14.07.2011, 15:19

Nachruf Leo Kirch – Zocker, Menschenfänger, Medientycoon

Kreise: Leo Kirch gestorben

Foto: dapd / dapd/DAPD

Von Ileana Grabitz

Leo Kirch hat die deutsche Medienlandschaft geprägt. Seine Karriere begann im Nichts – mit dem Kauf von Fellinis "La Strada".

Wie wenig sich Leo Kirch aus Protz und Statussymbolen machte, mussten auch seine Angestellten erst einmal lernen. Ende der 90er-Jahre muss es der Anekdote zufolge gewesen sein, als der Medienmanager in seiner Firmenzentrale am Rande eines Gewerbegebiets vor München neuen Teppich verlegen ließ.

Um den Status ihres mächtigen Herrn gleich am Boden sichtbar zu machen, wählten die Projektverantwortlichen einen feineren Velours für das Vorstandsbüro – wie es in vielen Chefetagen üblich ist.

Doch der Unternehmer, der meist zünftig in Strickjacke gekleidet in seinem Büro aufschlug und seine Mitarbeiter gern mit "Ihr Lieben" anredete, rebellierte gegen die Sonderstellung – und ließ den teuren Belag kurzerhand wieder herausreißen.

Nein, Standesdünkel, wie ihn viele Granden aus der Wirtschaft kultivieren, waren Kirchs Sache nicht. Höchstens alle zehn Jahre einmal gab der Medienunternehmer ein Interview.

Während sich viele Protagonisten aus der Welt der Medien nur zu gern im Blitzlichtgewitter auf roten Teppichen tummelten, hielt sich der Mann mit der eindrucksvollen Fönfrisur bis zuletzt am liebsten im Hintergrund – und beförderte so die Mythenbildung rund um seine Person zusätzlich:

Als Medienzar wurde der 1,85-Meter-Mann ehrfurchtsvoll beschrieben, als "Mr. Mystery", Zocker und Menschenfänger, als ausgeklügelter Strippenzieher und Wohltäter, auch als Trickser.

Welche Eigenschaften Kirch tatsächlich vereinte, sollen die beurteilen, die ihm nahestehen. Eines jedoch steht außer Zweifel: Dass das Land mit Leo Kirch einen seiner größten Nachkriegsunternehmer verloren hat, der den Medienstandort Deutschland mehr als viele andere geprägt und verändert hat.

Ohne Geld nach Italien

Dabei begann die Karriere des gebürtigen Franken so klein und so "self-made" wie man es sich für eine Unternehmerbiografie nicht besser wünschen kann. Zusammen mit einem Freund reiste der promovierte Betriebswirt 1956 nach Italien – 30 Jahre alt war er, ohne Geld unterwegs aber mit der fixen Idee im Gepäck, ausgerechnet im Land wo die Zitronen blühen deutsche Rechte an Kinofilmen einzukaufen.

Nur wenige Hunderttausend Fernsehgeräte gab es damals in Deutschland, entsprechend mickrig war das Programmangebot. Kirch aber hatte früher als alle anderen hierzulande erkannt, dass der Programmbedarf des Fernsehens in dem Moment drastisch steigen würde, in dem das TV Massenmedium wurde.

Wie elektrisiert muss der junge Mann daher gewesen sein, als er gemeinsam mit seinem Freund in einem italienischen Kino saß und vor ihm "La Strada", der Klassiker des italienischen Meisters Federico Fellini, auf der Leinwand abspielte.

Kirch beschloss, die Rechte an dem Film zu erwerben. Doch was fehlte, war das Geld, um das Geschäftsmodell anzuschieben – eine Zwangssituation, die der Unternehmer Zeit seiner Karriere noch oft erleben sollte.

Kirch wäre nicht Kirch, hätte er das Problem nicht auf seine Weise zu lösen gewusst. Während sein Freund am Ort weiter verhandelte, reiste der Entrepreneur zurück in die Heimat und lieh sich das Geld zusammen.

Geliehenes Geld sollte die Basis seines rasant wachsenden Medienimperiums bleiben – ein riskanter Weg, der dem Unternehmer zwar die gewünschte und viel bewunderte Marktmacht beschaffte, ihn aber auch zum Spielball der Banken werden ließ.

Die milliardenhohe Verschuldung der Kirchgruppe sollte am Ende denn auch in der Insolvenz des inzwischen zu beachtlicher Größe angewachsenen Medienimperiums münden.

