04.02.13

Kultmarke

Warum Apple-Kunden ihr iPhone "Baby" nennen

Apple-Geräte kosten oft mehr als das Doppelte des Einkaufswerts. Eine ARD-Doku versucht zu erklären, was im Kopf der Käufer geschieht – und filmt mit versteckter Kamera bei den Zulieferern.

Foto: dpa

Ein iPhone 5 in einem Geschäft in New York
Ein iPhone 5 in einem Geschäft in New York

Wie viel ist ein iPhone wert? Wie viel ein iPad? Wie hoch schätzen die Fans der Marke die Geräte mit dem Apfel, wie hoch ist der Markenwert? Der westdeutsche Rundfunk versucht sich für die ARD daran, sich in einem "Markencheck Apple" dem Mythos um die kalifornische Elektronikmarke zu nähern.

Die Dokumentation schaut Fans nach zwölf Stunden Schlange-Stehen vor dem Store zu und zeigt Studenten, die beim Auspacken ihrer neuen iPhones die Tränen der Rührung kaum zurückhalten können.

Die Reporter hinterfragen geschickt, ob der Kult um die angebissene Frucht nicht bereits sektenhafte Züge hat, und zeigt auch die dunklen Seiten der iPhone-Produktion: Mit versteckter Kamera filmte ein WDR-Team in China Arbeiter, die bei Auftragsfertigern im Akkord zu Stundenlöhnen um ein Dollar 60 Stunden pro Woche Apple-Geräte bauen.

"Eine Woche ohne Apple"

"Wie wäre das, eine Woche ohne Apple", fragen die WDR-Reporter Passanten in der Kölner Fußgängerzone. Antworten wie: "In unserer Familie? Ein Voll-Albtraum!" entlarven, wie kritiklos die Nutzer inzwischen von ihren Geräten abhängig sind, wie hoch sie ihren Alltagswert einschätzen – und wie viel sie dafür zu bezahlen bereit sind.

Ein eigener Blick in die Analysen des US-Zulieferer-Spezialisten IHS iSupply zeigt: Apple schafft es, seinen Fans pro Gerät mehr als das Doppelte des Einkaufswertes der Komponenten abzuknöpfen. Die Teile für ein iPhone 5 mit 16 Gigabyte Speicher etwa berechnet iSupply mit 199 Dollar – Apple ruft für das Gerät im hauseigenen Online-Store 679 Euro auf.

Das iPhone mit 64 Gigabyte Speicher bepreist Apple mit satten 899 Euro, der zusätzliche Speicher kostet den Konzern im Einkauf jedoch nur 31 Dollar. Preissenkungen der Komponenten gibt Apple nicht weiter – so halbierte sich etwa der Preis für Speicherbausteine auf dem Weltmarkt in den vergangenen zwölf Monaten, der Preis des iPhone dagegen stieg in Europa an.

160 Prozent Aufschlag beim iPad Mini

Die Herstellung von Apples 7-Zoll-Tablet iPad Mini kostet laut iSupply 198 Dollar, die Kunden zahlen 329 Dollar und damit einen Aufschlag von über 160 Prozent. Die Konkurrenz von Amazon und Google bleibt mit ihren vergleichbaren 7-Zollern unter der 200-Euro-Marke.

Warum zahlen die Apple-Kunden relativ kritiklos die Premiumpreise, die die Konkurrenz nicht in gleichem Maße durchsetzen kann? Die WDR-Reporter zeigen Nutzer, die verstohlen ihre Geräte streicheln – und schleift diese dann in den Magnetresonanztomografen (MRT) des Berliner Neuropsychologen Jürgen Gallinat. Dort sehen diese im Wechsel Samsung- und Apple-Produkte, während der MRT ihre Hirnaktivität vermisst.

Das Ergebnis verblüfft: Während die Samsung-Smartphones vor allem Hirnareale ansprechen, die für vernunftbetonte Entscheidungen verantwortlich sind, rufen Apples iPhones eine deutlich emotionalere Reaktion an komplett anderer Stelle im Hirn hervor.

Der Zauber bei der Apple-Aktie ist verflogen

Mehr noch, ihr Anblick regt das Gehirn dort an, wo laut Gallinat normalerweise die Wiedererkennung von emotional assoziierten Gesichtern – also von Verwandten oder Freunden – beheimatet ist. "Vielleicht kann man da eine Parallele dazu ziehen, dass manche sagen: Das iPhone ist mein Baby", analysiert Gallinat im ARD-Interview.

Lange Zeit schien dieser Zauber auch bei den Käufern von Apple-Aktien zu wirken – doch in den vergangenen fünf Monaten ist der Zauber der Marke zumindest an der Börse arg angeschlagen: Apples Aktien verloren über 30 Prozent ihres Wertes, zuletzt verlor die Firma gar die Position als wertvollstes Unternehmen der Welt: Exxon hatte den Titel am 25. Januar zurückerobert.

Analysten fürchten, dass die Kunden, die aktuell noch Premiumpreise für Apple-Geräte zahlen, künftig preisbewusster entscheiden. Mehr als die Hälfte der Umsätze hängen zudem von einem Produkt ab – sollte die Magie des iPhones in seinem sechsten Jahr nachlassen, wären alle Prognosen für die weitere Entwicklung der Marke hinfällig.

Die ARD wählt für ihren Markencheck also einen sensiblen Zeitpunkt – und droht zudem, mit dem Blick nach China hierzulande das Image der Marke weiter anzukratzen. Was genau die Aufnahmen der versteckten Kameras in den Akkordfabriken in China zeigen, welche Erkenntnisse wirklich neu sind, analysiert die Berliner Morgenpost heute Abend nach der Ausstrahlung.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
US-German investor Nicolas Berggruen add
20.05.13Karstadt
Nicolas Berggruen – der entzauberte Milliardär

Der Kaufhauskonzern hat wieder große Probleme. Nicolas Berggruen, der lange als Retter gefeiert wurde, ist nicht ganz schuldlos. Eine Zwischenbilanz. mehr...

Astronomie
20.05.13Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Dienstag

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Dienstag, den 21. Mai. mehr...


Ein Großaufgebot der Polizei suchte nach dem Mädchen.
20.05.13Hellersdorf
Vermisstes Mädchen wieder aufgetaucht – Sharlyn wohlauf

Mit einem Großaufgebot wurde die achtjährige Sharlyn aus Hellersdorf stundenlang gesucht. Am späten Abend gab es dann Entwarnung: Die Kleine tauchte kurz nach 22 Uhr plötzlich wieder zu Hause auf. mehr...


Die kilometerlangen Rohrleitungen gehören zur Brandschutzanlage des BER-Terminals. Erst wenn sie stabil funktioniert, darf der neue Flughafen eröffnet werden
20.05.13Sprinkleranlage
Am BER tut sich was – Erstes Umbauprojekt seit Mehdorns Antritt

Wann der BER eröffnet, ist noch immer völlig unklar. Nun soll zumindest ein großes Manko beseitigt werden: Die Sprinkleranlage wird umgebaut, statt einer zentralen soll es drei separate Anlagen geben. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Multimedia
iPhone 6

So könnte das neue Apple-Smartphone aussehen

Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Umzug Karneval der Kulturen 2013 - Berlin ist bunt
Unwetter Starke Tornados wüten in vier US-Bundesstaaten
Der Futiklub Absolutely Ferguson
Zeit für Neues Beckham beendet seine aktive Fußballkarriere
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Zweite Liga

Die Aufstiegsfeier von Hertha

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote