13.06.12

Hoffnung auf 600 Millionen

Apotheker sollen mehr Geld bekommen

Die Koalition plant einen höheren Honorarbetrag für jedes Medikament. Die Apothekern hoffen auf zusätzliche 624 Millionen Euro – bezahlen sollen das die Kassen aus ihren Reserven.

Foto: dpa
Apotheker wollen mehr Honorar
Ein Apotheker nimmt ein Medikament aus der Schublade. Der Beitrag pro verkaufter Arznei für die Apotheker soll erhöht werden

Heinz-Günter Wolf hat prächtige Laune derzeit, denn der Apothekerpräsident steht vor einem politischen Erfolg. Seit Jahr und Tag versucht er den Gesundheitspolitikern der schwarz-gelben Koalition klarzumachen, dass seine Branche dringend finanzielle Unterstützung braucht. Man könne nicht immer nur Spargesetze verabschieden.

Jetzt, wo die Krankenkassen auf milliardenschweren Reserven sitzen, müsse endlich etwas Geld fließen, so die Argumentation. Und tatsächlich: Wolf macht sich Hoffnung auf mehr als 600 Millionen Euro. Die Signale aus der Koalition seien gut.

Anlass zur Hoffnung geben Äußerungen des gesundheitspolitischen Sprechers der Unions-Bundestagsfraktion Jens Spahn (CDU), der einem Apotheken-Fachblatt sagt: "Die Koalition hat versprochen, dass die Spargesetze bei den Apothekern – wie bei allen anderen auch – nur für 2011 und 2012 gelten." Zunächst fasse man, wie es von den Apothekern gewünscht worden sei, eine Erhöhung der Vergütung in der Arzneimittelpreisverordnung ins Auge.

Fixbetrag soll angehoben werden

Gemeint ist damit ein Teil des Honorars, das ein Apotheker für jede Packung eines Arzneimittels bekommt, die er über den Tresen reicht. Derzeit erhält er dafür einen Fixbetrag von 8,10 Euro. Geht es nach den Apothekern, sind es bald 9,14 Euro. Diesen Betrag haben sie als Forderung errechnet. "Es muss über eine Anhebung des Fixhonorars gesprochen werden", sagt dann auch der FDP-Gesundheitspolitiker Lars Lindemann. "Bei 8,10 Euro kann es auf keinen Fall bleiben." Spahn signalisiert eine Entscheidung noch vor der Sommerpause.

Hört man sich ein bisschen um in der Koalition und erwähnt dabei die von den Apothekern errechneten 9,14 Euro, erntet man ungläubiges Staunen bis hin zu schallendem Gelächter. "Wer soll das bezahlen?", wird da gefragt. Das sei ja wohl übertrieben.

Die von den Apothekern ausgerechneten 624 Millionen Euro, die dies die Krankenkassen mehr kosten solle, seien unwahrscheinlich niedrig berechnet. Das Honorar werde wohl "höher ausfallen, aber bei weitem nicht so hoch" wie sich die Apotheker das wünschen würden, heißt es in der Koalition.

Das Bundesgesundheitsministerium will die Wünsche offiziell nicht kommentieren, es ist auch nicht zuständig. Das Bundeswirtschaftsministerium, das das Honorar durch eine einfache Verordnung heraufsetzen könnte, war ebenfalls zu keiner Stellungnahme bereit.

Krankenkassen rebellieren

Einzig die Krankenkassen, auf die höhere Kosten zukämen, zeigen sich kampfeslustig: "Eine Honorarspritze von über einem Euro mehr pro abgegebener Packung für eine offensichtlich gut situierte Branche passt mit dem gesetzlichen Auftrag einer wirtschaftlichen Versorgung nicht zusammen", sagte eine Sprecherin des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen.

"Da sollen offenbar bereits Wahlgeschenke verteilt werden, bevor der Wahlkampf offiziell begonnen hat." Angesichts der hohen Apothekendichte scheine das reale Einkommen eines Apothekers nicht unattraktiv zu sein.

Das sehen die Apotheker selbst anders. In einer Pressemitteilung der Freien Apothekerschaft heißt es: " Immer noch warten die Apotheker auf eine Anhebung ihrer seit Jahren mehr als mickrigen Honorare." Man werde von der Politik "drangsaliert". Die Apotheker seien die einzige Gruppe im Gesundheitsbereich, die seit acht Jahren keinen Inflationsausgleich und keine Honoraranpassung bekommen habe.

Die Bundesvereinigung der Apothekerverbände (ABDA), der Apothekenpräsident Wolf vorsteht, argumentiert genauso, will die verlangten 9,14 Euro aber ausdrücklich nur als Forderung verstanden wissen, was die Erwartung einschließt, dass sie wohl nicht voll erfüllt wird.

Apotheker wollen Großkundenrabatt senken

Die Angelegenheit ist insofern kompliziert, als die Koalition auch noch über einen anderen Teil des Apothekereinkommens befinden will. In den Arzneimittelspargesetzen, die von der schwarz-gelben Koalition zu Beginn der Wahlperiode beschlossen wurden, war eine Art Großkundenrabatt vereinbart worden, der fällig wird, wenn Medikamente an gesetzlich Versicherte abgegeben werden. Bisher beträgt er 2,05 Euro pro Packung. Die Apotheker wollen ihn auf 1,75 Euro senken.

Die Krankenkassen wollen ihn so hoch wie möglich erhalten. Seit Jahren schon liegen sich beide Seiten in dieser Angelegenheit vor einem Schiedsgericht in den Haaren. "Alles hängt mit allem zusammen", heißt es aus der Koalition, was nicht vermuten lässt, dass es eine schnelle Einigung gibt.

FDP-Politiker Lindemann dürfte bei den Apothekern auf wenig Gegenliebe stoßen, wenn er im Sinne der Krankenkassen argumentiert, man brauche "eine Strukturbereinigung" auf dem Apothekenmarkt. "Es muss nicht an jeder Straßenecke eine Apotheke geben", sagt Lindemann. "Es gibt mehr Apotheken als Tankstellen in Deutschland und mir ist kein Deutscher bekannt der nicht wüsste, wie er rasch an Benzin käme."

Lindemann ist es auch, der sich teilweise unzufrieden mit der schwarz-gelben Gesundheitspolitik zeigt. "Wir müssen aufsammeln, was in den vergangenen Monaten gesetzgeberisch liegen geblieben ist oder unzureichend gelöst wurde", sagt er und nennt unter anderem Nachbesserungsbedarf im ambulanten ärztlichen Bereich. Es gehe nicht um pauschal mehr Geld. "Aber wir müssen dafür sorgen, dass die nicht gerechtfertigten regionalen Unterschiede bei der Honorierung ausgeglichen werden."

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