01.01.10

Essay

Der Staat wird der Freiheit gefährlich

Noch keinem ist es gelungen, die Grenzlinie zu bestimmen, wo Tüchtigkeit und Erwerbsstreben aufhören und die Gier beginnt. Das Leben ist ein Jahrmarkt der Eitelkeiten und die Verdammung des Mammons schon alttestamentarisch. Doch Missbrauch ist eben auch der Preis der Freiheit, meint Michael Stürmer .

Foto: picture-alliance / KPA/TopFoto
So kann es gehen: Der gierige König Midas wollte, dass alles, was er anfasste, zu Gold würde. Dass man Gold nicht essen kann, bedachte er nicht
So kann es gehen: Der gierige König Midas wollte, dass alles, was er anfasste, zu Gold würde. Dass man Gold nicht essen kann, bedachte er nicht

Die Gier hatte noch niemals einen guten Ruf. Von den Kirchenvätern über die Barfüßermönche des Mittelalters, die Geißlerzüge und die Wiedertäufer bis zu den Altkonservativen von heute und den Neumarxisten zieht sich eine Litanei der Verdammung durch die Geschichte des Abendlandes, manchmal religiös verkleidet, manchmal postreligiös gewandet. In Krisenzeiten wie heute schwillt sie an zur großen Koalition aller billig und gerecht Denkenden.

Wenn die Geschäfte wieder blühen, tritt vorübergehend Beruhigung ein. Mit der Gier geht es wie mit der Schönheit: Sie liegt im Auge des Betrachters. Und noch keinem ist es gelungen, die Grenzlinie zu bestimmen, wo Tüchtigkeit und Erwerbsstreben aufhören und die Gier beginnt. Stets ist Gier das, was an anderen missfällt, weil sie das rechte Maß vermissen lassen. Was aber das rechte Maß sei, ist auf immer umstritten.

Die alten Griechen waren Meisterpsychologen, die vieles ahnten. Sie wussten auch, dass Gier am Ende sich selbst zerstört: Wie sonst wäre die warnende Geschichte des Midas zu begreifen, König der Phryger, der sich vom Gott des Weines, Dionysos, die Fähigkeit erbat, alles, was er berührte, zu Gold zu machen. Als er dem Verhungern und Verdursten nahe war, bat er Dionysos um Gnade – die auch gewährt wurde. Midas war der Zocker aller Zocker.

Gier ist ein Urtrieb, namentlich bei Nahrungsaufnahme und Kopulationsverhalten der Tiere zu beobachten. Norbert Elias hat in seiner epochalen Studie über den "Prozess der Zivilisation" dargestellt, wie die Tischsitten, der Umgang der Geschlechter miteinander, Kleidung, Protokoll und Höflichkeit Distanzen schaffen und das Animalische durch vielerlei Regularien einhegen. Sexuelle Gier wurde durch die Institution der bürgerlichen Ehe gezähmt und mit den Notwendigkeiten geregelten Erbgangs in Einklang gebracht. Weshalb es den Fürstlichkeiten aufgegeben war, um des Friedens willen legitimen Nachwuchs zu produzieren – während sie sich ansonsten keinen Zwang auferlegen mussten.

Selbst der Krieg erfuhr im 18. Jahrhundert vorübergehend eine Zähmung – vielleicht nur deshalb, weil die Soldaten zu schön und zu kostbar waren, um sie der Machtgier zu opfern. Doch zur Gier gehört nicht nur die Einhegung, sondern auch die Tendenz, die Grenzen immer aufs Neue zu testen.

