle-dich-Spiel ist beim Synchronisieren etwas durchaus Alltägliches.

John Wayne etwa wurde im Lauf seiner vierzigjährigen Karriere von fünfzehn verschiedenen Sprechern ins Deutsche gedoubelt; selbst Robert De Niro, anscheinend wie per Stimmnabelschnur mit Christian Brückner verbunden, hatte ein halbes Dutzend andere Sprecher, bevor Brückners Organ vor zwanzig Jahren endgültig zu dem seinen wurde.

Zwanzig Jahre – das ist der Punkt. Nach zwanzig Jahren können wir uns De Niro gar nicht mehr anders vorstellen, selbst seine eigene Stimme klingt im Vergleich mit der von Brückner fremd. Bei Woody Allen und Wolfgang Draeger aber waren es fünfundvierzig Jahre. Wenn Theater in Deutschland Stücke von Woody Allen aufführen, greifen sie auf die Stimme von Wolfgang Draeger zurück.

Stimmliche Verjüngungskur

Der Kieler Regisseur Gerald Grote besetzte sein altes Ehepaar in "Unser Film" mit Draeger und Traudel Haas – die immer Woody Allen und Diane Keaton gemeinsam synchronisiert haben. Und die Kölnerin Katharina Amling lässt in ihrem Debüt "Als ob ich Woody Allen wäre" eine Schriftstellerin dem Komiker in Person von Wolfgang Draeger begegnen, der ihm den Ratschlag gibt, aus ihrer Geschichte eine Komödie zu machen. Nie hat es in Deutschland eine derartige Symbiose zwischen Künstleroriginal und Stimmkünstler gegeben.

Wir werden ab dem 30. August sehen und hören, ob die stimmliche Verjüngungskur gerechtfertigt war – oder eher eine Sache der Eitelkeit. Erfahrene Interviewer jedenfalls wissen, dass man größere Chancen hat, bei Woody Allen Gehör zu finden, wenn man sich links von ihm platziert. Mit dem linken Ohr hört er besser.

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