21.06.12

Risikoinvestoren

Berlin zieht neue Szene von Internet-Gründern an

Berlin als neues Silicon Valley? Internet-Start-ups in der Hauptstadt kommen aus aller Welt. Das Kapital stammt jetzt auch aus den USA.

Foto: Amin Akhtar
Moped Labs, Schuyler Deerman
Berliner Gründer: Schuyler Deerman (24) ist Chef des Start-ups Moped. Er bekam gerade eine Million Euro Wagniskapital

Ob ausgerechnet Moped das nächste große Ding wird, weiß noch niemand. In der schnelllebigen Welt des Internets und seiner Weiterentwicklungen und Anwendungen ist schwer vorherzusagen, wer sich dauerhaft durchsetzen und im umkämpften Markt behaupten wird. Moped hat sich vorgenommen, mit einem neuen Dienst für Kurznachrichten eine Konkurrenz zu Twitter, SMS und E-Mail aufzuziehen. "Wir machen keine Raketentechnologie", sagt Schuyler Deerman, der Chef des Berliner Start-ups, "aber es ist kompliziert, etwas besonders einfach zu machen." Sein Dienst funktioniere auf jeder Plattform, Mobil oder am PC und es gehe eben nicht wie bei Twitter darum, als Einzelner viele andere zu erreichen, sondern um eine persönliche Kommunikation zwischen zwei Nutzern.

Deutsche Investoren sind risikoscheu

Das Konzept und die dahinter steckende Technik für den neuen Messaging Service haben immerhin einige angesehene Geldgeber überzeugt, obwohl es erst an diesem Mittwoch für normale Kunden zugänglich ist – als kleines Programm (App) für das iPhone. Eine Million Dollar (790.000 Euro) hat eine Gruppe von Geldgebern bereit gestellt. Damit will Moped über die nächsten zwölf bis 18 Monate kommen und sein Produkt verfeinern. Betaworks, Lerer Ventures, SV Angel und Earlybird gehören in den USA zu den bekannteren Vertretern einer Branche von Risikokapitalgebern, die es so in Deutschland kaum gibt. "Bemerkenswert ist, dass diese Investoren sich schon in der Frühphase eines neuen Unternehmens engagieren", sagt Berlins Wirtschafts-Staatssekretär Nicolas Zimmer. Deutsche Investoren seien "deutlich risikoscheuer", stiegen erst ein, wenn die Marktreife eines neuen Produktes nachgewiesen sei.

Ciarán O`Leary, Partner bei Earlybird, vertraut mehr auf sein Gefühl: Moped habe die Idee, über das Thema Kurznachrichten noch einmal ganz von vorne nachzudenken, sagt der Investor. Weil das Produkt dem Team außerdem in den Genen stecke, sei Earlybird wirklich begeistert davon, die Firma zu unterstützen.

Zuwanderer bringen Berlin in Schwung

Aus Sicht des Staatssekretärs Zimmer, der wegen seiner Affinität zur jungen Gründerszene das Thema für seine Chefin, die Senatorin Sybille von Obernitz, beackert, belegt das einen Qualitätssprung für die Berliner Internet-Wirtschaft. Dass US-Geldgeber nun auch mit vergleichsweise kleinen Beträgen in ganz junge Firmen in Berlin einstiegen, zeige, "für wie stark die Amerikaner Berliner Entwicklungen halten", sagt Zimmer.

Moped ist ein klassisches Beispiel dafür, wie hochqualifizierte Zuwanderer Berlins Gründerszene in Schwung bringen. Sehr viele der neuen Technik- und Web-Firmen gehören Ausländern, Amerikanern, Skandinaviern, Israelis. Schuyler Deerman ist 24, stammt aus dem US-Staat Alabama, mag große Städte und schwarzen Kaffee und sieht mit seiner großen Brille aus wie ein College-Kid. Schon seit sechs Jahren lebt er in Berlin, dennoch spricht er selbstverständlich lieber englisch als deutsch.

"In Berlin ist es leichter, anzufangen"

Dann wollte er sich mit der Moped-Idee selbstständig machen, gab seinen Job auf und ging nach San Francisco, ins Silicon Valley, das Internet- und High-Tech-Mekka. Aber nachdem er sich dort umgesehen hatte, entschied er: "Warum starte ich das ganze Ding nicht in Berlin?" Dort ist es billiger, der Druck ist weniger groß, man kann zu Fuß zur Arbeit gehen und in einem lebendigen Stadtviertel leben. Und man ist vielleicht auch sichtbarer als im Silicon Valley, wo junge Firmen oft im Schatten von Google, Apple oder Facebook stehen. "In Berlin ist es leichter, anzufangen", sagt Deerman. Das Geld brachte er dennoch aus Amerika mit.

Seine Mitarbeiter hat er alle in Berlin eingestellt. Ein Spanier, ein Programmierer aus Istanbul, einen Briten, einen Bayern. Zwei davon kamen extra für den Job nach Berlin. Auf der Internet-Seite sucht das Start Up neue Leute, weltweit. Wenn jemand noch nicht in Berlin lebt: "Das können wir regeln", heißt es da, natürlich auf Englisch. "Berlin is calling!"

Gründerzentrum in Mitte

Die Szene der jungen Auslands-Unternehmer in Berlin prägt mittlerweile die Internet-Gründerlandschaft der Stadt, zumindest in der Außenwahrnehmung. Die angesagten Technik-Blogs aus den USA und Großbritannien berichten über das, was hier vorgeht. Einige große Wagniskapitalgeber haben inzwischen Büros in der deutschen Hauptstadt eröffnet, um den Kontakt mit den potenziellen Juwelen leichter zu machen.

Noch in diesem Jahr soll ein von amerikanischen Investoren finanziertes Gründerzentrum für Web-basierte Start-ups in der ehemaligen Oswaldbrauerei in Mitte eröffnen. Von Politikern oder Wirtschaftsförderung erwartet diese Szene eher wenig. "Sie wollen, dass man ihnen zuhört", sagt Staatssekretär Zimmer. Denn Probleme mit den deutschen Verhältnissen hätten auch die Jungunternehmer. Vor allem sei es schwierig, Arbeitserlaubnisse für ausländische Programmierer zu bekommen, sagt Zimmer. "Die sind es nicht gewohnt, wenn Dinge nicht schnell gehen."

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