09.06.12

Bockiges Spanien

Rettungsmilliarden vergiften Klima in der Euro-Zone

Spanien wehrt sich verbissen gegen den Euro-Rettungschirm. Doch die Zeit drängt: Sollte Griechenland aus dem Euro aussteigen, die Krise eskalieren, könnte für Madrid jede Hilfe zu spät kommen.

Foto: Getty
Merkel Rajoy
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy: Sie will in der Euro-Krise keinen Druck ausüben, er fühlt sich aber dennoch unter Zugzwang

Wenn es um einen zweistelligen Milliardenbetrag geht, können sich auch zwei Menschen streiten, von denen bisher behauptet wurde, sie kämen gut miteinander aus. So galt Mariano Rajoy als geflissentlicher Vollzieher von Angela Merkels Krisenstrategie. Strebsam zieht der spanische Ministerpräsident ein Reformprogramm durch.

Doch seit es darum geht, ob Spanien unter den Euro-Rettungsschirm geht, bockt Rajoy. Die Rollenverteilung mag für den Laien dabei ungewöhnlich erscheinen: Es ist nicht etwa die deutsche Bundeskanzlerin, die den Spanier davon abhalten will, sich beim Euro-Hilfsfonds EFSF zu bedienen. Rajoy hat bis zuletzt alles versucht, den Gang unter den Schirm zu vermeiden.

Doch nun scheint er sich zu bewegen. Ein offizieller Hilfsantrag bei der EFSF könnte noch an diesem Wochenende folgen. Davon gehen europäische Krisenmanager aus. Maßgeblichen Anteil daran hat die Bundesregierung.

Offiziell versichert Merkel zwar, Deutschland wolle "keinen Druck ausüben". Aber das ist in etwa so richtig wie Rajoys Versprechen vor zwei Wochen: "Es wird keine europäische Rettung für die spanischen Banken geben."

Wieder einmal zeigt sich, dass die Rettungsmilliarden die Währungsunion nicht enger zusammenschweißen, sondern das Klima eher vergiften. Die Spanier fühlen sich zur Annahme von Hilfe und den damit verbundenen Auflagen gedrängt. Die Euro-Partner werfen Madrid hingegen vor, durch die bisherige Verweigerungshaltung die ganze Euro-Zone zu destabilisieren.

Spanien braucht externe Unterstützung

Dass Spanien Hilfe von außen braucht, ist schon lange absehbar. Die Banken haben sich noch immer nicht vom Platzen der Immobilienblase erholt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hält eine Kapitalspritze von mindestens 40 Milliarden Euro für nötig.

Das Geld hat Madrid nicht. Rajoy muss an allen Ecken sparen, um das Haushaltsdefizit in den Griff zu bekommen. Und der staatliche Bankenrettungsfonds ist fast leer. Angesichts dieser Probleme konnte sich Spanien zuletzt nur noch Geld zu hohen Zinsen am Kapitalmarkt leihen.

In Berlin und Brüssel schätzt man die Lage als riskant ein. Die Sorge: Wenn am 17. Juni in Griechenland die Reformgegner gewinnen, kann sich die Krise schnell zuspitzen. Vorher sollte Spanien besser Zuflucht unter dem Rettungsschirm gefunden haben. Die Euro-Zone prüft nach Angaben aus EU-Kreisen, Spanien für seine Banken Hilfen von bis zu 100 Milliarden Euro zu gewähren.

Merkel lehnt Sonderrolle für Madrid ab

In Madrid dachte man lange Zeit überhaupt nicht daran, aus Sorge um die Euro-Zone einen Hilfsantrag bei der EFSF zu stellen. Das hat nichts mit iberischem Stolz zu tun, wie mancher Koalitionär in Berlin mutmaßt, sondern mit handfesten Interessen. Spanien hätte es lieber gesehen, dass die Hilfen direkt an seine Banken fließen.

Madrid würde damit das Risiko vermeiden, von Investoren in die Bedürftigen-Gruppe Griechenland, Irland und Portugal einsortiert zu werden. Zudem würden die Rettungsmilliarden nicht die Staatsschulden erhöhen. Und Spanien hätte verhindert, dass EU und IWF Bedingungen für die Sanierung des Bankwesens erteilen können.

