Jamie Dimon
Ein Vorzeigebanker muss auf die Anklagebank
Der US-Starbanker Jamie Dimon muss im Senat kritische Fragen wegen verzockter Milliarden beantworten. Dabei galt er als einer der letzten Lichtgestalten der Wall Street. Nun drohen strenge Auflagen.
Wie sich die Machtverhältnisse zwischen der Wall Street und Washington verschoben haben, wird an diesem Mittwochmorgen um 10 Uhr deutlich. Dann muss JPMorgan-Chef Jamie Dimon dem Bankenausschuss des Senats Rede und Antwort stehen.
Ausgerechnet jener Bankchef, der monatelang die Politik vor sich hergetrieben hat. Dimon hat die Wall Street im Kampf gegen eine schärfere Bankenregulierung angeführt. Er war es, der Notenbanker und Politiker zu vertraulichen Gesprächen nach New York lud, um sie in Hinterzimmern von ihrer Idee, Banken den Eigenhandel zu verbieten, abzubringen.
Nun muss Dimon in Washington antreten. Er muss dem Senat erklären, warum seine Bank in wenigen Wochen mindestens zwei Milliarden Dollar mit hochriskanten Kreditderivaten verzockte, warum dem Management die gewaltigen Risiken nicht aufgefallen waren – und warum er selbst von den Milliardenrisiken nichts gewusst haben soll. Dimon, der Vorzeigebanker Amerikas, findet sich auf der Anklagebank wieder.
Muss die Bankenbranche strenger reguliert werden?
Die zentralen Fragen lauten: Sind die Milliardenverluste JPMorgans nur ein kleiner Fehltritt? Zeigt das Beispiel sogar, dass eine gut aufgestellte Bank solche Verluste verkraften kann – wie es die Politik immerzu fordert? Oder steht die Vorzeigebank JPMorgan für eine unersättliche Branche, die wie eh und je hohe Risiken eingeht – und die deshalb strenger reguliert werden muss?
Dimon hatte JPMorgan besser als jedes andere US-Institut durch die Finanzkrise gelotst und Milliardengewinne eingefahren. 2011 präsentierte er trotz der Staatsschuldenkrise in Europa ein Rekordergebnis von 19 Milliarden Dollar. JPMorgan wurde zur US-Vorzeigebank. Dimon hielt den Glauben an den guten Banker am Leben. Die Branche krönte ihn zum "König der Wall Street".
Dimon machten die Erfolge noch selbstbewusster. Den früheren Notenbank-Chef Paul Volcker, der das Konzept für die für Juli geplante neue Bankenregulierung entwickelte, beschied er, "keine Ahnung von Finanzmärkten zu haben". In Washington hat man diese Auftritte noch in guter Erinnerung.
Anhörung ist Tag der Abrechnung
Nicht wenige Politiker sehnen die Anhörung Dimons vor dem Senat als Tag der Abrechnung herbei. An der Wall Street löst der Auftritt des Star-Bankers dagegen Kopfschütteln oder gar Gleichgültigkeit aus. "Ich habe dafür nur ein Schulterzucken übrig", sagte Bill Archer, ehemaliger Co-Vorsitzender des Kapitalmarktausschusses von Goldman Sachs.
Für JPMorgan und den Vorstandschef Dimon ist der Schaden schon jetzt groß: Seit Bekanntgabe der Verluste am 10. Mai ist der Börsenwert der Bank um 27 Milliarden Dollar geschmolzen. Die Vorfälle lösten außerdem Ermittlungen von diversen Bundesbehörden aus – Untersuchungen, die die Bank derzeit lahmlegen.
Das Image hat einen tiefen Kratzer bekommen. Am 10. Mai hatte Dimon Investoren in einer Telefonkonferenz mitgeteilt, dass die Bank zwei Milliarden Dollar verloren habe, weil einer seiner Händler sich im Geschäft mit Kreditausfallversicherungen verzockt hatte.
JPMorgans Verluste bei drei Milliarden Dollar
Inzwischen sollen die Verluste auf mindestens drei Milliarden Dollar gestiegen sein. Experten halten bis zu sieben Milliarden Dollar für möglich. In der Telefonkonferenz räumte Dimon "Schlamperei" und "Fehleinschätzungen" ein. Aus gutem Grund: Schon im April hatte es Zeitungsberichte über große Handelspositionen von JPMorgan gegeben, über große Wetten eines an den Finanzmärkten als "Londoner Wal" verspotteten Händlers namens Bruno Iksil. Dimon hatte diese Meldungen damals als "Sturm im Wasserglas" abgetan.
