24.04.12

Vize-IWF-Chef

"Auf und Ab der Märkte interessiert mich nicht"

Der IWF sucht die effektivste Lösung in der Krise: Verfehlen die Wirtschaftsmaßnahmen der Euro-Staaten ihr Ziel, hilft auch keine Brandmauer auf der ganzen Welt, sagt IWF-Vize-Chef David Lipton.

Foto: Bloomberg
IWF-Vize-Chef David Lipton
IWF-Vize-Chef David Lipton: Euro-Länder müssen ihre Hausaufgaben machen

David Lipton freut sich auf seinen Urlaub. Denn hinter dem stellvertretenden Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) liegen hektische Tage und lange Verhandlungsrunden. Auf der IWF-Frühjahrstagung stritten die USA, die Schwellenländer und Europa um eine Ressourcenaufstockung des Fonds. Am Ende stieg die Feuerkraft der Weltfinanzpolizei um 430 Milliarden Dollar. Lipton ist zufrieden, dass der IWF nun für künftige Krisen gewappnet ist – denn die europäische Schuldenkrise werde die Weltwirtschaft noch länger beschäftigen.

Berliner Morgenpost: Herr Lipton, die USA sagten im Vorfeld der IWF-Frühjahrstagung, der Fonds habe genug Geld, um Krisenstaaten zu helfen. Warum brauchte der IWF trotzdem eine Aufstockung von 430 Milliarden Dollar?

David Lipton: Die USA waren der Meinung, dass der IWF über genügend Ressourcen verfüge, um auf aktuelle Krisen reagieren zu können. Das ist richtig. Unsere Meinung aber ist: Wir müssen auch für künftige Krisen gewappnet sein. Das sind wir mit der beschlossenen Aufstockung. Das allein wird für mehr Vertrauen auf den Finanzmärkten sorgen.

Berliner Morgenpost: Die USA beteiligen sich aber nicht, genauso wenig wie Kanada. Und Brasilien musste erst mit großer Überredungskunst überzeugt werden.

Lipton: Die Liste an Ländern, die sich an der Aufstockung beteiligen, ist größer als in der Vergangenheit. Wir haben aus allen Teilen der Welt Kreditzusagen bekommen. Das zeigt die breite Unterstützung für die Rolle, die der IWF in der Welt spielt.

Berliner Morgenpost: Einige Schwellenländer glauben, die neuen IWF-Gelder seien nur für Europa vorgesehen. Und sie fragen sich, warum sie einer Region helfen sollen, die viel wohlhabender ist als sie selbst.

Lipton: Ich kann verstehen, dass ein Politiker aus einem Schwellenland dies seinen Wählern erst erklären muss. Aber die IWF-Gelder werden dort eingesetzt, wo immer sie gebraucht werden. Und selbst wenn das Geld für Europa gebraucht würde, werden alle Länder einen Nutzen davon haben, weil die Hilfen das Vertrauen in die Weltwirtschaft stärken.

Berliner Morgenpost: Sind nach der Aufstockung die Brandmauern nun hoch genug, um einen Flächenbrand in der Euro-Zone zu verhindern?

Lipton: Das Entscheidende ist, dass die Euro-Länder ihre Hausaufgaben machen. Wenn sie die richtigen Wirtschaftsmaßnahmen auf den Weg bringen, sind die Rettungsschirme groß genug. Tun sie das nicht, gibt es keine Brandmauer auf der ganzen Welt, die jemals hoch genug sein wird.

Berliner Morgenpost: Hat Europa selbst genug getan oder sollte der europäische Rettungsfonds abermals aufgestockt werden?

Lipton: Was jetzt an Feuerkraft zur Verfügung steht – eine Billion Dollar über den europäischen Rettungsschirm, eine Billion Dollar über den IWF – reicht aus, um die Weltwirtschaft vor den heutigen Risiken zu schützen.

Berliner Morgenpost: Bis heute hat noch keine Erhöhung die Märkte beruhigen können. Warum sollte sich das nun ändern?

Lipton: Die Euro-Länder, gerade die Peripheriestaaten, haben beeindruckende Fortschritte gemacht. Das haben die Märkte registriert. Natürlich gibt es weiter Unsicherheit im Markt, wie an den zuletzt gestiegenen Zinsen für Spanien abzulesen ist. Aber auf das wöchentliche Auf und Ab der Finanzmärkte gebe ich nicht viel. Wir sind überzeugt: Die Kombination aus weitreichenden Strukturreformen, nachhaltiger Konsolidierung in einem sinnvollen Tempo und dem Errichten von Brandmauern ist der beste Weg, wieder Vertrauen herzustellen.

