Goldman-Sachs-Chefsvolkswirt
"Beim Sparen ist man teils zu weit gegangen"
Jan Hatzius ist der deutsche Star an der Wall Street. Der Chefvolkswirt der US-Investmentbank Goldman Sachs will den Deutschen eine höhere Inflation schmackhaft machen.
Berliner Morgenpost: Herr Hatzius, die Wachstums- und Arbeitslosenzahlen in den USA fielen zuletzt enttäuschend aus. Ist der Aufschwung vorbei, bevor er richtig begonnen hat?
Jan Hatzius: Kurzfristige Faktoren wie das Wetter und der Lagerhaltungszyklus haben in den letzten Monaten für Schwankungen gesorgt. Aber der Trend scheint klar: Das Wachstum in den USA wird so zwischen zwei und 2,5 Prozent liegen. Das erwarten wir für die nächsten zwei Quartale und auch für 2013.
Berliner Morgenpost: Das ist deutlich weniger als üblich. Warum kommt die US-Wirtschaft nicht in die Gänge?
Hatzius: Sie befindet sich nach der Finanzkrise immer noch in einem Heilungsprozess, und dieser Prozess verläuft relativ langsam. Zwar haben die Haushalte in den vergangenen Monaten wieder mehr ausgegeben. Aber wir erwarten, dass die Sparquote auf ihrem jetzigen Niveau verharren wird.
Berliner Morgenpost: Was kann die US-Regierung tun, um das Wachstum anzukurbeln?
Hatzius: Einen langfristigen Konsolidierungsplan entwickeln, kurzfristig aber die Wirkung der Finanzpolitik auf die Konjunktur im Auge behalten. Ein Konjunkturprogramm würde ich nicht empfehlen, aber man sollte den Großteil der für das Jahresende anstehenden Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen meines Erachtens verschieben.
Berliner Morgenpost: Können sich die USA das leisten? In Europa halten einige Experten Amerika für das nächste Griechenland.
Hatzius: Die USA sind nicht das nächste Griechenland. Die Vereinigten Staaten haben einen flexiblen Wechselkurs und eine eigene Zentralbank. Das macht einen großen Unterschied. Außerdem sind die Probleme in Europa und den USA unterschiedlich gelagert. In den europäischen Krisenländern ist mit Ausnahme Griechenlands nicht die Fiskalpolitik das Hauptproblem, sondern die Leistungsbilanzanpassung.
Berliner Morgenpost: Brauchen die USA nicht mehr Steuern, um den Haushalt zu festigen?
Hatzius: Langfristig wird man angesichts der demografischen Entwicklung und der Explosion der staatlichen Gesundheitskosten mehr Steuereinnahmen brauchen. Die Einnahmen betragen, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, nur etwas über 30 Prozent, während sie in Europa bei 45 Prozent liegen. Eine stärkere Konsumbesteuerung liegt nahe. Auch bei der Energiebesteuerung liegt Amerika unter dem globalen Durchschnitt.
Berliner Morgenpost: Es gibt noch einen anderen verlockenden Ausweg aus zu hohen Staatsschulden: Inflation.
Hatzius: Der Wille der US-Notenbank Federal Reserve, längerfristig eine höhere Inflation in Kauf zu nehmen, ist sehr begrenzt. 2,5 Prozent könnte sie noch hinnehmen, drei Prozent wären ihr schon unangenehm. Wenn es Richtung vier Prozent ginge, würde sie dagegen vorgehen.
Berliner Morgenpost: Wie hart könnte eine Eskalation der europäischen Schuldenkrise die US-Wirtschaft treffen?
Hatzius: Auf direktem Wege kaum. Dafür exportieren die USA viel zu wenig nach Europa. Aber wenn es zu größeren Turbulenzen auf den Finanzmärkten kommen sollte, dann würde das auch die US-Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen.
Berliner Morgenpost: Ein ständiger Unruheherd ist Griechenland. Sollte das Land die Euro-Zone verlassen?
Hatzius: Das würden wir nicht empfehlen. Zwar haben sich die Banken auf die Probleme in Griechenland inzwischen eingestellt. Meine Sorge aber ist, dass dennoch Ansteckungsgefahren bestehen. Möglicherweise bekämen private Haushalte in anderen Ländern Angst, auch ihr Land könnte die Währungsunion verlassen – und heben dann massenweise ihr Geld von den Konten ab.
Berliner Morgenpost: Wie kann Europa die Schuldenkrise in den Griff bekommen?
Hatzius: Die Krisenländer müssen ihre Wettbewerbsfähigkeit stärker der Deutschlands angleichen. Das heißt: fallende Preise und Löhne in der Peripherie und höhere Inflation in Deutschland.
Berliner Morgenpost: Die Deutschen werden Amok laufen.
Hatzius: Die Deutschen denken bei Inflation immer nur daran, dass alles teurer wird. Aber etwas mehr Inflation bedeutet auch, dass die Löhne stärker steigen. Für Europa, das dringend auf mehr Nachfrage angewiesen ist, wäre eine stärkere Nachfrage aus Deutschland eine große Hilfe.
Berliner Morgenpost: Das wird Jahre dauern. Wie wollen Sie diese Phase überbrücken?
Hatzius: Die Politik muss die Konjunktur im Euro-Raum stützen. Die Geldpolitik sollte locker bleiben und die Sparprogramme angepasst werden. Beim Tempo der Konsolidierung ist man in einigen Krisenländern zu weit gegangen. Schauen Sie sich Spanien an. Dieses Jahr soll das Haushaltsdefizit von 8,9 auf 5,3 Prozent gedrückt werden. Das ist nicht realistisch.
Berliner Morgenpost: Berlin fürchtet: Wenn die Krisenstaaten nicht einmal in dieser Drucksituation sparen, wann denn dann?
Hatzius: Konsolidierung ist immer eine Frage des richtigen Tempos. Unsere Untersuchungen zeigen: Wenn ein Land das Haushaltsdefizit um mehr als zwei Prozent pro Jahr abbaut – also zum Beispiel von vier auf unter zwei Prozent – ist das kontraproduktiv. Das Wachstum bricht so stark ein, dass das Haushaltsloch am Ende größer ist.
Berliner Morgenpost: Internationale Ökonomen fordern, Deutschland müsse ein Konjunkturprogramm auflegen, um die Krisenstaaten zu unterstützen.
Hatzius: Europa hat derzeit ein besonders großes Interesse, dass die deutsche Wirtschaft nahe an der Vollauslastung arbeitet. Wenn finanzpolitische Spielräume bestehen – und ich glaube, dass sie bestehen –, sollte die Bundesregierung sie nutzen.
Berliner Morgenpost: Die Deutschen stehen bereits jetzt für die Schulden anderer Staaten gerade. Verstehen Sie die Angst der Bundesbürger um ihr Geld?
Hatzius: Die Sorgen sind absolut verständlich. Deutschland ist über die Rettungsschirme und die Target-2-Salden der Notenbank beträchtliche Risiken eingegangen. Natürlich können keine Blankoschecks geschrieben werden und muss sich auch die andere Seite bewegen. Aber soll Deutschland die Ungleichgewichte innerhalb der Währungsunion nicht mehr finanzieren? Das wäre eine Politik, die Deutschland letztlich teuer zu stehen kommt.
Berliner Morgenpost: Würden Sie folgendem Satz zustimmen? "Der Euro war eine Frühgeburt, aber jetzt ist er da, und die Politik muss alles tun, um ihn zu verteidigen."
Hatzius: Im Nachhinein ist es natürlich immer einfacher, und an den Warnungen vor der Einführung des Euro ist in der Rückschau sicher eine Menge dran. Die Mobilität der Arbeitnehmer über Landesgrenzen hinweg zwischen den Euro-Ländern ist zu gering, die Struktur- und Finanzpolitik war nicht aufeinander abgestimmt, Mechanismen für den Krisenfall wurden erst im Krisenfall geschaffen. Europa hat sich große Probleme aufgebürdet, keine Frage. Aber die Währungsunion zu verteidigen, halte ich für sehr wichtig.

















