14.05.12

Sackgasse

Griechenland geht spätestens im Juli das Geld aus

Die Drohgebärden der Griechen sind Makulatur. Keine Regierung kann es sich in der Realität leisten, den Sparpakt mit den Geldgebern aufzukündigen – sie wäre binnen weniger Wochen pleite.

Foto: DAPD
Griechenland
Dunkle Wolken über dem Parthenon-Tempel auf der Akropolis in Athen: Das Euro-Land steht kurz vor der Pleite

Es war kein Montag für Griechen mit schwachen Nerven. Gut eine Woche nach der Wahl vom 6. Mai hat Griechenland nicht nur keine Regierung, sondern nicht einmal die Aussicht auf eine solche.

Immer noch verweigert Alexis Tsipras, Chef der kometenhaft aufgestiegenen linken Protestpartei Syriza und neuer Star der Athener Politik, jede Teilnahme an einer Regierung, die Griechenland im Euro halten und das erst im März vereinbarte zweite Kredit- und Sparprogramm mit den Euro-Ländern und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) umsetzen will.

"Von uns wird verlangt, der Zerstörung der griechischen Gesellschaft zuzustimmen", begründete Tsipras, warum er einem neuen Krisentreffen am Montagabend fernbleiben wollte. Anleger weltweit reagierten auf die griechische Dauerkrise, die einen Bankrott in Athen, einen Austritt aus dem Euro und weitere Krisenwellen in Europa wahrscheinlicher macht, erwartet negativ.

Dax und Euro-Kurs brechen ein

In Frankfurt fiel der deutsche Aktienindex (Dax) um gut zwei Prozent auf 6436 Punkte, auch in London und Paris gingen die Kurse nach unten. Der Euro fiel gegenüber dem US-Dollar mit 1,2848 auf den tiefsten Stand seit Mitte Januar.

Und unabhängig davon, welche Maßnahmen Europas Finanzminister nun einfallen, ist klar: Zwei Jahre nach Beginn der Griechenland-Nothilfe ist Athen so tief in einer wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Sackgasse, dass niemand weiß, wie und wann es wieder hinausfindet.

Und das gilt unabhängig davon, ob Griechenland sein Kredit- und Reformprogramm aufkündigt oder weiterführt; Mitglied der Euro-Zone bleibt oder nicht.

Auf den ersten Blick scheint die Lage in Athen eindeutig. Dass Syriza-Führer Tsipras sich weigert, einer Mehrparteienregierung beizutreten, die das erst im März unterschriebene zweite Kredit- und Sanierungsprogramm fortführt, ist politisch logisch.

Schließlich hat seine Opposition gegen Sparen und Streichen den charismatischen Populisten zum Chef der zweitgrößten Partei gemacht. Neue Umfragen zufolge würde Tsipras im Fall einer zweiten Wahl – die wohl am 17. Juni stattfinden würde – möglicherweise noch dazugewinnen und Führer der stärksten Partei Griechenlands.

Populistische, realitätsferne Vorschläge

Mit populistischen, realitätsfernen Vorschlägen – etwa der Einstellung 100.000 neuer Beamter – erinnert Tsipras an den langjährigen Regierungschef Andreas Papandreou: Der legte als Gründer der sozialistischen Pasok-Partei mit konsequenter Klientelpolitik und dem Aufblähen des Staatsapparates den Grundstein für das griechische Desaster.

Der Zeitung Kathimerini zufolge sind viele Wähler Tsipras Beamte, die früher Pasok wählten und hoffen, dass sie unter Tsipras überfälligen, mit Athens Kreditgebern vereinbarten Entlassungen im überbesetzten Staatsapparat entgehen.

Doch allem Aufwind zum Trotz vertritt Tsipras nur eine Minderheit der Griechen. Dem Meinungsforschungsinstitut Kapa zufolge lehnen drei Viertel der Griechen erneute Wahlen ab und verlangen von den Parteien Kompromisse. 78 Prozent der Griechen verlangen zudem, alles Mögliche zu tun, um ihr Land in der Euro-Zone zu halten.

Griechenland steht kurz vor dem Bankrott

Ohnehin könnte die wirtschaftliche Lage jede neue griechische Regierung – selbst unter einem Premier Tsipras – schnell zum Abgehen von markigen Ankündigungen wie dem Aufkündigen des Sparprogramms zwingen: Andernfalls ist Griechenland schnell bankrott.

Ende Juni kann der Finanzminister vielleicht noch die 5,5 Milliarden Euro zusammenkratzen, die er jeden Monat allein für Löhne, Renten und Sozialleistungen auszahlt. Weil aber Griechenland weit weniger an Steuern einnimmt, als es insgesamt ausgibt, braucht Athen spätestens bis Ende Juli neue Kredite von Euro-Ländern und IWF.

Von privaten Anlegern bekommt Athen bestenfalls noch für ein paar Monate Geld. Ein neuer Test steht ab Dienstag an: In einer bis Freitag laufenden Emission will sich der Finanzminister eine Milliarden Euro mit drei Monate laufenden Anleihen besorgen.

Hilfsgelder von Sparzusagen abhängig

Neue Milliarden der Euro-Länder und des IWF aber fließen erst, wenn Athen der Troika (EU-Kommission, Europäische Zentralbank, Internationaler Währungsfonds) darlegt, wie es 2012 Sparmaßnahmen auf der einen und höhere Steuereinnahmen auf der einen Seite umsetzt, die drei Prozent der Wirtschaftsleistung entsprechen.

Damit nicht genug: Athen muss für 2013 und 2014 weitere Spar- und Streichmaßnahmen in Höhe von 5,5 Prozent seiner Wirtschaftsleistung vorlegen. Der Infodienst "Greek Reporter" berichtete , Staatsbank und Finanzministerium wollten im Fall ausbleibender Kredite aus Brüssel und Washington den Bankrott mit Notmaßnahmen etwas hinauszuschieben.

Dafür sollen etwa alle Zuschüsse an alle Staatseinrichtungen und -unternehmen gestoppt werden. Schließlich aber seien Kürzungen von Löhnen und Gehältern unvermeidlich. Theoretisch kann eine neue Regierung das Abkommen mit Euro-Ländern und IWF kündigen, Zinszahlungen und die Rückzahlung aller weiteren Schulden einstellen, aus dem Euro austreten und die Drachme wiedereinführen.

In der Realität aber wäre Griechenland, selbst wenn es keinerlei Auslandsschulden mehr bedient, "intern bankrott" – also als Staat zumindest teilweise zahlungsunfähig. Denn der Staatsapparat ist immer noch aufgebläht, die Wirtschaft immer noch wenig konkurrenzfähig, und die Steuereinnahmen brechen angesichts von Rezession und schrumpfendem Konsum weiter ein. Zwar könnte Athen dann viele Drachmen drucken – die aber schnell an Wert verlören.

Milliarden zur Bankenrettung nötig

Zudem braucht Griechenland – ob mit Euro oder ohne – Milliarden zur Rettung seiner Banken: Die sind durch platzende Kredite, andauernde Kapitalflucht und hohe Verluste durch griechische Staatsanleihen schwer angeschlagen. Allein Griechenlands vier größte Banken schrieben nach der kürzlichen Umschuldung griechischer Staatsanleihen 28 Milliarden Euro ab.

Eigentlich sollen die Banken bis September 48 Milliarden Euro frisches Kapital erhalten: Geld, das vollständig vom Europäischen Krisenkreditfonds EFSF kommt. Am 19. April bekamen die Griechen die erste Geldspritze: Anleihen des europäischen Krisenfonds EFSF im Wert von 25 Milliarden Euro, die die Griechen etwa bei der EZB als Sicherheit verwenden können.

Eigentlich sollte Ende Juni ein zweites EFSF-Anleihen-Paket von 23,5 Milliarden Euro folgen. Doch EFSF-Chef Klaus Regling machte klar, dass es neues Geld nur gibt, wenn die Troika mit Athen zufrieden ist.

Regierung hat keinen Spielraum mehr

Freilich: Auch wenn eine griechische Regierung das Kredit- und Sanierungsprogramm fortführt, hat sie keinen großen Spielraum. Selbst mit Hilfskrediten lebt Athen von der Hand in den Mund.

Seit dem 19. März hat Griechenland im Rahmen des zweiten Kredit- und Sanierungsprogramms (mit einem Gesamtumfang von 172 Milliarden Euro) neben den Milliarden für die Banken vom EFSF drei weitere Raten in Höhe von insgesamt 13,4 Milliarden Euro bekommen.

Der Löwenanteil dieses Geldes landet indes nicht in den Taschen griechischer Beamten oder Rentner und wird auch nicht für Investitionen genutzt, die die Wirtschaft aus der Krise führen. Stattdessen zahlt Athen mit den neuen Milliarden vorwiegend alte Schulden zurück: fällig werdende Staatsanleihen, die der EZB oder anderen Notenbanken wie der Bundesbank gehören.

So gaben die Griechen von den 5,9 Milliarden Euro, die sie am 19. März bekamen, Recherchen der Berliner Morgenpost zufolge fünf Milliarden Euro sogleich wieder für den Schuldendienst aus. Die 4,2 Milliarden Euro, die Athen am Donnerstag vergangener Woche vom EFSF bekam, gehen sogar vollständig an EZB und Europas Notenbanken zurück.

Trotzdem wird Griechenland schon Ende 2012 wieder einen Schuldenberg aufgetürmt haben, der 160 Prozent seiner schrumpfenden Wirtschaftsleistung entspricht – so sagt es die EU-Kommission in ihrer Frühjahrsprognose voraus. Griechische Schuldentendenz 2013: weiter rasant steigend.

Dass sich Sparen und Reformieren lohnt, ist normalen Griechen angesichts solcher Zahlen nur schwer zu vermitteln. Selbst wenn sie nicht Alexis Tsipras heißen.

Wie die Euro-Krisenländer wirtschaftlich dastehen

GRIECHENLAND

2013 dürfte die Wirtschaft ihre harte Schrumpfkur beenden. Die EU-Kommission rechnet dann mit einer Stagnation. In diesem Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt laut Prognose aber mit 4,7 Prozent nochmals einbrechen.

"Die verfügbaren Einkommen werden durch die steigende Arbeitslosigkeit gedrückt, Lohnsenkungen und Steuererhöhungen lasten ebenfalls auf der Binnennachfrage", sagte die EU-Kommission voraus. Jeder fünfte Grieche steht ohne Arbeit da.

Ein schuldenfreier Haushalt bleibt in weiter Ferne: Das Defizit dürfte bei 7,3 Prozent liegen, 2013 sogar bei 8,4 Prozent. Der Schuldenberg wächst weiter: Im kommenden Jahr dürfte er 168 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmachen. Eigentlich sehen die EU-Verträge eine Obergrenze von 60 Prozent vor.

SPANIEN

Das Land findet nicht aus der Rezession. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte in diesem Jahr um 1,8 Prozent schrumpfen, 2013 nochmals um 0,3 Prozent. "Es stehen schwierige Zeiten ins Haus", warnt die EU-Kommission.

Die ohnehin schon dramatische Lage am Arbeitsmarkt wird sich weiter zuspitzen: Jeder vierte Spanier wird im kommenden Jahr ohne Job sein. Kein anderes EU-Land weist eine so hohe Arbeitslosenquote aus. 2008 lag sie noch bei 11,3 Prozent. Das drückt die Binnennachfrage.

Die Wirtschaftskrise sorgt dafür, dass die Löcher in der Staatskasse groß bleiben. Die Neuverschuldung wird jeweils mehr als sechs Prozent der Wirtschaftsleistung ausmachen; die EU-Verträge sehen eigentlich eine Obergrenze von drei Prozent vor.

ITALIEN

2012 wird ein verlorenes Jahr: Die Wirtschaftsleistung dürfte um 1,4 Prozent sinken, die Arbeitslosenquote auf 9,5 Prozent steigen. "Die Schuldenkrise in der Euro-Zone belastet die italienische Wirtschaft", schreibt die Kommission.

Steuererhöhungen und die steigende Arbeitslosigkeit drücken die Einkommen, wodurch der private Konsum schrumpft. Die EU setzt auf eine langsame Erholung im nächsten Jahr.

Die Wirtschaft dürfte dann wieder wachsen, wenn auch nur um 0,4 Prozent. Das Staatsdefizit wird sich demnach auf 1,1 Prozent nahezu halbieren, der Schuldenberg sogar von 123,5 auf 121,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes abgetragen werden.