Solch unkonditionierte Hilfe ist für Merkel aber nicht akzeptabel. Aus Prinzip, aber auch aus politischem Kalkül. Schließlich muss sie die Rettungsaktion noch durch den Bundestag bringen. Also wird bis zuletzt gepokert. Rajoy hofft darauf, dass die Europäer schon nachgeben und Geld ohne Auflagen schicken, wenn die Lage nur schlimm genug ist. Oder zumindest mit laxen Vorschriften. Er spielt auf Zeit.

Zudem heizt seine Regierung die Alarmstimmung noch an: Mitte der Woche verkündete Finanzminister Cristóbal Montoro, für Spanien sei "die Tür zum Markt geschlossen". Verbunden mit der Aufforderung an Europa, doch bitte zu helfen. Freilich ohne strenge Auflagen.

Die Bundesregierung versucht ihrerseits immer offensiver, Spanien ein reguläres EFSF-Hilfsprogramm aufzudrängen. Ohne werde es nicht gehen, so die Botschaft, die anfangs leise, dann immer lauter verbreitet wurde.

Schließlich sandte Unionsfraktionschef Volker Kauder am Mittwochmorgen via Frühstücksfernsehen eine Botschaft nach Madrid: Er denke, "dass Spanien nicht wegen des Landes, sondern wegen der Banken unter den Rettungsschirm muss". Ohne Rücksprache mit der Kanzlerin würde der Merkel-Vertraute eine solch heikle Aussage nie machen.

EZB will nicht wieder Krisenfeuerwehr spielen

Aber nicht nur aus Berlin wird Rajoy unter Druck gesetzt. Auch in Brüssel wird ein Hilfsantrag immer heftiger gefordert. Am Freitag verbreiteten EU-Diplomaten, Madrid werde noch dieses Wochenende einen solchen Schritt unternehmen. Der Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Vitor Constancio, sagte dazu: "Alles ist möglich".

Die EZB will nicht wieder den Ausputzer spielen müssen, weil sich die europäischen Regierungschefs nicht einigen. Das gilt auch für Bundesbank-Chef Jens Weidmann, der eine klare Position bezieht. "Wenn Spanien sich hinsichtlich des Finanzierungsbedarfs überfordert sieht, sollte es die Instrumente nutzen, die dafür geschaffen worden sind", sagte er der "Berliner Morgenpost".

Die Devise dürfe nicht sein, bloß nicht unter den Rettungsschirm zu gehen. "Auf das Einspringen der Notenbank zu hoffen, damit keine Auflagen erfüllt werden müssen, ist der falsche Weg."

Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis Rajoy angesichts dieses geballten Drucks einknickt. Doch eine beängstigende Erkenntnis wird nach dieser vierten europäischen Rettungsaktion bestehen bleiben: Die Euro-Staaten sind noch immer nicht in der Lage, schnell und geschlossen zu handeln.

Die bisherigen Euro-Rettungshilfen

Im Rettungsfonds EFSF stehen noch 250 Milliarden Euro für Hilfen an Euro-Länder zur Verfügung – für Länder insgesamt, für Bankenhilfen oder für Vorsorge-Kredite.

Das betrifft auch mögliche EFSF-Hilfen zur Rekapitalisierung spanischer Banken. Im Juli soll dann der dauerhafte Rettungsschirm ESM starten.

Der Schutzwall um die Euro-Zone summiert sich dann auf etwa 800 Milliarden Euro.

 

ERSTES GRIECHENLANDPAKET

Das im Mai 2010 aufgelegte internationale Hilfspaket von EU, Internationalem Währungsfonds (IWF) und aus bilateralen Krediten der Euro-Partner umfasste 110 Milliarden Euro.

Bisher sind 73 Milliarden Euro in sechs Tranchen ausgezahlt worden, davon entfallen 52,9 Milliarden auf die Euro-Zone. Deutschland hat 15,17 Milliarden Euro beigesteuert, der IWF 20,1 Milliarden.

EFSF

Der erste, ebenfalls im Mai 2010 gestartete Rettungsschirm (Europäische Finanzstabilisierungsfazilität) kann Notkredite von bis zu 440 Milliarden Euro an Euro-Länder zahlen.

Davon sind bisher für Hilfsprogramme an Irland, Portugal und Griechenland rund 192 Milliarden Euro bereits verplant.

Von diesen zugesagten EFSF-Hilfen entfallen 17,7 Milliarden Euro auf Irland und 26 Milliarden Euro auf Portugal – der Rest auf Griechenland im Rahmen des zweiten Hilfspakets für Athen.

