02.06.12

Insolvente Drogeriekette

Schlecker am Ende - Familie wird wohl Vermögen verlieren

Endzeitstimmung in Berliner Schlecker-Filialen, der Insolvenzverwalter greift die FDP an - und das Schlecker-Privatvermögen wird überprüft.

Foto: REUTERS
Am Ende: Geschlossene Schlecker-Filiale in Berlin
Am Ende: Geschlossene Schlecker-Filiale in Berlin

In Berlin noch eine geöffnete Schlecker-Filiale zu finden, ist nicht so einfach. Zumal nachdem klar ist, dass Schlecker zerschlagen wird, Tausende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren, der Großteil der Geschäfte geschlossen wird. An einer Berliner Filiale, die an sich noch in Betrieb sein sollte, hängt schon seit Freitag ein handgeschriebener Zettel an der Tür: "Aus personellen Gründen schließt der Laden heute um 15 Uhr und bleibt auch am Samstag geschlossen."

In einer anderen Filiale in der Leipziger Straße steht eine ältere Kundin an der unbesetzten Kasse. Nach ein paar Minuten läuft sie Richtung Lagerraum und ruft "Wird hier noch bedient?" Eine Mitarbeiterin erscheint, sie lächelt nicht, steckt den Schlüssel in die Kasse und rechnet die Ware ab. Seit 16 Jahren arbeite sie nun schon für Schlecker und jetzt das: In den nächsten Wochen wird ihre Filiale geschlossen und sie verliert ihren Arbeitsplatz – so wie viele andere auch. Mehr als 13.000 Menschen insgesamt. Nach monatelangem Ringen hatten die Gläubiger am Freitag das Aus für die Drogeriekette beschlossen. Mögliche Investoren hätten zu wenig geboten.

Ausverkauf am Montag - Betrieb bei Schlecker läuft weiter

Der Betrieb bei Schlecker soll indes weiter laufen – wenn auch mit Einschränkungen. Handschriftlich wird an einer Filiale an der Kastanienallee in Prenzlauer Berg auf die eingeschränkten Öffnungszeiten hingewiesen. "Von insgesamt fünf Mitarbeiterinnen hat sich eine Kollegin schon von der Arbeit abgemeldet", sagt eine Verkäuferin. "Mit vier Leuten können wir an den regulären Öffnungszeiten nicht mehr öffnen." Dennoch soll es ab Montag einen Ausverkauf geben. "Genaues weiß ich noch nicht", sagt die Frau an der Kasse. "Das bekommen wir kurzfristig mitgeteilt." Die Verkäuferin im weißen Schlecker-Kittel arbeitet seit zehn Jahren und elf Monaten für Schlecker. "Im Juli wären es elf Jahre gewesen", sagt sie. "Einen neuen Job habe ich noch nicht. Meine Kolleginnen auch nicht."

Schlecker-Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz hatte, das berichtet der "Spiegel", noch bis kurz vor der Entscheidung über das endgültige Aus auf einen Rettungsbeitrag der Familie Schlecker gesetzt. Die aber "war entweder nicht bereit oder nicht in der Lage", die geforderte Summe von bis zu neun Millionen Euro zu bezahlen, sagte Geiwitz. "Aber die Familie hat noch Vermögen, und ich habe gefragt, ob sie bereit sei, eine Verlustfinanzierung zu leisten."

FDP hat Schlecker "den Garaus gemacht"

"Für die Familie ist es ein Schock. Anton Schlecker hat mir gesagt, dass er einiges falsch gemacht habe", wird Geiwitz zitiert. Dass die größten Gläubiger nun die Abwicklung des einstigen Drogerie-Giganten beschlossen haben sei "frustrierend, dass kann ich nicht leugnen", sagte Geiwitz.

Das alte Schlecker-Management sei überfordert gewesen, sagte Geiwitz. Die interne Lage des Konzerns sei ohnehin "viel dramatischer" gewesen, als er nach den ersten Wochen vermutet hätte. An dem Schlecker-K.O. trage auch die FDP eine Mitschuld. Sie hatte Ende März eine Transfergesellschaft für rund 10.000 Schlecker-Beschäftigte verhindert. Die FDP müsse nun die Folgen auch klar benennen und dürfe nicht nur auf die Arbeitsagentur verweisen. "Das hat nicht nur uns den Garaus gemacht, sondern war auch eine Farce für die Betroffenen."

Liberale weiter gegen Transfergesellschaft

Die schwarz-gelbe Bundesregierung hatte sich nach der Schlecker-Insolvenz auf Druck der FDP gegen eine solche Transfergesellschaft ausgesprochen. Die Liberalen wiederholten am Wochenende ihre ablehnende Haltung. Fraktionschef Rainer Brüderle sagte, "unternehmerische Fehlentscheidungen" hätten zur Insolvenz von Schlecker geführt. Es habe Priorität, dass die Bundesagentur für Arbeit die gut ausgebildeten Mitarbeiter bei der Jobsuche unterstütze.

Der Sozialflügel der CDU forderte am Samstag eine Transfergesellschaft für die von der Entlassung betroffenen Mitarbeiter. "Die Politik darf sich nicht aus der Verantwortung stehlen und der Bundesagentur für Arbeit den schwarzen Peter zuschieben", sagte der stellvertretende CDA-Bundesvorsitzende Christian Bäumler. Ohne eine Transfergesellschaft hätten die entlassenen Schlecker-Mitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt keine Chance, so Bäumler.

