Neue Bewegung
Beim "Lunch Beat" ist Tanzen Pflicht
In europäischen Metropolen lassen Büromenschen die Kantine links liegen und gehen stattdessen tanzen – für 60 Minuten. Beim "Lunch Beat" gibt es leichte Kost, schwere Bässe und Tanzzwang.
Thilo macht den Anfang. Kaum wummern die ersten Takte des schwedischen Eurovisions-Siegersongs "Euphoria" aus den Boxen, eilt der 43-Jährige im blauen Businesshemd schon auf die Tanzfläche und schwingt die Hüften.
Dass er noch ganz allein dasteht und jede seiner Bewegungen von 20 Journalisten verfolgt wird, scheint ihn nicht weiter zu stören. Thilo will tanzen. Deshalb ist er hier und nicht bei seinen Kollegen in der Kantine der Bundesbehörde am Potsdamer Platz, in der er arbeitet. In einer Stunde muss der Beamte dort wieder am Schreibtisch sitzen. Dann ist die Mittagspause vorbei.
"Lunch Beat" nennt sich die kuriose Veranstaltung, die vor zwei Jahren in Stockholm erfunden wurde und nun in rasantem Tempo Metropolen in Europa und Übersee erobert. Büroangestellte lassen Suppe, Hauptgericht und Nachspeise links liegen und tauchen stattdessen mitten am Tag für eine Stunde ab ins Dunkel eines Szeneclubs. Tanzen statt mampfen, baggern statt schaufeln. Eine Disconacht im Mittagspausenformat.
Premiere in Berlin
Am Dienstag war Premiere in Berlin. "Essen gehen mit den Kollegen ist ja ganz nett, aber irgendwann auch redundant", sagt Thilo in einer Tanzpause. Er ist mit dem Fahrrad von seiner Behörde zum "Frannz Club" im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg gefahren, um beim ersten Lunch Beat an der Spree dabei zu sein. Die Idee habe ihm gleich gefallen, sagt er, weil er so endlich mal wieder Zeit zum Tanzen finde. Die Infrastruktur am Arbeitsplatz dafür passt: "Ich habe ein frisches Hemd bereitliegen, und eine Dusche gibt es auch."
Veranstalter Per Ola Jannov versucht derweil, mit Tanzmusik und ein paar launigen Sprüchen seine Mittagsdisco in Schwung zu bringen. Normalerweise tourt der 48-Jährige als Event-DJ "Ola der Schwede" durch das Land und legt bei Firmenjubiläen und Familienfeiern auf. Dass es mal nicht so läuft, bringt einen wie ihn nicht aus dem Konzept.
Als Nächstes legt er Jan Delays "Wir machen das klar" auf, einen Volltreffer. Erzieher Hartmut, 58, schwingt ekstatisch seine tätowierten Arme. Das Ticket für den Lunch Beat hat er im Lokalradio gewonnen. Nun tanzt er die 49-jährige Vanessa an, die nebenbei Flyer verteilt. Die ist, sagt sie, Sex-Coach von Beruf. Die Deutschen, berichtet Vanessa später, könnten generell häufiger mal ihre Hüften bewegen, warum nicht auch in der Mittagspause?
Es gibt nur schmale Kost und Wasser
Das Essen steht beim Berliner Lunch Beat jedenfalls nicht im Vordergrund. Für ihre zehn Euro Eintritt bekommen die Gäste Leitungswasser aus dem Pumpspender, etwas Obst und ein paar Schnittchen vorgesetzt. Ein Start-up-Unternehmer versucht zudem, eine Weltneuheit unters Volk zu bringen, die "Trinksalat" heißen soll und nach kaltem Spinat schmeckt. Alkohol gibt es keinen, schließlich sollen Motivation und Schaffenskraft für die zweite Tageshälfte nach Möglichkeit gesteigert, jedenfalls nicht unterminiert werden.
