10.06.12

Führungspositionen

Berliner Firmen fördern Teilzeit-Modelle

Teilzeit arbeiten und Karriere machen? Das eine muss das andere nicht unbedingt ausschließen. Doch besteht noch dringender Handlungsbedarf.

Foto: Reto Klar
Teilzeitarbeit / Thorsten und Merle Neumann
"Weil Mama einen Termin hat, habe ich die Kleine mit ins Büro genommen": Thorsten Neumann, die erste männliche Führungskraft des Gasversorgers Gasag in Teilzeit, mit Tochter Merle

Hinter der hellbraunen Tür in der vierten Etage der Firmenzentrale des Energieversorgers Gasag ist der Teufel los. Ein blond gelocktes Mädchen turnt über Tische und Bänke und bahnt sich seinen Weg durch ein Gewusel von Spielzeug und Plüschtieren. Mitten im Chaos sitzt ein Mann – und schreibt seelenruhig Mails auf seinem Laptop.

Das Mädchen heißt Merle, der Mann dahinter ist ihr Vater: Thomas Neumann, die erste männliche Führungskraft im Hause Gasag, die ihren Job in Teilzeit wuppt. 30 Stunden pro Woche kommt der 43-jährige Leiter Personalbetreuung ins Büro, montags hat er frei und kümmert sich daheim um seine bald zweijährige Tochter – und "weil Mama heute einen Termin hat", hat er die Kleine einfach mitgenommen, das für solche Engpässe eingerichtete Eltern-Kind-Büro der Firma macht es möglich. Er genieße es sehr, durch die verringerte Stundenzahl mehr von Merle mitzubekommen, ohne seine Karriere opfern zu müssen, sagt Neumann. "Das wäre bei meinem älteren Sohn – er ist heute 13 Jahre alt – noch undenkbar gewesen", meint er.

Wer sich auf Teilzeitmodelle einlässt, macht keine Karriere mehr: Dieser Gedanke ist weit verbreitet. Dabei "arbeiten Teilzeitkräfte in Führungspositionen oft sogar produktiver und effizienter als die Vollzeitkräfte", sagt Corinna Kleinert vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Und dennoch wirke Teilzeit hierzulande meist als Karrierebremse: "Wer Teilzeit arbeitet, verschlechtert seine Karrierechancen."

Dass Gasag-Manager Neumann auch in Teilzeit seine Karriere vorantreiben kann, hat mit dem Beginn eines noch zaghaften Umdenkens zu tun: Der Fachkräftemangel zwingt die Unternehmen dazu, dem Wunsch von Frauen und auch immer mehr Männern entgegenzukommen, mehr Zeit für die Familie zu haben.

Regierung prüft flexibleres Gesetz

Die Politik will den Weg zu mehr Teilzeitkonstruktionen jetzt wohl auch gesetzlich ebnen: "Wir brauchen dringend mehr alltagstaugliche Teilzeitmodelle", sagte Familienministerin Kristina Schröder (CDU) der Berliner Morgenpost: Bislang könnten zu oft nur "die wirklich Karriere machen, denen zu Hause jemand den Kühlschrank befüllt, den Nachwuchs versorgt und den Nachschub an frisch gebügelter Kleidung sicherstellt". Schröder erwägt daher gemeinsam mit dem Arbeitsministerium sogar eine Gesetzesänderung: "Wir müssen das bestehende Arbeitsrecht und dort die Nachteile für Teilzeitbeschäftigte in Angriff nehmen."

Zwar haben Angestellte hierzulande seit 2001 offiziell das Recht, ihre Stundenzahl zu verringern. Doch derzeit, so die Ministerin, "muss man meist erst betteln, um auf Teilzeit reduzieren zu dürfen, dann muss man betteln, um wieder Vollzeit arbeiten zu dürfen. Wir brauchen einen Anspruch, flexibler zwischen Teilzeit und Vollzeit wechseln zu können, ohne auf Arbeitsplätze abgeschoben zu werden, die das Ende der Karriere bedeuten." Im Arbeitsministerium bestätigt man, es werde geprüft, "ob wir das Teilzeitgesetz flexibler gestalten können".

Tatsächlich liegt der Handlungsbedarf auf der Hand: Zwar hat sich die Teilzeitquote sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen seit 1991 stetig erhöht – im Jahr 2010 arbeiteten 52 Prozent der weiblichen Beschäftigten Teilzeit, bei den Männern waren es 18 Prozent. Bei Führungskräften jedoch hat die Teilzeitarbeit hierzulande immer noch einen Exotenstatus. Laut einer neuen Untersuchung von Stefan Stuth und Lena Hipp vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) arbeiten nur rund fünf Prozent der Führungskräfte in der Privatwirtschaft mit reduzierter Stundenzahl. In Großbritannien sind es immerhin acht Prozent; und in Holland sind es sogar zwölf Prozent.