Berliner Morgenpost: Der IWF kann die zugesagten Gelder abrufen, wenn er es für nötig hält. Könnten die Märkte nicht nervös werden, wenn der Fonds dies nicht bald tut?

Lipton: Nein. Bereits in der Finanzkrise 2009 haben uns viele Länder Kreditlinien zugesagt. Damals hat der ganze Prozess ein paar Monate gedauert. Dieses Mal verfügen wir über mehr Erfahrung. Wir können die Gelder schnell abrufen, wenn es nötig wird.

Berliner Morgenpost: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hatte eine klare Botschaft auf der Frühjahrstagung: Europa steht nicht mehr im Fokus der Probleme. Stimmen Sie zu?

Lipton: Es ist wichtig, dass wir über die Fortschritte in Europa reden. Es gibt etliche Regionen auf der Welt, die vor großen Herausforderungen stehen. Ich würde Europa dazu zählen.

Berliner Morgenpost: Sie haben früher bei der Citibank in der Länderanalyse gearbeitet. Wenn Sie heute noch Banker wären, würden Sie in die Euro-Zone investieren?

Lipton: Auf diese Frage kann ich Ihnen keine Antwort geben. Nur so viel: Finanzhäuser schauen sich erstens genau die fundamentalen Wirtschaftsdaten eines Landes an, zweitens ob die Regierung eine glaubwürdige Wirtschaftspolitik betreibt und, drittens, wie andere Investoren handeln. Das Beste, was wir tun können, ist, die Bedingungen in Europa für Investoren so attraktiv wie möglich zu gestalten.

Berliner Morgenpost: Viele Investoren in den USA und Asien befürchten aber, dass Europa sich gerade zu Tode spart.

Lipton: Europa ist sehr wohlhabend und hat große Stärken. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass Europa nicht zum alten Wachstumspfad zurückfinden sollte.

Berliner Morgenpost: Sollte Deutschland mehr tun, um seine Binnennachfrage anzuschieben und so den Euro-Ländern Rückenwind zu geben?

Lipton: Das ist eine komplexe Frage. Deutschlands Konjunktur ist sehr stark, es herrscht nahezu Vollbeschäftigung im Land. Aber wenn wir über die Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft reden, müssen alle Länder sich die Frage stellen, wie sie für nachhaltiges Wachstum sorgen können.

Berliner Morgenpost: Das klingt wenig fordernd. Sind die Zeiten vorbei, in denen der IWF von Deutschland mehr verlangt?

Lipton: Jedes Land muss sich beim Aufstellen seines Haushaltes fragen, welchen Einfluss das Budget auf das künftige Wachstum hat. Wenn einige Euro-Länder nicht drastisch sparen, wird es keine Stabilität auf den Finanzmärkten geben. Aber wenn auf der anderen Seite Wachstum wegbricht und die Konjunktur stagniert, dann können die Länder sparen, wie sie wollen, es wird wenig nützen. Die Euro-Länder müssen sich untereinander abstimmen, was Sinn macht für die Währungsunion und was nicht.

Berliner Morgenpost: Der IWF schlägt vor, europäische Banken direkt aus dem europäischen Rettungsschirm zu rekapitalisieren. Damit würde der europäische Steuerzahler die Risiken übernehmen, ohne Gegenleistungen einfordern zu können. Warum wollen Sie dem Steuerzahler weitere Risiken aufbürden?

Lipton: Wir haben verstanden, dass in Europa Rettungsgelder ausschließlich an Länder vergeben werden, die dann Banken damit finanziell helfen können, und wir unterstützen dies. Aber mittelfristig könnte es Sinn machen, eine europäische Bankenaufsicht, einen europäischen Einlagensicherungsfonds und eine europäische Insolvenzordnung für Banken zu schaffen.

Berliner Morgenpost: Muss die Europäische Zentralbank (EZB) weiter die Feuerwehr spielen und zur Not auch wieder Staatsanleihen aufkaufen, wenn es in der Euro-Zone mal wieder brennt?

Lipton: Die EZB hat das Mandat, für Preisstabilität zu sorgen und die Stabilität des Euros zu gewährleisten. Im Moment betreibt sie deshalb eine lockere Geldpolitik, und das ist absolut gerechtfertigt. Die Preisentwicklung in der Euro-Zone ist abgeflaut, und sie könnte im nächsten Jahr weiter fallen. Außerdem stellt die EZB mit ihrer großzügigen Geldversorgung für die Banken sicher, dass die Finanzmärkte nicht kollabieren und die Rettungsmaßnahmen nicht konterkariert werden. Die EZB fährt wie bislang am besten, wenn sie ihr Mandat erfüllt.

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