Kirch geht große Risiken ein

Entsprechend war es wohl auch weniger Kirchs betriebswirtschaftlichem Augenmaß als vor allem seiner Risikofreude zu verdanken, dass sein Zwei-Mann-Unternehmen binnen weniger Jahre zum größten Fimrechtehändler Europas aufstieg.

Bereits vier Jahre nach dem Kauf der ersten Lizenz durfte Kirch die Rechte an mehr als 600 Spielfilmen sein eigen nennen. Noch dazu hatte er früher als alle anderen Kontakte ins Ausland geknüpft, allem voran in die mächtige Filmfabrik Hollywood.

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten kamen daher über Jahre hinweg kaum an dem mächtigen Unternehmer vorbei, wenn sie ihr Publikum mit internationalen Filmen verwöhnen wollten.

Der Wunsch nach mehr

Mit Filmrechten allein war Kirchs unternehmerischer Ehrgeiz allerdings bei weitem noch nicht befriedigt. "Ich wollte aus einem kleinen Kern organisatorisch etwas entwickeln, statt mein Geld für Frauen, Yachten oder Immobilien zu verpulvern", beschrieb er in einem seiner seltenen Interviews seine Motivation als Geschäftsmann.

Beseelt von dem Wunsch nach mehr stieß Kirch daher schnell in weitere Bereiche der Medienbranche vor – und leistete dort abermals Pionierarbeit. In den 80er-Jahren schrieb der Manager Fernsehgeschichte, indem er sich über seinen Sohn Thomas bei der Gründung von ProSieben einbrachte, als Mehrheitsaktionär bei Sat.1 einstieg und so mithalf, die ersten privaten TV-Kanäle hierzulande aufzubauen – als anfangs scharf attackiertes Gegenstück zu den öffentlich-rechtlichen Kanälen. Zehn Jahre später brachte er mit Premiere erstmals Bezahlfernsehen nach Deutschland – ein gewagter Schritt, der sich später zum Milliardengrab entwickeln sollte und dem Niedergang seines Medienreiches Vorschub leistete.

Kirch engagierte sich auch bei Zeitungen

Selbst ins Printgeschäft wagte sich der Bewegtbildmann vor: Bereits in den 80er-Jahren, als die Axel Springer AG ("Bild", "Welt") an die Börse ging, erwarb Kirch zunächst einen Anteil von zehn Prozent an dem Medienkonzern.

Über Jahre hinweg versuchte der Vollblutunternehmer, seine Macht innerhalb des heute größten Zeitungshauses Europas weiter auszubauen und geriet dabei auch in Interessenkonflikte mit den Verlegersöhnen Franz und Frieder Burda, die ein ähnliches Ziel verfolgten.

Am Ende setzte Kirch sich durch und stockte seine Anteile Zug um Zug auf. In den 90er-Jahren hielt er 26 Prozent an der Axel Springer AG und durfte einen Posten im Aufsichtsrat des Konzerns beziehen, später baute er seinen Anteil noch weiter - auf 40 Prozent – aus.

Doch irgendwann auf seinem ehrgeizigen Expansionskurs war dem agilen Senior die unternehmerische Fortune, auch das Augenmaß verloren gegangen. Wo jeder andere angesichts unsicherer Renditen abgewinkt hätte, schien der gewiefte Geschäftsmann um so beherzter zuzugreifen.

Wo das Geld für seine unternehmerischen Abenteuer fehlte, griff Kirch in die Vollen und finanzierte auf Pump: Allein 1999 floss dem Konzern eine Milliarden Euro zu, ein Jahr später noch einmal 4,5 Milliarden Euro.

Wiederholt war dem aus unzähligen Beteiligungen bestehenden Medienimperium das Ende prophezeit worden. 2002 schließlich war es soweit: Auch angesichts eines Schuldenbergs von mehr als 6,5 Milliarden Euro musste Kirch schließlich Insolvenz anmelden – und die größte Pleite eines Unternehmens in der deutschen Nachkriegsgeschichte hatte ihren Anfang genommen.

Kirch, der gläubige Katholik

Was der Medienmanager angesichts dieses tragischen Zusammenbruchs seines Lebenswerks empfand, ließ er sich – zumindest öffentlich – nicht anmerken.