Dass sich die Wirtschaft so schwer tut, liegt in der Anwesenheitskultur, die in deutschen Unternehmen besonders stark verbreitet ist. Der WZB-Studie zufolge sprechen 41 Prozent der befragten Manager von überlangen Arbeitszeiten, in den Niederlanden sind es nur 18 Prozent. "Da bangt man sofort um seine Karriere, wenn man einen Tag nicht im Büro ist", sagt der Wissenschaftler: "Teilzeit ist unter diesen Bedingungen schwer zu realisieren."

Doch auch dank des wachsenden politischen Drucks auf die Unternehmen tut sich langsam etwas. Führungskräfte mit flexiblen Arbeitszeitarrangements seien zwar noch die Ausnahme, meint Sofie Geisel, Projektleiterin des Netzwerks Erfolgsfaktor Familie. Doch die Experimentierfreude der Unternehmen nehme zu – und dies "nicht selten auch auf Druck einer neuen Männergeneration, der nicht mehr von ihren Frauen der Rücken freigehalten wird und die das auch gar nicht mehr wollen."

Eine willkommene Gelegenheit

Dass man sehr wohl die Kinder von der Kita abholen und trotzdem eine Autorität für die Mitarbeiter sein kann, hat Ursula Siegmann-Kuhns bereits vor Jahren unter Beweis gestellt. Mitte der 90er-Jahre war es, die Telekom-Mitarbeiterin hatte gerade eine dreijährige Elternzeitpause für ihren zweiten Sohn hinter sich, als ihr Vorgesetzter sie darum bat, trotz Teilzeitvertrag die Verantwortung für ein vierköpfiges Team zu übernehmen. Gerade einmal 19, später 25 Stunden pro Woche verbrachte die Frau im Büro, nachmittags galt ihre Zeit ihren zwei Kindern. Akzeptanz sei nie ein Problem gewesen, erinnert sie sich. Das Gros ihrer inzwischen 13 Mitarbeiter arbeitete eben auch Teilzeit, "die hatten großes Verständnis dafür".

Fast sieben Jahre Führungserfahrung in Teilzeit konnte Siegmann-Kuhns sammeln, bevor sie im Herbst 2010, da waren die Söhne erwachsen, wieder auf Vollzeit ging. Natürlich, räumt die 49-Jährige ein, gab es immer wieder Situationen, in denen sie an ihre Grenzen geriet – etwa als sie neben einem Kleinkind den pubertierenden Sohn und auch noch den Bau des Familienhauses zu beaufsichtigen hatte. "Man muss Nein sagen lernen und sich hüten, in die Perfektionismusfalle hineinzutappen: Dann hat man eben mal zwei Jahre keine geputzten Fenster. Was soll's?"

Teilzeitführungsmodelle können für junge Talente heute die willkommene Gelegenheit sein, die "Rush-Hour des Lebens" – die Aufbaujahre, in denen neben dem Job die Kindererziehung viel Zeit und Kraft kostet – so zu entzerren, dass die Karriere dennoch nicht versanden muss. Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts kapitulieren noch immer viele junge Leute vor dieser Doppelbelastung. Und noch immer sind es am Ende in der Regel die Frauen, die sich zum Wohl der Familie in unattraktive Teilzeitposten zurückziehen, dass alle Karriereträume ausgeträumt sind, wenn sie wieder beruflich durchstarten wollen.

Eine Flexibilisierung der Arbeitsmodelle auch für Führungskräfte kann hier helfen, die stereotype Rollenverteilung aufzuweichen, meint WZB-Experte Stuth – allerdings nur, wenn Männer und Frauen gleichermaßen die Teilzeitmodelle wahrnehmen: "Wenn auch unter Führungskräften Teilzeit zur Frauensache wird, haftet allen Teilzeitkräften wieder ein Stigma an", sagt Stuth.

Dementsprechend hofft Gasag-Manager Neumann, dass auch seine männlichen Kollegen den Mut haben, familiär bedingt die Stundenzahl zu reduzieren. "Vorbilder sind wichtig", meint er. Auch ihn habe der Fakt, dass seine Vorgesetzte, selbst Mutter von drei Kindern, 30 Stunden arbeite, sehr motiviert, es ihr nachzutun. Interessant ist dabei, dass nur die von Teilzeitarbeit träumen, die noch gar keine Chefs sind. Wer einmal allein auf dem Chefsessel Platz genommen hat, so die Ergebnisse der Studie des WZB, hat wohl wenig Interesse daran, wieder Verantwortung abzugeben: Gerade einmal drei Prozent der Manager und vier Prozent der Managerinnen hierzulande wollen ihre Arbeitszeit reduzieren.

Mitarbeit: Andrea Rexer

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