05.02.13

Online-Kriminalität

Auch vor Sachsen machen Cyber-Gangster nicht halt

Die "arte"-Dokumentation "In den Fängen der Internet-Mafia" versucht der internationalen Cyber-Kriminalität auf den Grund zu gehen und zeigt auch: Selbst Mac-User sind vor Cyber-Attacken nicht immun.

Foto: MDR/TVNTV

Er jagt Netz-Verbrecher: Eric Strom ist Leiter der Cyber-Abteilung des FBI. In der Arte-Sendung „In den Fängen der Inernet-Mafia“ tritt auch...

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"Das Internet ist eine große Stadt, es gibt schöne, aber auch dunkle Ecken und kleine dunkle Straßen. Wenn sich eine Person dort verirrt, kann ihr Schlimmes zustoßen." Dmitri Rudakov, Polizeiinspektor der estnischen Kriminalpolizei, fasst mit seinem Vergleich schon die ganze These der "arte"-Dokumentation "In den Fängen der Internet-Mafia" (5. Februar, 20.15 Uhr, arte) zusammen. Und ist gleichermaßen wie der 75-Minuten-Film unspezifisch, beunruhigend, wenig hilfreich. Am liebsten möchte man direkt offline gehen.

Die Dokumentation versucht der internationalen Cyber-Kriminalität auf den Grund zu gehen, den Viren, Würmern und Trojanern, mit denen Verbrecher dem Internetnutzer ans Geld wollen. Weltweit fanden im Jahr 2001 über die Datenleitung mehr als 5,5 Milliarden Cyber-Angriffe auf große und kleine Rechner statt, ein Anstieg um 81 Prozent.

In Deutschland waren es fast 60.000 bekannt gewordene Fälle von Internetkriminalität. Grund für "arte" der Frage nachzugehen, warum uns Internet-Gangster so leicht übers Ohr hauen können, wer sie sind und wer sie bekämpft.

Schadsoftware untergejubelt

Es kann jeden treffen - das ist das Mantra des Films. Als Beweis wird die 67-jährige Leipzigerin Ursula H. gezeigt. Sie wollte nur ein wenig Geld verdienen und fiel so auf die Email eines windigen Italieners namens Franco Martini herein: Er bat sie schriftlich darum, ein Girokonto zu eröffnen und ihm die Zugangsdaten und TANs zu schicken. Er würde es ja selbst machen, sei aber immer auf Reisen. Für die Hilfe würde sie dann 600 Euro im Monat erhalten. Und plötzlich war sie Geldwäscherin. Dahinter steckte ein Bande, die in einem scheinbar normalen Internetshop Waren anboten: User kamen, bestellten, zahlten, doch erhielten nie die Ware. Denn die gab es gar nicht.

Ein Schummelshop! Errichtet von "Cybergangstern einer Schattenwelt, das sich wie ein Spinnennetz um den ganzen Globus legt", warnt die Erzählerstimme. Jeder achte Deutsche sei beim Online-Shopping bereits betrogen worden, sie erhalten nie das Bestellte oder ihnen werde Schadsoftware untergejubelt. "Eine Underground Economy, die zur Bedrohung der realen Geschäftswelt geworden ist." Die Wortwahl im Film wird im Laufe immer dramatischer, immer absurder.

So fallen die Leidtragenden zum Beispiel auf verführerische Angebote im Internet herein, mit der die Kriminellen fortan jedes Passwort, jede E-Mail, jede Banktransaktion im Internet ausspionieren können.

Chatten mit den Online-Gangstern

Die Geschichte folgt hauptsächlich dem deutschen Kriminalhauptkommissar Mirko Manske, der für das Bundeskriminalamt (BKA) nach Cyberverbrechern sucht. Seine Methode: Er geht in die "Gangster-Netzwerke" und chattet mit ihnen, tut so, als sei er ein interessierter Käufer von gestohlenen Kreditkartendaten. Er handelt sogar und erhält für 450 Euro 600 Kreditkarten-Datensätze. Nicht schlecht. Wie dann weiter ermittelt wird, wird nicht ganz klar. Und was er damit macht, auch nicht.

Die Doku lässt den Beamten auch allerlei Kunststücke vorführen: So legt er mit ein paar Maßnahmen die Internetseite des BKA lahm und spielt via Facebook einen Trojaner auf den Rechner seiner Kollegin: daraufhin sieht er alles, was sie am Computer sieht, tippt und hört.

Nebenher macht der Film noch etwas Werbung für das Computersicherheitsunternehmen Symantec. Eine Managerin darf erklären, dass der Anbieter von Anti-Viren-Software täglich etwa 15.000 neue Bedrohungen entdecke, sie innerhalb von Stunden besiege und mit Behörden arbeite. Die hauseigene Bedrohungsstudie klingt schockierend: "Es gab letztes Jahr 400 Millionen neue Schadprogramme, 85 Millionen Identitäten wurden gestohlen." Gespaltene Identitäten wurden sicherlich nicht einmal mitgezählt.

Und es wird noch schlimmer, ein neuer Virus: "Flashback", diese Schadsoftware bedrohe nur Mac-Nutzer. "Das ist die größte Bedrohung für Rechner mit dem Mac-Betriebssystem, die wir je gesehen haben", erklärt die Symantec-Managerin. "Es gibt mindestens 600.000 infizierte Mac-Computer." Was Flashback wolle, wisse man aber noch nicht.

Alfred M. aus Leipzig wurde zum "Paketagenten"

Mittlerweile steckten hinter der Cyberkriminalität keine einzelnen Programmierer mehr, sondern große Geldgeber, die Programmierer anheuern. Die Geldgeber hätten größere Ziele als das Beschädigen eines Computers. So wurde sogar das Computernetz des Elysee-Palastes gehackt.

Dabei seien die Rechner aller wichtigen Berater des Präsidenten geknackt worden. Und in Deutschland seien angeblich bereits zwei Drittel aller Unternehmen Opfer von Hackattacken geworden. Damit liegt die Bundesrepublikauf Platz zwei, hinter den USA und vor Frankreich.

Und ganze vorne dabei offenbar Sachsen: Denn auch der zweite hinreichende Beweis, dass jeder von uns im "Netz der Internet-Mafia landen kann", ist ein Opfer aus Leipzig: Alfred M. In Sachsen scheint das Opferpotenzial für Cyberkriminalität besonders groß zu sein.

Alfred M. wurde zum sogenannten "Paketagenten". Er meldete sich auf eine Jobanzeige, die ihm 2000 Euro pro Monat versprach, er müsste nur Pakete erhalten und weitersenden. Vorkenntnisse: keine.

"Das muss einen stutzig machen"

"Das muss einen stutzig machen", sagt BKA-Hauptkommissar Mirko Manske. Hätte das Alfred M. mal vorher gewusst. Die Verbrecher, denen er zum Opfer fiel, gingen so vor: Mit gestohlenen Kreditkartendaten bestellten sie im Internet Waren und ließen die zu Alfred M. liefern.

Der war angehalten, die Pakete schlicht an verschiedene Adressen weiterzuleiten, unter anderem nach Estland, wo das Team auf Inspektor Rudakov trifft.

Doch leider mag er, für die Reporter total unverständlich, nicht über laufende Ermittlungen reden. Über das Internet weiß er nur: "Wer sich nicht auskennt, dem kann Schlimmes widerfahren." Besonders scheinbar als Sachse.

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