IRLAND

Dank steigender Exporte kann das Land einen Rückfall in die Rezession wohl vermeiden. Die Brüsseler Behörde rechnet in diesem Jahr mit einem Wachstum von 0,5 Prozent, das sich 2013 auf 1,9 Prozent beschleunigen soll.

"Die Exportwirtschaft bleibt die Konjunkturlok", schreiben die Brüsseler Experten. Die Arbeitslosigkeit sollte leicht zurückgehen.

Allerdings reicht der kleine Aufschwung nicht aus, um die maroden Staatsfinanzen zu sanieren. Das Defizit dürfte in diesem Jahr 8,3 Prozent betragen und 2013 bei 7,5 Prozent liegen.

Der Schuldenberg wächst dadurch weiter und erreicht im kommenden Jahr 120 Prozent des Bruttoinlandsproduktes – doppelt so viel wie die EU-Verträge als Obergrenze vorsehen.

PORTUGAL

Auch für Portugal ist 2012 ein verlorenes Jahr. Die Wirtschaft dürfte mit 3,3 Prozent noch stärker einbrechen als während der Weltfinanzkrise 2009. Kommendes Jahr sagt die Kommission wieder ein bescheidenes Wachstum von 0,3 Prozent voraus.

"Haupttreiber werden die Exporte sein angesichts der Konjunkturerholung in der EU und der verbesserten preislichen Wettbewerbsfähigkeit aufgrund der Lohnzurückhaltung", prognostiziert die EU-Kommission.

Das Defizit dürfte bis dahin von 4,7 auf 3,1 Prozent nachlassen. Der Schuldenstand wird dagegen auf gut 117 Prozent des Bruttoinlandsproduktes steigen. 2008 waren es noch 71,6 Prozent.

FRANKREICH

Mit wachsender Sorge blickt die EU-Kommission auch auf Frankreich. Das Defizit der nach Deutschland zweitgrößten Volkswirtschaft in der Euro-Zone wird nach der Vorhersage kaum sinken.

In diesem Jahr wird ein Fehlbetrag von 4,5 Prozent erwartet, der 2013 auf 4,2 Prozent schrumpfen soll. Die Kommission fordert deshalb weitere Einsparungen zum Abbau der Neuverschuldung.

 

Quelle: EU-Kommission/Reuters

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Folgen eines griechischen Euro-Austritts
  • Rechtliche Grundlage

    Auch wenn die Rufe nach einem Austritt immer lauter werden und sogar die Europäische Zentralbank (EZB) erstmals das Austrittsszenario anspricht, ist ein Rauswurf aus der Eurozone durch die anderen Mitgliedsländer nicht möglich. Das sehen die EU-Verträge nicht vor. Allerdings könnte Griechenland von sich aus erklären, sich vom Euro zu verabschieden. Aber auch in diesem Fall wäre dies Neuland für das gesamte Euro-System, das dafür keine Regelungen kennt.

  • Folgen für Griechenland

    Mit großer Wahrscheinlichkeit würde das den kompletten wirtschaftlichen Zusammenbruch des Krisenlandes bedeuten. Ohne Euro müsste Griechenland wieder eine eigene Währung einführen, etwa die alte Drachme, die vermutlich drastisch abgewertet würde. Athen würde als Folge aber international wettbewerbsfähiger, weil griechische Produkte im Ausland billiger wären. Schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden infolge der Abwertung der neuen eigenen Währung drastisch steigen würden. Ohne großzügige Überbrückungshilfen und Stützung der Banken wäre ein Übergang nach Ansicht von Fachleuten nicht zu schaffen.

  • Folgen für die Euro-Zone

    Ob das Euro-Währungsgebiet einen Austritt der Hellenen verkraften würde, ist äußerst fraglich. Die Ansteckungsgefahr für weitere Sorgenkinder wie Spanien, Italien oder Portugal ist immens. Denn letztlich könnte sich kein Investor mehr darauf verlassen, dass nicht auch andere Länder aus dem Euroraum ausscheren. Vermutlich würden die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder so stark steigen, dass diese ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit kämen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.

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