17.03.2012, 18:17

Direktinvestitionen Deutsche Konzerne zieht es wieder in die USA

US President Barack Obama speaks to shar

Foto: Getty Images

Von M. Greive und J. Hartmann

Die Konjunktur in den USA zieht an, und deutsche Unternehmen sind dabei. Die Dax-Konzerne investieren Milliarden. Sie schaffen Tausende Jobs.

Näher kann jemand der Macht kaum sein. Eric Spiegel sieht von seinem Bürofenster aus direkt auf das Capitol in Washington. Der 54-Jährige leitet seit zwei Jahren die US-Gesellschaft des Technologiekonzerns Siemens. Er gilt als exzellent verdrahtet in Amerikas Wirtschafts- und Politikelite, wohl auch, weil er früher bei der Beratungsgesellschaft Booz & Company war.

Manager wie Spiegel sorgen dafür, dass amerikanische Politiker das Engagement deutscher Konzerne wohlwollend unterstützen. Im November eröffnete Siemens ein neues Gasturbinenwerk in Charlotte, North Carolina, das auch Finanzminister Timothy Geithner inzwischen besuchte.

Immerhin hat der Konzern dort 700 neue Arbeitsplätze geschaffen. Und damit ist Siemens nicht allein: "Viele der deutschen Unternehmen bauen gerade ihre Fertigungsstätten hierzulande aus, um für den hiesigen Markt zu produzieren", sagt Benno Bunse, Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer. Bei Dienstleistern sieht es nicht anders aus. So kündigte die Deutsche-Post-Tochter DHL gerade an, 47 Millionen Dollar in den Ausbau ihres Luftdrehkreuzes am Flughafen Cincinnati/Northern Kentucky zu investieren.

Was reizt plötzlich an dem Land, das lange als so schwierig für Investoren galt? An dem Land, in dem die Deutsche Post zuvor mit Expansionsplänen scheiterte und die Telekom bislang vergeblich ihr Mobilfunkgeschäft zu verkaufen sucht? In dem Volkswagen schon einmal ein Werk schloss, weil das Geschäft nicht lief? Und wo Siemens und Daimler zig Millionen an die Börsenaufsicht zahlen mussten?

Ein Sammelsurium an Vorteilen spricht zurzeit für die Vereinigten Staaten: niedrige Strompreise; exzellent ausgebildete Forscher; hohe Flexibilität der Beschäftigten; eine Infrastruktur, die nicht gut, aber noch akzeptabel ist – und günstige Personalkosten. Gemessen in Dollar sind die US-Lohnstückkosten zwischen 2000 und 2010 um 15 Prozent gesunken, während sie in Deutschland um mehr als 40 Prozent gestiegen sind. "Zudem erhalten die Unternehmen hier häufig neben Kreditgarantien der Regierungen auch Steueranreize durch die Kommunen", sagt Bunse.

All dies bewog wohl auch Volkswagen dazu, 2011 ein neues Werk in Chattanooga, Tennessee, zu eröffnen. Im Januar erst hat VW dort 200 neue Mitarbeiter eingestellt, eine weitere Personalaufstockung erscheint angesichts des Absatzbooms wahrscheinlich. VW hat im Februar so viele Autos in den USA verkauft wie seit 1973 nicht mehr. "Die USA sind globaler Marktführer für Produkt-, Technologie- und Marketingtrends. Deshalb ist es sehr wichtig, auf dem Markt präsent zu sein", sagt Jonathan Browning, Nordamerika-Chef des Autobauers. "Letztlich hat aber das persönliche Engagement der Menschen vor Ort den Ausschlag gegeben, nach Chattanooga zu gehen."

Browning erzählt gern die Geschichte, wie Chattanooga eigentlich schon von der Standortliste gestrichen war, weil sich VW kein Werk auf dem bewaldeten Areal vorstellen konnte. Doch die Stadt versprach, binnen zwei Wochen die Bäume zu roden. Sie stellte eine eigene Kamera auf, damit die Manager in der Wolfsburger Zentrale täglich Fortschritte bewundern konnten. Neben diesen Bemühungen dürften VW auch die 580 Millionen Dollar Subventionen gelockt haben.

Im US-Fernsehen wirbt der Konzern bewusst auf Deutsch mit "Das Auto", auch Daimler preist seine Ingenieurskunst "Made in Germany" an. Das zieht bei den 300 Millionen kauffreudigen Verbrauchern in den USA. Das Land hat sich von der Krise etwas erholt. Die Wirtschaft könnte in diesem Jahr um 2,5 Prozent wachsen, zuletzt sind die Einkommen wieder gestiegen. Die Erwerbslosenquote ist in den vergangenen Monaten deutlich auf 8,3 Prozent gesunken. Im vergangenen Quartal wurden pro Monat im Durchschnitt 200.000 neue Arbeitsplätze geschaffen.

US-Automarkt brummt

Der brummende Automarkt sorgt dafür, dass auch Zulieferer wie ZF, Continental oder Bosch hohe Millionensummen in Übersee investieren. Doch nicht nur für Industrieunternehmen läuft es rund: So konnte etwa Adidas in Nordamerika seinen Umsatz 2011 währungsbereinigt um 15 Prozent steigern. Dass Investitionen in den USA dennoch kein Selbstläufer sind, zeigt das Beispiel ThyssenKrupp: Beim Bau eines neuen Stahlwerks in Alabama liefen die Kosten aus dem Ruder.

