Verzweiflung
Viele Menschen zerbrechen an der Finanzkrise
Tragischer Tod eines erfolgsverwöhnten Unternehmens: Der durch Fehlspekulationen in Bedrängnis geratene Milliardär Adolf Merckle hat sich vor einen Zug geworfen. Er wollte nicht leben mit dem Stigma des Zockers und Verlierers. Die Finanzkrise treibt viele Menschen zu Verzweiflungstaten.
Die wirtschaftliche Notlage seines Firmenimperiums trieb den schwäbischen Milliardär Adolf Merckle in den Freitod. Der 74-jährige Unternehmer warf sich in der Nähe seines Heimatortes Blaubeuren-Weiler bei Ulm vor einen Zug und war auf der Stelle tot. Nach Darstellung seiner Familie zerbrach Merckle an finanziellen Problemen. "Die durch die Finanzkrise verursachte wirtschaftliche Notlage seiner Firmen und die damit verbundenen Unsicherheiten der letzten Wochen sowie die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, haben den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen", erklärten die Angehörigen.
Die Finanzkrise: Was als beinahe abstraktes Spektakel an der Wall Street begann, hat auf tragische Weise den Alltag erreicht. Hausbesitzern droht die Zwangsräumung, Banker verlieren ihren Job, Milliardäre ihr Vermögen. Die Wirtschaftskrise hat viele Menschen ruiniert, andere seelisch gebrochen – und einige in den Tod getrieben.
Am Donnerstag, den 25. September 2008, gab Kirk Stephenson wie jeden Morgen seiner Ehefrau und seinem achtjährigen Sohn nach dem Frühstück einen Abschiedskuss. Dann verließ er die 4,6 Millionen Euro teure Villa im edlen Londoner Stadtteil Chelsea. Doch statt ins Büro steuerte der 47-Jährige zu einem Bahnhof außerhalb Londons. Er parkte, stieg die Stufen zum Gleis hinauf und sprang. Stephenson war sofort tot, als der Zug über ihn hinwegraste. Freunde sagten später, der Private-Equity-Manager sei unter dem Arbeitsstress zerbrochen. Bis zu seinem Tod war Stephenson Vorstandsmitglied des Finanzinvestors Olivant Advisers. Die Firma hatte durch Fehlinvestitionen in Banken in den vergangenen Monaten dreistellige Millionenbeträge verloren. Stephenson selbst hatte keine Schulden, nur Kummer.
In Los Angeles erschoss im Oktober ein verzweifelter Finanzmanager seine Ehefrau, seine drei Kinder und seine Schwiegermutter, bevor er Selbstmord beging. Der Mann hinterließ drei Abschiedsbriefe, in denen er seinen finanziellen Ruin erläuterte.
Auch der Gründer eines im Madoff-Skandal geschädigten Investmentfonds nahm sich offenbar das Leben. Der 65-jährige Franzose wurde tot in seinem New Yorker Büro gefunden. Der Mitbegründer des Fonds Access International habe sich die Pulsadern aufgeschnitten und möglicherweise Schlaftabletten genommen. Er hatte Millionen an den Börsenbetrüger Madoff verloren.
Eine 90-jährige Amerikanerin schoss sich im Herbst während der Zwangsräumung ihres Hauses in die Brust – und überlebte ihren Protestselbstmordversuch. Die Tat erregte die Öffentlichkeit ausreichend, um die Bank zum Verzicht auf die Räumung zu bewegen. Und zum Verzicht auf die Zahlung der Resthypothek.