"Der Herr hat`s gegeben, der Herr hat's genommen", sagte der gläubige Katholik damals lakonisch in einem Interview. Sein Mitgefühl galt aber seinen damals 10.000 Mitarbeitern: "Es sind nicht allein die Zahlen, die eine Firma ausmachen, es sind vielmehr die Menschen", schrieb er in einem Brief an die Belegschaft. "Nun ist mir die Führung aus der Hand genommen worden. Gottes Segen."

Zeit seines Lebens und allen beruflichen Höheflügen zum Trotz hatte sich der Unternehmer die Bodenständigkeit bewahrt, die er als Kind vom Lande mit auf den Weg bekommen hatte.

Als Sohn eines Klempners wuchs Kirch in Fahr bei Volkach in eher bescheidenen Verhältnissen auf; die Art und Weise, wie sich die Leute auf dem Dorf gegenseitig halfen, muss den Mann fürs Leben geprägt haben.

Als er später Milliarden verdiente, ließ Kirch Großzügigkeit walten: Immer wieder spendete er Teile seines privaten Vermögens an jüdische Organisationen in Israel, an Künstler, an Museen. Zwar bewohnte er eine hübsche Villa im angesehenen Münchner Stadtteil Bogenhausen und besaß ein Weingut in Franken. Von dem Prunk, mit dem sich andere Reiche umgeben, hat der Medienzar nie viel gehalten.

Kirch, der Strippenzieher

Von prominenten Freundschaften dagegen mehr. Allem voran der langjährige Ministerpräsident Bayerns, Edmund Stoiber, zählte zu den Vertrauten des Medienmanagers. Auch mit Helmut Kohl war Kirch über Jahrzehnte hinweg eng verbunden.

Wie gut die Freundschaft war, zeigte sich zuletzt daran, dass der greise Alt-Bundeskanzler Kirch anlässlich seiner zweiten Hochzeit im Jahr 2008 bat, sein Trauzeuge zu sein.

Als Kohl nach der CDU-Spendenaffäre Freunde und Anhänger um Spenden gebeten hatte, um den finanziellen Schaden für die CDU zu beheben, hatte Kirch seinerseits seinem Duzfreund eine Million Mark gegeben.

Obwohl seine Gesundheit Kirch mit zunehmendem Alter sichtliche Probleme bereitete – schon in den 60er-Jahren hatte er eine Schockdiabetes erlitten, nachdem seine Frau und sein Sohn bei einem Autounfall schwer verletzt wurden -, gönnte sich der arbeitsame Unternehmer selbst nach der Insolvenz seines Konzerns keine Ruhe.

Die Auseinandersetzung mit Rolf Breuer

Im festen Glauben daran, dass Ex-Deutsche-Bank-Chef Rolf E. Breuer die Pleite mitverschuldet hatte, indem er 2002 die Kreditwürdigkeit Kirchs öffentlich angezweifelt hatte, führte der Manager einen Feldzug gegen das größte deutsche Finanzinstitut vor Gericht. 2007 landete er seinen letzten Überraschungscoup, indem er ankündigte, fortan die Fernsehrechte der Bundesliga zu vermarkten – wozu es nach Einspruch des Kartellamts jedoch nicht mehr kam.

Seit Jahren schon war Kirch fast blind, der Körper von Diabetes gezeichnet, ein Fuß war ihm amputiert worden.

Jeder andere hätte sein Geld genommen und sich am Abend eines erfolgreichen Lebens zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn dem wohl verdienten Müßiggang hingegeben. Kirch tat dies nicht.

Fast jeden Tag noch sei er in sein Münchner Büro gekommen, berichten Geschäftspartner, im Rollstuhl saß er an seinem Schreibtisch, ließ sich die Zeitung vorlesen, Geschäftsstrategien vorstellen, vollzog Entscheidungen nach, gab Tipps, dachte mit.

Noch im März 2011 ließ er es sich nicht nehmen, persönlich vor Gericht zu erscheinen, um gegen seinen Widersacher Rolf E. Breuer auszusagen – zwar versagte ihm die Stimme, doch der Unternehmer lächelte und ließ seine Einlassungen von einer "Vorleserin" vortragen, kämpfte für seine Ziele, wie er es Zeit seines Lebens getan hatte.

Am 14. Juli 2011 starb Leo Kirch , nach 84 Jahren hat er seine letzte Ruhe gefunden.

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