Die Hypothekenkrise in den USA, mittlerweile als Anfang des finanziellen Bergrutsches identifiziert, begann mit den besten Absichten – jedem Amerikaner sein Häuschen – und mit der Erwartung, dass jenes, was so lange gut gegangen war, auch weiterhin gut gehen würde und sogar besser. So kam es zu Beleihungen zu 100 Prozent und mehr. Die lange Inflation der Hauspreise sollte die Sache am Ende richten – und der Teufel den Letzten holen. Stattdessen bewahrheitete sich zur allgemeinen Überraschung die Bauernweisheit, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. So kam es, dass die seit Bill Clinton und noch mehr unter George W. Bush staatlich geförderte wundersame Reichtumsvermehrung mehr und mehr einem spekulativen Kartenhaus glich – zusammengehalten durch die trügerischen Versprechen der "Triple A"-Zertifizierung.

Eitelkeit der Eitelkeiten, sagt der biblische Prediger Salomo über alles Irdische in seinen zeitlosen Weisheitssprüchen. Die Verdammung des Mammons ist bereits alttestamentarisch, und schon zu den Zehn Geboten gehört das Verbot, nach des Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh zu gieren. Mammon ist, nicht anders als der Teufel, Gegenbild zu der kosmischen Ordnung Gottes. Das Goldene Kalb verkörpert Abkehr vom unsichtbaren Gott und Rückfall ins Heidentum, und wenn nicht Moses beim Allmächtigen ein gutes Wort eingelegt hätte, wäre das abtrünnige Volk vertilgt worden. Höllenstrafen stehen auf die Anbetung des Geldes, das doch zugleich Handel und Wandel erst ermöglicht. Wie also die Balance finden?

Viele sind berufen, wenige sind auserwählt. Der heilige Franz (1181–1226) war ein reicher Geck aus Assisi, der in Samt und Seide daherstolzierte, wie es des Landes Brauch war, bis er eines Tages sich zu Sack und Asche bekehrte und einen Orden stiftete. Das Armutsideal des mönchischen Lebens war verbunden mit dem "Bete und arbeite". Aber das waren die Extreme, und nebenbei hatte die Klosterkultur des Mittelalters auch noch Funktionen der militärischen Reichsorganisation zu übernehmen wie auch die Versorgung unverheirateter adliger Töchter, nicht zu reden von der Armenpflege.

Die Puritaner aller Zeiten dagegen suchen eine Balance der Normen. Max Webers berühmte Abhandlung hat die Synthese zum Gegenstand zwischen der Ethik des Puritanismus und dem Geist des Kapitalismus. Gewinn zu haben war für die Puritaner gottgefällig, solange man sich nicht mit der Welt allzu sehr einließ. "Segen Gottes" – so verbuchten die Herrnhuter, Puritaner strenger Observanz, den Jahresgewinn, ohne sich vor der Vermengung des Weltlichen und des Göttlichen zu scheuen. Der soziale Frieden wurde durch genossenschaftliches Bankwesen, Versorgungswerke für Alte, Witwen und Waisen gehalten, und im Übrigen war der Glaube an die spirituelle Präsenz des Erlösers stark genug, Mäßigung im Erwerb, Redlichkeit im Handel, gerechten Preis und Gewerbeaufsicht im Gewissen jedes Einzelnen zu verankern. Schwierig wurde es freilich, wenn Krieg oder Hungersnot die Konjunktur einbrechen ließen – war das die Strafe Gottes, Aufruf zu Umkehr und strenger Buße?

Wie auch immer die Antwort der Frommen, das Muster wiederholt sich, wenngleich in säkularisierter Form, bis in die Gegenwart. "Tut Buße", hallt es gegenwärtig von allen Predigtstühlen, politischen und anderen.

Das frühe Industriezeitalter in England suchte nach weltlicher Sinnbestimmung, dem größten Glück der größten Zahl und dem Ausgleich zwischen Gier und Gemeinnutz. Die Antwort fand sich nicht bei Gott, sondern im Geiste der Aufklärung in Adam Smith' Lehre von den "unsichtbaren Händen" des Marktes. Diese würden von selbst, allerdings unter der Voraussetzung fester Währung, strenger Gesetze und funktionierender Verkehrswirtschaft, aus der Summe der Individualinteressen das allgemein Beste hervorbringen.