Das heißt, aus dem EFSF stehen noch rund 250 Milliarden Euro zur Verfügung, von denen im Höchstfall dann 100 Milliarden für Spaniens Banken abgehen könnten. Bislang hat das Land 30 Milliarden Euro bekommen. Das kleine Euro-Land Zypern benötigt rund vier Milliarden.

ESM

Der dauerhafte Euro-Rettungsschirm soll am 1. Juli starten. Er verfügt über Notkredite von 500 Milliarden Euro. Um den Schutzwall zu erhöhen, wurde das maximale Hilfsvolumen Ende März auf rund 800 Milliarden Euro aufgestockt.

Diese Brandmauer setzt sich zusammen aus: den bisher zugesagten EFSF-Finanzhilfen für Griechenland, Irland und Portugal von fast 200 Milliarden Euro, dem Kreditvergabevolumen des ESM von 500 Milliarden Euro, den bisher im Rahmen eines weiteren europäischen Hilfsfonds (EFSM/Europäischer Finanzstabilisierungsmechanismus) für Irland und Portugal gewährten Hilfen von 49 Milliarden Euro sowie den bisher ausgezahlten Hilfen aus dem ersten Griechenland-Paket von 53 Milliarden Euro.

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Wo bei Spanien der Schuh drückt
  • Wirtschaftspolitik

    Die EU-Kommission fordert "dringende wirtschaftspolitische Maßnahmen", da sich nach dem Platzen der Immobilienblase in Spanien makroökonomisch "äußerst schwerwiegende Ungleichgewichte" aufgebaut haben: Die Verschuldung des Privatsektors und die geschwächte außenwirtschaftliche Position des Landes lassen in Brüssel die Alarmglocken schrillen. Es gelte, negative Folgen für die Euro-Zone zu verhindern.

  • Defizit

    Wegen der akuten Probleme hat die Kommission Spanien mehr Spielraum gegeben, sein Defizit auf die Maastricht-Grenze von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu senken. Sie will dem Land bei entsprechenden Reformanstrengungen bis 2014 und damit ein Jahr länger Zeit geben.

  • Föderale Struktur

    Die EU-Kommission kritisiert die autonomen Regionen Spaniens ausdrücklich für ihre schlechte Haushaltsdisziplin. Wegen der dezentralen Struktur Spaniens sei aber ein „starkes fiskalisches und institutionelles Rahmenwerk“ unerlässlich. Die 17 autonomen Regionen müssen in diesem Jahr etwa 36 Milliarden Euro ihrer fällig werdenden Verbindlichkeiten refinanzieren und rund 15 Milliarden Euro aufbringen, um ihre Haushaltslöcher zu stopfen. Die Lokalregierungen sind allerdings praktisch von den Finanzmärkten ausgeschlossen, da sie die derzeit fast unhaltbar hohen spanischen Renditen nicht tragen könnten.

  • Arbeitsmarkt

    Spanien hat mit Abstand die höchste Arbeitslosenquote in der Euro-Zone: Im ersten Quartal waren 24,4 Prozent der Bevölkerung nicht in Lohn und Brot. Brüssel sieht die im Februar 2012 angepackten Reformen positiv, verlangt aber eine noch aktivere Arbeitsmarktpolitik – insbesondere zum Abbau der Jugendarbeitslosigkeit. Rund jeder zweite junge Spanier ist ohne Job. Linderung sollen Lehrverträge und eine Verringerung der Schulabbrecherquote bringen.

  • Rentenreform

    Ausdrücklich lobt Brüssel die 2011 auf den Weg gebrachte Rentenreform als wichtigen Schritt hin zur Nachhaltigkeit. Durch die schlechten wirtschaftlichen Perspektiven Spaniens werde die erwünschte Strukturreform jedoch erschwert.

  • Steuersystem

    Brüssel rät der Regierung in Madrid dazu, sein Steuersystem "wachstumsfreundlicher" zu gestalten. Hierzu sollen beispielsweise der Mehrwertsteuersatz erhöht und Ausnahmeregelungen weitgehend gestrichen werden.

  • Rezession

    Auch im zweiten Quartal ist die Wirtschaftsleistung weiter geschrumpft. Wirtschaftsminister Luis de Guindos erklärte, er rechne in den kommenden Quartalen aber mit einer Stabilisierung. Das spanische Bruttoinlandsprodukt war in den ersten drei Monaten gegenüber dem Vorquartal um 0,3 Prozent geschrumpft. Für das laufende Jahr rechnet die Regierung in Madrid mit einem Minus von 1,7 Prozent.

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