Der erste Lunch Beat fand im Juni 2010 in einer Stockholmer Tiefgarage statt. 14 Leute tanzten dort die Mittagspause durch. Und hatten offenbar so viel Spaß, dass sich schnell eine eingeschworene Gemeinde von Lunch Beatniks bildete. Heute kommen bis zu 600 Besucher zu den Veranstaltungen, viele weitere schwedische Städte folgten dem Beispiel, bald auch Metropolen im Ausland.
Erfunden hat den "Lunch Beat" eine Werberin
Lunch-Beat-Initiatorin Molly Ränge, eine 28-jährige Werberin, wurde für ihre Idee als zweitwichtigste Kreativ-Unternehmerin Schwedens ausgezeichnet. Sie verfasste die Regeln, die bei jedem Lunch Beat auf der Welt gelten sollen. Reden über den Job ist demnach tabu, tanzen hingegen Pflicht. Genau 60 Minuten dauert der Spaß, Wasser ist umsonst, und einen Snack gibt es auch. Jeder, der will, darf einen Lunch Beat veranstalten, allerdings nur als Non-Profit-Veranstaltung.
Am Donnerstag wurde um zwölf Uhr mittags parallel in 15 europäischen Städten getanzt. Darunter auch Hamburg, wo Inken Meyer bereits den zweiten Lunch Beat veranstaltete. Ihr Geld verdient sie normalerweise als freie Artdirektorin, der Mittagstanz sei für sie "reine Selbstbespaßung". Etwaige Überschüsse gehen an die Welthungerhilfe, was Meyer "eigentlich ganz passend" findet.
In Hamburg kommen 100 Leute in den Club
Anders als in Berlin drängen sich im Hamburger Schanzenviertel mehr als 100 Menschen zur Mittagsstunde in dem düsteren Club unter einer Eisenbrücke. An der Kasse entrichten sie klaglos zwölf Euro Eintritt für eine Stunde Spaß. Die meisten stellen sich zuerst beim Catering an, das hier aus frischer Pasta und Reis-Snacks besteht.
In der Schlange steht auch Svenja Dunkel, 35, Verkaufsanalystin beim Mineralölkonzern BP. Nur 45 Minuten Mittagspause hat sie dort, trotzdem ließ sie sich von einem Kollegen zu dem mittäglichen Szenenwechsel überreden. "Normalerweise essen wir in der Kantine, was auf die Dauer schon etwas eintönig wird", sagt sie und lässt skeptische Blicke über das gewölbeartige Club-Interieur wandern. Minuten später steht sie im Tanzraum und staunt.
Mitten am Tag herrscht hier tatsächlich so etwas wie Clubatmosphäre. Electro-Beats dröhnen durch die Luft, die Tanzfläche ist gerammelt voll und in Bewegung. Es wird wild geflirtet. Auch Steffi hat ihren Spaß. Die 41-jährige Lehrerin arbeitet an einer nahe gelegenen Schule. "Ich habe zwei Freistunden. Gleich muss ich zurück in den Unterricht – sechste Klasse, Religion", lacht die Pädagogin. Ihre Freundinnen, Kindergärtnerin Iris, 38, und Stahlhändlerin Maria, 43, müssen auch noch zurück zur Arbeit, was sie aber gerade nicht stört: "Es ist toll – das machen wir noch mal!"
Berlin kann mit Stockholm nicht mithalten
Dass die Alternative zur mittäglichen Kalorienschlacht in Schweden entstand, ist kein Zufall. "Bei uns ist es schon länger verbreitet, in der Mittagspause Sport zu treiben. Viele Studios bieten dafür spezielle Kurse an, die nur eine halbe Stunde dauern", erklärt Helena Onn, eine Referatsleiterin bei der schwedischen Botschaft in Deutschland. Zum ersten Lunch Beat in Berlin ist sie mit einer Delegation erschienen.
"Ola der Schwede" ist begeistert. Als der Veranstalter später allerdings die Tageseinnahmen prüft, erlebt er einen Moment der Ernüchterung. "Nur acht zahlende Gäste", sagt der Event-DJ traurig. Berlin ist halt nicht Stockholm.

















