18.03.2012, 07:24

Lohn-Debatte Spitzengehälter - Welcher Verdienst angemessen ist

Von Tobias Kaiser und D. Siems

Der Chef eines Dax-Konzerns erhält fast 700 Mal so viel wie eine Kindergärtnerin. Wer viel verdient, hat viele Neider. Deutschland streitet darüber, welcher Lohn angemessen ist – und ob die Eliten zu viel verdienen.

Julia Schramm hat ihren Traumberuf gefunden. Die 24-Jährige ist Erzieherin in einer Kindertagesstätte. Ihr Arbeitstag beginnt häufig um 7.15 Uhr, eine Viertelstunde später liefern die ersten Eltern ihre Kinder ab. Von da an ist Schramms Tag straff getaktet; die 25 Kinder, die sie mit ihrer Kollegin betreut, lassen ihr keine andere Wahl. Sie schnippelt Obst für das Frühstück, isst mit den Kindern, bastelt, macht Sprachübungen, liest Geschichten vor. Nach dem Mittagessen räumt sie die Spülmaschine ein, begleitet die Kleinen auf den Spielplatz, und wenn eines der Kinder in die Hose macht, kümmert sie sich darum auch. Wenn sie um vier Uhr nach Hause kommt, ist die junge Frau erschöpft. Trotzdem sagt sie: "Das ist meine Berufung, mein absoluter Traumjob." Nur beim Gehalt fühlt sie sich ungerecht behandelt. "Für das, was wir leisten, verdienen wir sehr, sehr wenig."

Julia Schramm verdient 2200 Euro brutto im Monat, davon landen netto rund 1400 Euro auf ihrem Konto. Nach der Miete bleiben ihr 900 Euro – und das bei einer Vollzeitstelle. Dabei gehört Schramm noch nicht einmal zu den Geringverdienern hierzulande: Ein Viertel aller Arbeitnehmer arbeitet für einen Niedriglohn von neun Euro oder weniger pro Stunde.

Verdienen die Eliten zu viel?

Was empfinden diese Menschen, wenn sie hören, dass der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff für den Rest seines Lebens pro Jahr einen Ehrensold von 199.000 Euro erhält? Was, wenn sie lesen, dass Volkswagen-Chef Martin Winterkorn im vergangenen Jahr mehr als 17 Millionen Euro verdient hat? Günther Jauch wurde vor laufender Kamera wegen seines Einkommens attackiert, aber die Debatte tobt nicht nur in den Talkshows, sondern auch in den Kantinen und beim Feierabendbier. Während die Gewerkschaften in diesen Tagen vehement um höhere Gehälter kämpfen, streitet Deutschland darüber, welcher Lohn angemessen und gerecht ist – und ob die Eliten hierzulande zu viel verdienen.

Der Jesuit und Sozialethiker Friedhelm Hengsbach hält große Einkommensunterschiede in der Gesellschaft für moralisch zumindest fragwürdig: "Fast jeder akzeptiert gesellschaftliche Unterschiede. Aber die größer werdende Differenz muss vor denen am unteren Rand gerechtfertigt werden. Das ist kaum möglich, wenn sogar Menschen am oberen Rand öffentlich an der Entwicklung zweifeln."

Nur bei Managern regt sich Neid

Der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, warnt allerdings davor, die Vorstandsvergütungen mit den Tariflöhnen zu vergleichen. "Der Arbeitsmarkt für Manager ist international, und an Top-Leuten gibt es weltweit keineswegs ein Überangebot", sagt der Ökonom. "In Deutschland hat kaum jemand Probleme damit, dass Schauspieler und Fußballstars Millionen im Jahr verdienen. Nur bei Managern regt sich der Neid – obwohl sie es sind, die die Arbeitsplätze schaffen." Tatsächlich werden vor allem in den USA für Konzernlenker weit höhere Saläre gezahlt. Laut "USA Today" rangierte 2010 der Chef des Medienkonzerns Viacom, Philippe Dauman, mit 85 Millionen Dollar an der Spitze. Studien zufolge verdienten die US-Bosse in dem Jahr im Durchschnitt 343 Mal so viel wie ihre Angestellten. Anfang der 80er-Jahre lag dieser Wert noch bei 42. Angesichts solcher Steigerungen fühlt sich vermutlich selbst Winterkorn unterbezahlt, schließlich erzielte sein Konzern im vergangenen Jahr einen Rekordgewinn von 11,3 Milliarden Euro.

Während er und andere Manager ihre Gehälter selbst aushandeln, sind die Tariflöhne das Ergebnis der Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern. Maßstab ist hier in der Regel die Entwicklung von Produktivität und Inflation. In Branchen mit hoher Arbeitslosigkeit wird der Verteilungsspielraum meist nicht ausgeschöpft, um Arbeitsplätze zu sichern. Die Managergehälter sind im Regelfall zu einem hohen Anteil gewinnabhängig. Der Aufsichtsrat, in dem zur Hälfte Arbeitnehmervertreter sitzen, genehmigt die Bezüge.

Verdienen die Unternehmen viel Geld, profitiert davon nicht nur das Management. Volkswagen hat ebenso wie andere deutsche Autobauer auch seine Beschäftigten mit kräftigen Prämienzahlungen am Aufschwung beteiligt. 7500 Euro bekommt jeder VW-Mitarbeiter als Erfolgsprämie. Bei Audi beträgt der Sonderbonus gar 8250 Euro. Auch die Chemieriesen Bayer (8380 Euro) und BASF (6200 Euro) gewähren einen Nachschlag. Auch die angelaufene Tarifrunde dürfte in diesem Jahr in den meisten Branchen mit einem deutlichen Plus enden. Davon, dass die Chefs alles einsacken, die Arbeitnehmer aber darben, kann also keine Rede sein.

Peter Koslowski, Professor für Philosophie an der Universität Amsterdam, hält die Empörung über hohe Einkommen für nicht gerechtfertigt: "In einem System mit Vertragsfreiheit ist jeder frei, zu zahlen, was ihm der Dienst des anderen wert ist. Der Marktpreis für Arbeit ist auch der gerechte Preis, weil er alle Zahlungsbereitschaften berücksichtigt", sagt er. Die Diskussion laufe falsch: "Es ist nicht Aufgabe des Staates, zu kontrollieren, ob jemand zu viel verdient. Er muss darauf achten, dass niemand zu wenig bekommt."

Das Durchschnittseinkommen eines Vollzeitbeschäftigten lag in Deutschland im Jahr 2010 bei 3227 Euro brutto im Monat. Wütend machen viele Angestellte die geringen Lohnsteigerungen unterhalb der Inflationsrate. Zwischen 2000 und 2010 sanken die Löhne und Gehälter aller Beschäftigten real um vier Prozent, ergab eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Auch die Gehälter einiger Dax-Chefs sanken während der Finanzkrise. Doch schon 2010 lagen sie mit durchschnittlich 4,5 Millionen Euro wieder auf dem Ausgangsniveau. Und 2011 stiegen die Vergütungen Towers Watson zufolge um satte 14 Prozent. Mancher Angestellter wäre dagegen schon mit einer Gehaltssteigerung zufrieden, die seine deutlich gestiegene Miete ausgleicht.

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