29.04.12

Tarifstreit

IG Metall startet mit einer Welle von Warnstreiks

Im Tarifkonflikt der Metall- und Elektroindustrie haben in der Nacht zu Sonntag bundesweit erste Warnstreiks begonnen. Auch in Berlin.

Foto: DPA
Warnstreik bei Osram
Bei Osram begannen die Arbeiter der Nachtschicht um 0 Uhr einen Warnstreik

Kurz nach Mitternacht war es so weit. Im Tarifstreit der deutschen Metall- und Elektroindustrie sind Beschäftigte in der Nacht zu Sonntag auch in Berlin in kurze Warnstreiks getreten. Etwa 200 Mitarbeiter der Nachtschicht im Osram-Werk in der Nonnendammallee im Stadtteil Siemensstadt legten kurz nach Mitternacht die Arbeit nieder, wie ein Sprecher der IG Metall erklärte. Die Gewerkschaft hatte zu der Aktion unmittelbar nach Ende der Friedenspflicht um 0.00 Uhr aufgerufen, um den Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen.

Nach Angaben der IG Metall beteiligten sich bundesweit 2500 Beschäftigte an Warnstreiks. Mit den Aktionen will die Gewerkschaft ihre Forderung nach 6,5 Prozent mehr Gehalt, der unbefristeten Übernahme von Ausgebildeten und mehr Mitsprache beim Einsatz von Zeitarbeitern unterstreichen. Nach der dritten Verhandlungsrunde für die rund 3,6 Millionen Beschäftigten in der Branche sind die Fronten verhärtet. Die Arbeitgeber boten drei Prozent mehr Lohn bei einer Laufzeit von 14 Monaten, lehnten die weiteren Forderungen aber ab. Der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber bezeichnete dies als Provokation. Er kündigte ab Mitte der Woche bundesweit massive Warnstreiks an. Das aktuelle Arbeitgeberangebot bedeute auf ein Jahr gerechnet lediglich 2,5 Prozent – "das gleicht gerade mal die Preissteigerung aus und würde die Beschäftigten ein weiteres Jahr vom Aufschwung abkoppeln".

Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser verurteilte die Streiks scharf: "Die IG Metall hat schon mit Warnstreiks und einem möglichen Arbeitskampf gedroht, noch bevor sie ihre Forderung beschlossen hat. Das zeigt, wie wenig die Warnstreiks mit der Sache zu tun haben." Die Gewerkschaft müsse sich inhaltlich bewegen, statt mit einer unnötigen Machtdemonstration den Betrieben zu schaden, sagte Kannegiesser Morgenpost Online. Zugleich verteidigte er das Angebot der Arbeitgeber. "Unser Angebot bedeutet nicht nur eine spürbare Reallohnsteigerung, es schöpft sogar den von den Gewerkschaften selbst definierten Verteilungsspielraum aus."

Die Tarifverhandlungen sollen am 8. Mai in Baden-Württemberg fortgesetzt werden. Der Bezirk war in der Vergangenheit oft der Pilotbezirk, dessen Abschluss für die gesamte Branche übernommen wurde. Der Bezirksleiter von Baden-Württemberg, Jörg Hofmann, warf den Arbeitgebern einen "unverantwortlichen Crashkurs" vor. Die Verbandsspitze habe die Friedenspflicht nicht genutzt, um in substanzielle Verhandlungen einzutreten, sondern sich monatelang um die Themen gedrückt und allenfalls Öl ins Feuer gegossen. "In den kommenden Tagen gibt es jetzt von den Beschäftigten die passende deutliche Antwort", sagte Hofmann Morgenpost Online. Es werde zu Warnstreiks in Hunderten Betrieben kommen.

"Das Fenster für eine Lösung am Verhandlungstisch schließt sich jetzt schnell, und dann stehen wir vor einer Konsequenz, die eigentlich keiner will", warnte der Leiter des mächtigsten Metallbezirks. Die Metall- und Elektroindustrie sammle derzeit von Quartal zu Quartal neue Rekordgewinne ein. "Vor diesem Hintergrund ein Angebot vorzulegen, das gerade einmal die Inflation ausgleichen würde, ist schon ein starkes Stück. Das lassen sich die Beschäftigten nicht gefallen."

Der Betriebsratsvorsitzende des Stuttgarter Autobauers Porsche, Uwe Hück, geht von einem langen und harten Tarifkonflikt aus. "Ich glaube, wir werden einen der härtesten Arbeitskämpfe bekommen, den wir je hatten", erklärte Hück in einem Interview mit dem Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". "Ich bin davon nicht begeistert, aber wir dürfen die Jugend nicht im Stich lassen." Geld sei im laufenden Tarifstreit zwar kein leichtes Thema, aber nicht der Knackpunkt. "Es geht vielmehr um prekäre Arbeitsverhältnisse und um die Jugend." Zwei von fünf Beschäftigten unter 25 Jahren hätten nach der Lehre befristete Verträge, sagte Hück dem Nachrichtenmagazin. "Die jungen Menschen fühlen sich verraten und verloren."

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