Reuters
Es begann mit 45 Tauben
Die traditionsreiche Nachrichtenagentur Reuters wird verkauft. Wirtschaftsmeldungen wie diese haben die Nachrichtenagentur groß gemacht.
Von Sven Felix Kellerhoff
Wissen ist wertvoll. Wer als erster über brisante Informationen verfügt, kann damit Geld verdienen – und zwar nicht erst, seit die Börsen den Götzen "Shareholder value" anbeten. Statt gelegentlich Informationen in Gewinn umzusetzen, kann auch mit dem Transport von aktuellem Wissen Umsatz machen - und das regelmäßiger und mit deutlich kleinerem Risiko. Bertolt Brechts Frage "Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?" gilt auch für das Nachrichtengeschäft.
Als einer der ersten hat das Israel Beer Josaphat erkannt. Der 1816 geborene Sohn eines Rabbiners lebte seit 1840 in Berlin und verlegte Broschüren – was 1848 gefährlich wurde, als nach der gescheiterten Revolution die preußische Obrigkeit die Zügel anzog. Josaphat, der sich 1845 hatte taufen lassen und nun Paul Joseph Reuter hieß, ging wie viele demokratisch gesinnte Deutsche ins Exil.
In Paris begann Reuter, bei der weltweit ersten Nachrichtenagentur zu arbeiten, die der Franzose Charles-Louis Havas 1835 gegründet hatte. Havas’ Idee war einfach: Er stellte französischen Zeitungen Informationen zur Verfügung, die aus fremdsprachigen Blättern entnommen und übersetzt wurden. Als in jenen Jahren die ersten Telegrafenstrecken eingeweiht wurden, expandierte das Geschäft mit Informationen stark.
Doch noch hatte das Nachrichten-Netz viele Lücken, und genau das wurde für Reuter zur Chance seines Lebens. So gab es 1849/50 noch keine Verbindung zwischen dem belgischen und dem deutschen Telegrafennetz. Also überbrückte Reuter die Lücke zwischen Brüssel und Aachen mit Brieftauben, anfangs 45 und schließlich rund 200 Tieren. Sie waren sechs Stunden schneller als die Nachrichtenübermittlung durch Kuriere in Zügen. In Aachen entstand damit die Keimzelle für die weltweit wohl bekannteste Agentur, die nach ihrem Gründer Reuters heißt.
Der größte Feind im Nachrichtenbusiness war schon damals der technische Fortschritt: Bereits ein Jahr nach der Einrichtung der Brieftauben-Strecke wurde die Lücke im Telegrafennetz zwischen Deutschland und Belgien geschlossen, und damit war Reuters erstes eigenes Geschäft am Ende.
Der findige Nachrichtenhändler siedelte im Oktober 1851 nach London über und eröffnete in der Börse ein Büro, das der Hauptstadt des British Empire alles Wissenswerte zur Verfügung stellte. Am Anfang war seine Agentur klein; einziger Angestellter war ein elfjähriger Botenjunge. Kurz darauf ging das erste Untersee-Kabel zwischen London und Paris in Betrieb, und Reuter versorgte fortan seine Kunden in beiden Hauptstädten zweimal täglich mit den Eröffnungs- und Schlusskursen der anderen Börse. Das Geschäft entwickelte sich glänzend, so dass Reuter in Europas Hauptstädten Büros eröffnete, sobald sie ans Telegrafennetz angeschlossen wurden – er hatte die Maxime ausgegeben: "Folgt dem Kabel!" Seine Innovation machte Reuter nicht nur reich, sondern auch zum Baron, geadelt vom Prinzgemahl Queen Victorias.
Im Gegensatz zu Havas oder dem deutschen Konkurrenten Bernhard Wolff konzentrierte sich Reuters Telegraphic Bureau von Anfang an auf Wirtschaftsnachrichten; politische Informationen liefen eher nebenbei mit. Denn nicht immer konnten seine Kunden daraus so viel Gewinn ziehen wie im April 1865, als ein Reuters-Mitarbeiter in Cork (Irland) das Postschiff aus Amerika erwartete und so als erster die Nachricht vom tödlichen Attentat auf US-Präsident Lincoln ins europäische Nachrichtennetz einspeisen konnte.
Bis heute stehen bei Reuters die Finanzinformationen im Vordergrund; die allgemein politischen Berichte an Zeitungen machten 2006 nur rund sechs Prozent des Gesamtumsatzes von 3,8 Milliarden Euro aus. Mit der gestern beschlossenen Fusion von Reuters und dem kanadisch-amerikanischen Informationskonzern Thomson wird die Bedeutung solcher Nachrichten im Angebot von Reuters weiter sinken. Aber das ist, ausnahmsweise einmal, durchaus im Sinne des Gründers.
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