Hohe Kosten

Hunderttausende können Stromrechnungen nicht mehr zahlen

Foto: DPA

Zehn bis 15 Prozent der Deutschen kämpfen damit, die stetig steigenden Energiekosten zu finanzieren. Bei vielen wird der Strom gesperrt.

Viele Menschen in Deutschland können ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen. Und die Energiepreise steigen immer weiter. Die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher, wirft der Bundesregierung deshalb vor, "die soziale Dimension der Energiewende nicht im Blick" zu haben. "Bei niedrigen Einkommen schlagen die steigenden Stromkosten voll durch", sagte die Chefin des größten deutschen Sozialverbandes. Der Vorstand der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, Klaus Müller, schätzt: "Zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung kämpfen damit, die stetig steigenden Energiekosten zu finanzieren." Dabei seien Geringverdiener und Rentner noch stärker als die Bezieher von Hartz IV betroffen, bei denen zumindest Heizkosten in der Regel von den Sozialbehörden übernommen werden. Laut Umfrage der Verbraucherschützer bei den Energieversorgern wird pro Jahr bei rund 600.000 Haushalten aufgrund nicht gezahlter Rechnungen der Strom gesperrt.

Vor allem aufgrund des starken Ausbaus erneuerbarer Energien hatten sich die Strompreise im Jahr 2011 um rund zehn Prozent erhöht. Nach einer Erhebung des Preisvergleichsportals Verivox für Morgenpost Online geht die Teuerung in diesem Jahr weiter. Den Zahlen zufolge haben bereits rund 400 Energieversorger in der ersten Jahreshälfte 2012 ihre Preise um durchschnittlich 3,5 Prozent erhöht oder angekündigt, dies zu tun. "Bei der absehbaren Steigerung der Netzentgelte und der EEG-Umlage kann man mit Preiserhöhungen um etwa 4,6 Prozent rechnen", sagte ein Verivox-Sprecher.

Nach Informationen von Morgenpost Online aus der Bundespolitik dürfte sich allein schon die sogenannte EEG-Umlage, mit der die Verbraucher die Einspeisung von Ökostrom subventionieren, 2013 noch einmal deutlich von heute 3,6 auf bis zu 5,2 Cent pro Kilowattstunde erhöhen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte allerdings noch im vergangenen Jahr angekündigt, die Kostenbelastung der Verbraucher durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) solle 3,6 Cent pro Kilowattstunde "nicht dauerhaft überschreiten". Nach einer Studie der Technischen Universität Berlin (TU) spart Deutschland durch den weiteren Ausbau erneuerbarer Energie bis 2030 lediglich Brennstoffimporte und CO2-Zertifikate im Wert von 300 Millionen Euro pro Jahr ein. Subventionen im zweistelligen Milliardenbereich pro Jahr lassen sich so vorerst nicht wieder einspielen. Auch der preisdämpfende Merit-Order-Effekt, der aus der Einsatzreihenfolge der Kraftwerke nach Preis resultiert, dürfte nur von kurzer Dauer sein, sagt Georg Erdmann, Leiter des Fachbereichs Energiesysteme der TU. Mittel- bis langfristig sei "im Gegenteil ein für die Letztverbraucher nachteiliger Effekt zu erwarten". Insgesamt summierten sich "die zwischen 2010 und 2030 zu erwartenden direkten und indirekten EEG-Kosten auf einen Barwert von insgesamt 335 Milliarden Euro."