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09.03.09

Welthandel kollabiert

Die Globalisierung frisst ihre Kinder

Die Wirtschaftsleistung geht nach Einschätzung der Weltbank erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg auf der ganzen Welt gleichzeitig zurück. Das trifft besonders die ohnehin schon ärmsten Entwicklungsländer. Statt Wohlstand und Arbeit bringt die Globalisierung plötzlich Armut und Elend auf allen Kontinenten.

© Imaginechina
Fertigung von Adidas-Schuhen in China

Jahrzehntelang waren Entwicklungsländer die großen Profiteure der Globalisierung. Länder wie China oder Indien stellten billig Waren her, die ihnen die Industrienationen, allen voran die USA, gerne abnahmen. Dank diesem Kreislauf entstanden Millionen von Arbeitsplätzen in Schwellenländern rund um den Erdball. Doch im Zuge der Finanzkrise ist die weltweite Nachfrage eingebrochen. Und nun leiden besonders die Entwicklungsländer unter der globalen Rezession, wie eine Analyse der Weltbank zeigt.

Laut der Studie kollabiert der Welthandel regelrecht: Die Experten befürchten für 2009 den stärkten Rückgang der internationalen Wirtschaftsvernetzung seit der großen Depression vor 80 Jahren. Allein die Industrieproduktion breche in diesem Jahr um 15 Prozent ein. Zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg droht die Weltwirtschaft zu schrumpfen. "Mit so einem starken Einbruch hatte ich nicht gerechnet", sagt Guido Koopmann, Handelsexperte am Hamburger Weltwirtschaftsinstitut.

Besonders betroffen ist Südostasien: Allein in China verloren nach Angaben der Weltbank 20 Millionen Wanderarbeiter Jobs. In Indien verschwanden allein im letzten Quartal 2008 mehr als 500.000 Stellen. Laut der Weltbank-Studie geht in 94 von 116 Entwicklungsländern das Wachstum zurück. Die Länder driften zudem in eine extreme Kreditklemme, weil sie kaum noch Geld von Privatbanken bekommen, warnten die Experten. Ihnen fehle ein Betrag in Höhe von 270 bis 700 Mrd. Euro "Diese Länder gehen durch ein ganz bitteres Tal der Tränen. Da jammern wir noch auf hohem Niveau", sagt Globalisierungsexperte Henning Klodt vom Institut für Weltwirtschaft (IfW). Denn im Gegensatz zu den Industrienationen fehlt armen Ländern das Geld, um die Krise durch Konjunkturpakete abschwächen zu können.

Die Gründe, warum die Entwicklungsländer besonders unter der Krise leiden, sind vielschichtig. Viele dieser Staaten sind besonders auf den Export angewiesen. Bricht die weltweite Nachfrage weg, kann die brach liegende Binnenkonjunktur nichts ausrichten. Gerade die USA war für viele Staaten ein extrem wichtiger Absatzmarkt, der nun langsam versiegt, da die Amerikaner sich entschulden müssen. Zudem sind viele Länder von wenigen Produkten abhängig: So leiden ölexportierende Länder stark unter dem gefallenen Preis des schwarzen Goldes. Auch ziehen Industriestaaten aus anderen Entwicklungsländern Gelder ab, um daheim die Löcher zu stopfen, die die Finanzkrise gerissen hat.

Die Entwicklungsländer bekommen nun auch zu spüren, dass ihr Anteil am Welthandel in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen ist – auf mittlerweile gut ein Drittel. Jahrelang war die stärkere Integration in die Weltwirtschaft von Vorteil: Die internationale Wirtschaftsvernetzung nahm jedes Jahr zwischen sechs und acht Prozent zu. 2007 wurden weltweit Waren im Wert von 14 Billionen Dollar gehandelt, zur Jahrtausendwende waren es nicht einmal halb so viele gewesen. "In den letzten Jahren galt die Regel: Der Welthandel marschierte voraus und zieht das Wachstum mit nach oben", sagt Klodt. Das lag seit 2002 immer zwischen drei und vier Prozent.

Jetzt aber ist das genaue Gegenteil zu beobachten, jetzt reißt der Welthandel das Wachstum mit nach unten, statt nach oben. Die Schweizer Konjunkturforschungstelle Zürich (Kof) prognostiziert für 2009 einen Einbruch des Welthandels um zwei Prozent und erwartet einen Rückgang des weltweiten Wirtschaftswachstums um 0,6 Prozent.

Um die Folgen in den Entwicklungsländern nicht zu groß werden zu lassen, fordert die Weltbank die Industriestaaten zum Handeln auf. "Sie könnten etwa Teile ihrer Konjunkturprogamme auf Entwicklungsländer ausrichten", fordert der Chefökonom der Weltbank, Justin Yifu Lin. Ökonomen sehen diesen Vorschlag allerdings mit Skepsis: "Das klingt nach einer bürokratischen Kopfgeburt", sagt Klodt. "Wenn die Industrienationen selbst wieder auf die Füße kommen, helfen die den armen Ländern am meisten."

Jan-Ebert Sturm vom Kof hält eine Hilfe für die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds für die bessere Lösung: "Sie brauchen von den reichen Staaten mehr Geld", sagt Sturm. Sonst drohe ein Gespenst aus der Vergangenheit wiederzukehren: "Ohne Hilfen werden die Staaten ihr Probleme mit der Notenpresse, also mithilfe einer Hyperinflation aus der Welt schaffen."

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Quelle: mit AP
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