Familie wird wohl Vermögen verlieren

Die Familie Schlecker wird nach der Zerschlagung voraussichtlich einen großen Teil ihres Vermögens verlieren, sagte Gleiwitz' Sprecher Alexander Güttler. Firmengründer Anton Schlecker hatte das Unternehmen als eingetragener Kaufmann geführt und muss mit seinem gesamten Privatvermögen dafür einstehen. "Die Familie wird sehr genau auf Übertragungen untersucht", sagte Güttler. Dies könnten Güter jeder Art sein wie Anwesen oder Filialen. Laut einem Bericht der Wirtschaftszeitung "Handelsblatt" verfügt die Familie noch über 35 bis 40 Millionen Euro.

Güttler betonte, dass die Übertragungen zum jeweiligen Zeitpunkt nicht kriminell, sondern "absolut richtig" waren. "Aber was unter das Insolvenzrecht fällt, wird zurückgeholt", sagte er. Das Anwesen der Familie in Ehingen soll beispielsweise im Besitz von Anton Schleckers Frau Christa sein. Wie und wann es übertragen wurde, ist nicht bekannt.

Schlecker-Kinder sind auch Schlecker-Gläubiger

Die Firma LDG der Schlecker-Kinder Lars und Meike ist ebenfalls betroffen. Nach Informationen der "Wirtschaftswoche" haben die beiden über das Logistikunternehmen ein Darlehen von insgesamt rund 70 Millionen Euro an die Drogeriekette vergeben. Da das Darlehen dem Vernehmen nach nicht an besondere Sicherheiten gebunden sei, könnten sie nur einen Bruchteil der Summe im Gläubigerverfahren zurückerhalten.

Das Vermögen der Kinder ist dagegen sicher, soweit es nicht mit dem Unternehmen zusammenhängt. "Im deutschen Recht gibt es keine Sippenhaft", sagte ein Sprecher des Insolvenzverwalters. Das Vermögen der Familie wurde noch vor drei Jahren auf drei Milliarden Euro geschätzt. Im Vergleich dazu seien sie nicht mehr reich. "Aber die werden genug haben, dass sie überleben", sagte der Sprecher. Die Höhe der Gläubigerforderungen ließe sich noch nicht abschätzen. Derzeit kursierten Werte zwischen 500 Millionen Euro und einer Milliarde Euro. Ein Prüfungstermin für die Forderungen ist für den 19. Juli angesetzt.

Investor interessiert an IhrPlatz und Schlecker XL

Die Drogeriemarktkette Ihr Platz und die 342 Schlecker XL-Filialen werden möglicherweise vom Münchner Finanzinvestor Dubag übernommen, berichtete die "Neue Osnabrücker Zeitung". Ihr Platz habe Dubag bereits gekauft, sagte Ihr-Platz-Insolvenzverwalter Werner Schneider. Der Übernahme müssten allerdings noch die Schlecker-Gläubiger und das zuständige Insolvenzgericht, das Amtsgericht Ulm, zustimmen. Daneben interessiere sich Dubag auch für die XL-Filialen.

Der Umsatz von Schlecker ging zuletzt offenbar erheblich zurück. Zwischen März und April hätten sich die Erlöse halbiert, berichtete das Nachrichtenmagazin "Focus" unter Berufung auf neue Daten der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Dabei seien Ende März nur gu t 2000 der vormals 5400 Filialen geschlossen worden. Das Minus von 56 Prozent ging dem Bericht zufolge auf vorherige Ausverkaufs-Aktionen in den Märkten zurück.

Am Freitag hatte der Gläubigerausschuss die Zerschlagung von Schlecker beschlossen. Die Drogeriekette macht nach einer Ausverkauf-Aktion in 2800 Märkten dicht. Die Zahl der betroffenen Mitarbeiterinnen, die noch im Juni gekündigt werden sollen, ist nicht gänzlich klar. . Geiwitz sprach von 13.762 Mitarbeiterinnen, in der offiziellen Mitteilung war von 13.200 die Rede. Geiwitz-Sprecher Güttler zufolge stammt die erste Zahl aus der letzten offiziellen Prüfung im Unternehmen. Die zweite Zahl stellt die im Juni vermutete Beschäftigtenzahl dar, die sich beispielsweise durch freiwillige Kündigungen immer weiter reduziert.

Mit Material von dapd und dpa

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Schlussverkauf in 2800 Filialen
  • Schnäppchen

    Bevor die rund 2800 zuletzt noch verbliebenen Schlecker-Läden in Deutschland schließen, soll es einen groß angelegten Warenabverkauf geben. Der Ausverkauf wird voraussichtlich Ende der kommenden Woche beginnen. Er solle längstens bis Mitte Juli andauern.

  • Rabatte

    Schon bevor Schlecker Ende März knapp 2000 Läden geschlossen hatte, hatte die Drogeriekette mit Rabatten von mindestens 30 Prozent gelockt. Teilweise waren Produkte um mehr als die Hälfte reduziert worden. Einzige Ausnahme bildeten Zeitschriften und Bücher.

  • Filialen

    Während dm und Rossmann einige Schlecker-Frauen einstellen wollen, hält sich das Interesse an den Filialen in Grenzen. 98Prozent der Schlecker-Filialen seien für das Konzept der beiden Konkurrenten zu klein, hieß es am Freitag aus beiden Unternehmen.

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