JPMorgan erleidet die Verluste ausgerechnet auf einem Markt, dessen Spielregeln die Bank aufgrund ihrer Größe mit festgelegt: Auf dem Markt für Kreditderivate. Wenn ein Finanzakteur dort Geschäfte abschloss, war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sein Gegenüber JPMorgan war. Iksil sollte mit seinem Team im sogenannten Chief Investments Office Marktrisiken absichern.
Händler hatten ihm den Namen "Wal" verpasst, weil sein Hunger auf Kreditausfallversicherungen (CDS) so groß war. Wenn immer es große Bewegungen auf den CDS-Märkten gab, soll Iksil dahinter gesteckt haben – mit Rückendeckung von Investment-Chefin Ina Drew.
Eines von Iksils Instrumenten war der Index "Markit CDX NA IG Series 9". Er besteht aus Kreditausfallversicherungen, mit denen sich Besitzer gegen den Ausfall großer Unternehmen wie Kraft, McDonalds oder Wal-Mart schützen können.
JPMorgan wettete gegen Hedgefonds
Mit diesem Index und ähnlichen Produkten wettete JPMorgan darauf, dass sich die Unternehmen im Zuge der anziehenden Konjunktur erholen würden. Wäre der Plan aufgegangen, hätte Iksil fette Gewinne eingefahren.
Doch seine Geschäfte gelangten an die Öffentlichkeit. Viele Hedgefonds-Manager setzten auf einen Anstieg der CDS-Prämien, die zuvor stark gesunken waren. Sie äußerten gegenüber Wirtschaftsmedien die Befürchtung, dass JPMorgan gegen sie wetten und wegen des hohen Einsatzes die Kurse verzerren werde.
Nun konnte sich jeder ein ungefähres Bild von den Handelspositionen machen. Die Händler wetteten darauf, dass JPMorgan die Kreditausfallversicherungen wieder verkaufen muss. Zwar stoppte die Bank daraufhin sofort ihre Aufkäufe. Aber da war es bereits zu spät. Der Wal war ins Netz gegangen.
Ermittlungen drohen Verluste zu vergrößern
Nun drohen die Verluste durch die eingeleiteten Ermittlungen noch größer zu werden. "Die Hedgefonds spannen in solchen Situationen die Regulatoren in ihre Geschäfte ein", sagt Bankenexperte Hans-Peter Burghof. Wenn die Bankaufsicht JPMorgan dazu zwingen sollte, Papiere abzustoßen, würde der Gewinn der Hedgefonds deutlich steigen – während JP Morgans Verluste sich weiter vergrößerten. "Es ist ein Zeitspiel. Die Frage ist, wie lange JPMorgan durchhalten kann", sagt Burghof.
Jamie Dimon habe von dem Risiko der Geschäfte nichts gewusst, erzählt ein Insider "Berliner Morgenpost". "Er hat Investmentchefin Drew vertraut, er kannte sie schon seit vielen Jahren." Drew hat er inzwischen entlassen. Dimon solle sich wahnsinnig ärgern, die Risiken nicht gesehen zu haben.
JPMorgan räumt Fehler ein, weist aber daraufhin, dass trotz der Fehlspekulationen die Bank noch immer einen Quartalsgewinn einfahre. Die Bank kann die Verluste locker verkraften. Deshalb spielten sie in Kundengesprächen keine Rolle, heißt es aus der Bank.
Wusste Dimon wirklich nichts?
Doch dass Dimon nichts gewusst haben soll, halten viele Experten für unwahrscheinlich. Der Vorstandschef hat seine Augen überall in der Bank, er kennt die Bilanz JPMorgans bis in den entlegensten Winkel, erzählen Mitarbeiter.
Am Stammsitz des Finanzhauses soll er To-Do-Listen an Kollegen verteilen. Zu Terminen kommt er für einen Banker untypisch immer zu früh, stets gut vorbereitet mit einem Lächeln Gesicht.