Derweil beginnen sich die Kontakte von Siemens-Mann Spiegel auszuzahlen. So erwähnte Präsident Barack Obama in seiner Rede zur Lage der Nation im Januar Siemens als vorbildlichen Investor. Jackie Bray, eine alleinerziehende und arbeitslose Mutter, habe im neuen Siemens-Gasturbinenwerk in Charlotte einen Job bekommen – auch, weil der Konzern Fortbildungskurse am College anbiete. "Ich möchte, dass jeder Amerikaner, der eine Arbeit sucht, dieselbe Chance erhält wie Jackie", sagte Obama. Der Staat ist ein wichtiger Kunde, solche Sätze haben Gewicht.

Da kann eine patriotische Geste nicht schaden. Etwa wenn Siemens sich verpflichtet, mehr als 450 arbeitslosen Veteranen aus den Irak- und Afghanistan-Einsätzen einen Job zu geben. Die Geschäftspolitik, Arbeitsplätze in den USA zu schaffen, passt zur Idee der Obama-Regierung, eine Re-Industrialisierung Amerikas voranzutreiben. Mit 60.000 Mitarbeitern der Landesgesellschaft und Werken, in denen Windkraftanlagen, Gasturbinen und Lokomotiven hergestellt werden, ist Siemens in den USA eine Größe. Dort lautet bei Ausschreibungen die Devise oft "Buy American", will heißen: Ohne Endfertigung im Land haben Firmen bei Aufträgen kaum Chancen.

Auch Mittelständler gehen über den großen Teich

Während für Siemens das Amerika-Geschäft längst Alltag ist, bereiten sich Roman und Horst Pausch, die im fränkischen Selb leben, auf den großen Sprung gerade vor. Ein halbes Dutzend Mal haben sie Besuch aus den USA bekommen. Es sind Abgesandte von Gemeinden rund um Atlanta, die die Eigentümer des Autozulieferers Rapa umschmeicheln. Sie zeigen Pläne von Grundstücken und Fabrikhallen. Sie rechnen Steuersparmodelle vor. Dabei ist Rapa kein Gigant. Es geht um eine Investition von zunächst sechs Millionen Euro und anfänglich 50 Arbeitsplätze in dem US-Werk.

In Selb am Rande des Fichtelgebirges hat Rapa sein Stammwerk mit 260 Mitarbeitern. Rapa liefert Impulsspeicher für Automatikgetriebe, die Start-Stopp-Funktionen vor der Ampel oder im Stau aktivieren. So lässt sich bis zu ein dreiviertel Liter Kraftstoff auf 100 Kilometer sparen. Da auch in den USA Spritpreise steigen und Umweltvorschriften schärfer werden, müssen die Autobauer etwas tun. So erhoffen sich die Pauschs als Zulieferer für ZF und Chrysler ein auskömmliches Geschäft.

Problem Fachkräftemangel

Doch nicht alle Unternehmen sind erfolgreich. Tengelmann-Tochter A&P scheiterte, weil es gegen den Einzelhandelsriesen Wal-Mart nicht ankam, A&P startet jetzt einen neuen Anlauf. Viele Unternehmen unterschätzen, dass die amerikanische Kultur nur auf den ersten Blick der europäischen sehr ähnlich zu sein scheint – und machen dann Fehler. Ein weiteres Problem: rechtliche Risiken. "Die unterschiedliche Rechtsprechung einzelner Bundesstaaten sowie US-Gerichtsurteile, die Drittstaaten betreffen, können für deutsche Unternehmen zu einem Pulverfass werden", sagt Thomas Zielke, Delegierter der deutschen Wirtschaft in den USA.

Ein weiterer Standortnachteil ist der zunehmende Mangel an Fachkräften. Immerhin: Das Problem hätten die USA auch dank Klagen deutscher Unternehmen erkannt, sagt Zielke. "Gerade die Ansiedlung deutscher Unternehmen hat das Bewusstsein der Amerikaner geschärft, dass die Ausbildung im Land stimmen muss, soll ihre Ansiedlungspolitik erfolgreich sein." Siemens ewa setzt auf Kooperation mit örtlichen Colleges.

Die Pauschs sind sicher, den richtigen Schritt zu tun. In der engeren Auswahl sind fünf Standorte in Georgia und Alabama. "Natürlich ist das Neuland für uns, schließlich ist das die erste Auslandsinvestition", erzählt Horst Pausch. "Aber ein Abenteuer? Hoffentlich nicht. Wir gehen da schon auf Nummer sicher." Will heißen: Die neue Firma soll rechtlich unabhängig vom Stammhaus in Selb sein, damit ein Debakel in den USA nicht das ganze Unternehmen gefährden würde. Und die Absatzmengen sind vertraglich abgesichert. Daher muss auch Ende 2013 die Fertigung starten, um die Verträge zu erfüllen. Den Maschinenpark bestellen die Pauschs jedenfalls schon jetzt.

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