Der geistesverwandte Königsberger Großdenker Immanuel Kant steuerte als Regulativ des Marktes und der Gier die Forderung bei, das Handeln jedes Einzelnen solle so beschaffen sein, dass es jederzeit Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung sein könne. Doch wusste Kant auch, dass es der Gesetze bedarf, da nicht alle Menschen gleichermaßen sich des Guten befleißigen. Das altrömische "Trau, schau, wem" ("Fide sed vide") reicht bis in die Regulierung der Finanzmärkte.

In ihrer Unabhängigkeitserklärung hatten die nordamerikanischen Rebellen 1776 bereits den Katalog der Aufklärungswahrheiten aufgeblättert. Keine darunter wichtiger als "das unveräußerliche Recht auf die Suche nach dem Glück". Es ging nicht mehr um alte Freiheiten, Privilegien und ständische Ausnahmen: Es ging um die ethische Begründung einer freien Gesellschaft, die allerdings – wenig später hat Hegel davor gewarnt – Kräfte der Maßlosigkeit und der Selbstzerstörung in sich trug und trägt. Missbrauch ist der Preis der Freiheit.

Die Harmonie war in der Tat von kurzer Dauer.

Karl Marx beobachtete das Krisenstakkato seiner Epoche von der Französischen Revolution zu den gemeineuropäischen Hunger- und Gewerbekrisen von 1830, 1848 und 1856/57. Statt der alten Bußpredigt schrieb er eine Kampfansage an die Welt des Geldes und der Gier: "Das Kapital". Dass er damit der Menschheit einen bleibenden Dienst erwies, ist indes bis heute umstritten. Es war die Lehre eines düsteren Pessimismus, eingeschlossen Armut, Unterdrückung und das unerbittliche letzte Gefecht. Die rote Fahne hat die Farbe des Blutes.

Das Recht auf die Suche nach dem Glück klang in allen europäischen Staaten ähnlich: "la recherche du bonheur", "the pursuit of happiness". Daraus entstand der moderne Freiheitsbegriff. Ein fernes Echo klingt im Grundgesetz nach, wo es die "Würde des Menschen" für unantastbar erklärt und die "freie Entfaltung der Persönlichkeit" verspricht. Die gegenwärtige Krise der Weltwirtschaft ist transformatorisch. Es besteht große Gefahr, dass das Recht auf die Suche nach dem Glück erdrückt wird unter dem Gebirge von Kontrollen, Prüfungen und Genehmigungen, an denen die Staaten jeder für sich arbeiten. Heute sieht jedermann die Gefahr in einem entfesselten Markt. Dabei ist es der Staat, der der Freiheit gefährlich wird.

So haben sich die besten Anlagen entwickelt
Die Wertentwicklung einzelner Anlageklassen im Laufe des Jahres 2009
Aktienfonds Brasilien: 143,0 Prozent
Aktienfonds Norwegen: 98,0 Prozent
Silber: 51,0 Prozent
Aktienfonds Deutschland Nebenwerte: 35,0 Prozent
Wandelanleihenfonds: 33,0 Prozent
Unternehmensanleihenfonds: 26,0 Prozent
Aktienfonds Deutschland Standardwerte: 22,0 Prozent
Gold: 22,0 Prozent
Mischfonds: 17,0 Prozent
Deutsche Staatsanleihen (Rex): 5,3 Prozent
Festgeld (12 Monate): 3,7 Prozent
Offene Immobilienfonds: 2,1 Prozent
Tagesgeld: 1,7 Prozent
Euro-Geldmarktfonds: 0,8 Prozent
Sparbuch: 0,7 Prozent
US-Staatsanleihenfonds: 0,6 Prozent
US-Geldmarktfonds: - 2,5 Prozent
Japanische Staatsanleihenfonds: - 6,0 Prozent
Quellen: FMH-Finanzberatung, Morningstar
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