Das dürfte ihm in letzter Zeit vergangen sein. Laut einem Bericht des "Wall Street Journal" sollen maßgebliche Führungskräfte bereits vor zwei Jahren von den Geschäften erfahren haben. Schon in den Wochen zuvor waren unschöne Details ans Tageslicht gekommen, so sollen wesentliche Positionen in der Londoner Abteilung nicht besetzt gewesen sein.
Unzureichendes Risikomanagement
Die Investmentabteilung von JPMorgan Chase habe ein "unzureichendes Risikomanagement" betrieben, sagt Thomas Curry von der Bankenüberwachung. "JPMorgan hat Eskalationspunkte im Risikomanagement falsch gesetzt und sich von der Fehlannahme leiten lassen, mit Geschäften zur Risikoabsicherung Gewinne einfahren zu können", sagt Burghof.
Für Charles Geisst, Finanzexperte am Manhattan College in New York, ist JPMorgan mit den Verlusten vom Banken-Thron gefallen. In der Geschichte der US-Finanzbranche sei JPMorgan immer der "weiße Ritter" gewesen. "Diese Zeit ist nun vorüber", sagt Geisst. "Kunden haben JPMorgan immer blind vertraut. Das wird nun nicht mehr der Fall sein", sagt der Finanzexperte. JPMorgan werde den gleichen Vertrauensverlust erleiden wie Rivale Goldman Sachs.
Konkurrenten halten die Füße still
An der Wall Street kann man dagegen die Aufregung nicht im Ansatz verstehen. "Von Zeit zu Zeit lassen sich Verluste nicht vermeiden", sagt Stephen A. Schwarzman, Vorsitzender der weltgrößten Buyout-Gesellschaft Blackstone. "JPMorgan öffentlich an den Pranger zu stellen hat keinen Zweck. Dadurch verlieren die Leute lediglich das Vertrauen in den Finanzsektor."
Auch bei JP Morgans Konkurrenten haben die Champagner-Flaschen nicht geknallt, als die Verluste öffentlich wurden. Bei Goldman Sachs fürchtet man, Dimon könne der Branche einen Bärendienst erwiesen haben.
Ursprünglich wollte Washington am 21. Juli die Volcker-Rule beschließen, die den Eigenhandel verbieten soll. Die Wall Street hatte in den vergangenen Monaten bemerkenswerte Aufweichungen der Reform erreicht. Jetzt könnte die Politik diese wieder rückgängig machen. "Die Verluste kamen zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Eine bessere Steilvorlage hätte JPMorgan den Regulatoren nicht bieten können", sagt Geisst.
Wenn schon die beste Bank solche risikoreiche Geschäfte eingehe, wie müsse es denn dann erst bei anderen aussehen? "Die Banken haben zwar mehr Transparenz versprochen, aber in Wahrheit blickt man genauso wenig durch wie früher", so Geisst.
Schafft ein Trennbanksystem mehr Sicherheit?
JPMorgan etwa sei inzwischen "too big too hedge". Die Bilanz der Bank sei so angeschwollen, dass sie ihre Risiken nicht mehr effektiv absichern könne. Geisst fordert deshalb die Rückkehr zum alten Trennbankensystem und den Verbot des Eigenhandels. Bislang habe die Obama-Regierung außer populistische Phrasen allerdings nichts vorzuweisen. "Substanzielle Vorschläge gab es keine".
Martin Faust von der Frankfurt School of Finance hält die Trennung für weniger geeignet. "Aus einem Kundengeschäfte entsteht zumeist auch ein Eigengeschäft, da die Bank die Position zunächst kurzzeitig in die eigenen Bücher nimmt und dann absichert." Investmentbanking sei per se nicht gefährlich, es müsse nur mit genug Eigenkapital hinterlegt werden. "Dies erhöht den Sicherheitspuffer und macht die Geschäfte aufgrund der höheren Eigenkapitalkosten unattraktiver."
Dimon hat nach den Verlusten zumindest seine martialische Rethorik gegen eine schärfte Regulierung etwas heruntergeschraubt. Auf der Jahreshauptversammlung im Mai sagte er, "wir sind nicht gegen neue Regulierung." Soweit zu gehen, der Volcker-Rule zuzustimmen, wollte Dimon aber nicht.


















