11.01.2010, 06:52

Schnee-Chaos Wer zu spät zur Arbeit kommt, muss nachsitzen

Von Sabine Schmitt

Schneemassen, die das Tief "Daisy" nach Deutschland gebracht hat, behindern Millionen Berufstätige auf dem Weg zur Arbeit: Auto im Schnee versunken, glatte Gehwege, Stau auf der Straße, oder die Bahn kommt zu spät. Dies gilt aber nicht als Entschuldigung, wenn jemand unpünktlich zur Arbeit kommt.

Wer wegen des schlechten Wetters zu spät am Arbeitsplatz erscheint, bewegt sich buchstäblich auf sehr dünnem Eis. Denn wenn der Wintereinbruch nicht völlig überraschend kommt, kann der Arbeitgeber erwarten, dass seine Mitarbeiter zur vereinbarten Zeit pünktlich auf der Matte stehen.

Wie sie das bewerkstelligen, bleibt ihnen überlassen. Die Arbeitsleistung ist juristisch gesehen eine "Bringschuld" – das heißt, der Arbeitnehmer muss die Arbeit dort leisten, wohin ihn der Arbeitgeber geschickt hat. Hat der Mitarbeiter eine ungewöhnlich lange Anfahrt zur Arbeitsstelle, ist das – auch bei winterlichen Straßenverhältnissen, Glatteis und Schneemassen – sein Problem. "Das Wegrisiko liegt allein beim Arbeitnehmer", sagt Stefan Schiefer, Fachanwalt für Arbeitsrecht.

Absehbare Verkehrsbehinderungen im Winter muss ein Arbeitnehmer demnach einplanen. Liegt also draußen jede Menge Schnee oder wurde Neuschnee angekündigt, verheißt dies chaotische Straßenverhältnisse, auf die sich Verkehrsteilnehmer einstellen müssen.

Und auch aufs Scheibenkratzen beim Auto sollte aus Zeitgründen nicht verzichtet werden. Denn wer nur mit Guckloch in der Windschutzscheibe losfährt und erwischt wird, ist mit 35 Euro Bußgeld dabei. Da heißt es dann wohl oder übel, morgens früher aufzustehen und eventuell auch das Verkehrsmittel zu wechseln, um pünktlich zur Arbeit zu kommen.

Fährt man normalerweise mit dem Fahrrad ins Büro und steigt bei Winterwetter auf die Straßenbahn oder den Bus um, sollte man die Belege sammeln. "Die Fahrkosten kann man steuerlich geltend machen", sagt Steuerberater Klaus Holze.

Kommt ein Arbeitnehmer zu spät zur Arbeit kann das Konsequenzen für ihn haben. Grundsätzlich kann der Chef den Lohn für die Zeit der Verspätung kürzen – egal ob der Mitarbeiter Schuld an der Verspätung hat oder nicht. Dazu hat sich das Bundesarbeitsgericht eindeutig geäußert. "In der Regel ist das aber unpraktikabel, weil es sich um einen geringen Betrag handelt", sagt Arbeitsrechtler Schiefer. Wenn die Möglichkeit besteht, kann der Arbeitgeber jedoch verlangen, dass die Zeit nachgearbeitet wird.

Eine relativ drastische, aber durchaus mögliche, Konsequenz für das Zuspätkommen ist eine Abmahnung. Kommt ein Arbeitnehmer seinen Pflichten aus dem Arbeitsvertrag nicht nach, kann er dafür abgemahnt werden – und dazu zählt auch eine Verspätung. Wiederholte Verspätungen können dann sogar eine verhaltensbedingte Kündigung nach sich ziehen. "Dies gilt auch bei Gleitarbeitszeit, wenn wiederholt gegen die Kernarbeitszeit verstoßen wird", betont Fachanwalt Schiefer.

Der Arbeitgeber muss noch nicht einmal nachweisen, dass der Betriebsablauf gestört wurde, allein die Verspätungen reichen als Kündigungsgrund aus, hat das Bundesarbeitgericht verdeutlicht (AZ.: 2 AZR 147/00). "Allerdings sind da im Vorfeld mindestens zwei Abmahnungen zu fordern", sagt Schiefer. Ein Blick in den Arbeits- oder Tarifvertrag lohnt sich in vielen Fällen. In machen Tarifverträgen oder Betriebsvereinbarungen sind für Arbeitnehmer günstigere Regelungen bei kurzfristigen Verspätungen aus Witterungsgründen getroffen worden.

Relativ sicher vor Konsequenzen verschont bleibt ein zu spät kommender Mitarbeiter, wenn das Glatteis unvorhersehbar war und plötzlich aufgetreten ist. Auch wenn ein Zug im Nahverkehr ausfällt, ist dies ein Ereignis, das normalerweise weder regelmäßig noch vorhersehbar ist.

Allerdings sollte man sich dann eine Bescheinigung der Bahn ausstellen lassen und den Chef möglichst schnell von der Verspätung informieren, empfiehlt Arbeitsrechtler Schiefer. Auch wer in einen Unfall verwickelt wird, muss nicht mit Lohnabzug oder weit reichenden Konsequenzen rechnen. Und wenn die Autobatterie über Nacht den Geist aufgegeben hat, dann ist auch dieses Ereignis schlichtweg nicht vorhersehbar. Der Griff zum Handy und ein Anruf im Betrieb sollten jedoch unverzüglich erfolgen.

Ein kleines Trostpflaster für die Arbeitnehmer: Fällt im Betrieb die Heizung wegen eines Wintereinbruchs aus, frieren die Wasserrohre ein oder kann wegen eines Stromausfalls nicht gearbeitet werden, behält der Mitarbeiter seinen Lohnanspruch, auch wenn er seine Arbeitsleistung nicht erbringen und zu Hause im Bett bleiben kann.

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