19.01.13

Event

"Berlin ist die kreativste Stadt für Start-ups"

Bei der "hy!Berlin" trafen sich Gründer und Investoren in der Hauptstadt, um über Start-ups zu diskutieren. Das Besondere an Berlin sei die Magie der noch jungen Community, loben Teilnehmer.

Von Jürgen Stüber
Foto: Glanze

Im Trend: Die Gründer von Smaragdgrün, Fabian Lindenberg, Anna Yukiki Bickenbach und Ralf Gehrer. Ihre App belohnt umweltfreundliches Verhalten
Im Trend: Die Gründer von Smaragdgrün, Fabian Lindenberg, Anna Yukiki Bickenbach und Ralf Gehrer. Ihre App belohnt umweltfreundliches Verhalten

Es ging um das Netz und das Netzwerken. Zwei Tage lang trafen sich 150 Experten der Internetwirtschaft und der deutschen Start-up-Szene. Bei "hy! Berlin", dem wohl wichtigsten Start-up-Event der Hauptstadt, wurde debattiert und gefeiert. Zum Finale der Veranstaltung sollen die besten Start-ups gekürt und ausgezeichnet werden. Drei Sieger fahren dann ins kalifornische Silicon Valley.

Eine "Luftaufnahme der Berliner Start-up-Szene" hatten die hy!-Organisatoren Aydogan Ali Schosswald und Hans Raffauf den Teilnehmern versprochen. Sie und ihr Team haben mit dem Konzept für die hy! Neuland betreten. Sie fuhren die 150 Teilnehmer von Event zu Event quer durch die Stadt: vom Soho-House zum Hamburger Bahnhof, zum Fernsehturm, zum Betahaus, zum Radialsystem – und abends in diverse Clubs.

Überall gab es neue Einblicke und neue Themen. Eine logistische Meisterleistung angesichts des engen Zeitplans. Die hy! solle anders sein als viele Veranstaltungen, bei denen sich die Teilnehmer nur mit sich selbst beschäftigen. "Wir wollen das Start-up-Event Nummer Eins in Berlin werden", sagt Schosswald.

Aber wo steht überhaupt das Berliner Eco-System? Das war eine der zentralen Fragen, die immer wieder gestellt wurde. "Wir sind auf einem klaren Weg, Berlin neben London und Stockholm als ein europäisches Start-up-Zentrum zu etablieren", sagt der Investor Klaus Hommels. "Es gibt erfolgreiche Unternehmen mit klaren Ideen. Die Szene ist mutiger geworden und effizienter." Das lebendige und kreative Umfeld ziehe Gründer aus aller Welt an.

Europäisches Ecosystem

"In Berlin wird kein zweites Silicon Valley geschaffen", sagt einer, der es wissen muss. Stefan Glänzer ist Gründer und Investor, arbeitete in Berlin und lebt seit Jahren in London. "Wir werden es schaffen müssen, eine Brücke von der Berliner Kreativität zum weiter entwickelten Londoner Ecosystem zu schlagen", sagte er. Dann bestehe die Chance, etwas neues zu schaffen.

Ähnlich argumentiert auch Thomas Madsen-Mygdal, ein Däne, der in mehrere Berliner Start-ups investiert hat. "Wir müssen uns darauf konzentrieren, ein europäisches Ecosystem aufzubauen", sagte er. Es sei vollkommen egal, ob ein Start-up in Berlin beheimatet sei oder in London.

Das Besondere an Berlin sei die Magie der noch jungen Community, die Offenheit und Vernetzung ihrer Akteure, die kreativen Schwingungen der Stadt. Dass Start-ups nur wegen der niedrigen Lebenshaltungskosten nach Berlin kommen, hält er für Unsinn. "Das muss an etwas Substanziellerem liegen."

Da stimmt ihm Florian Meissner zu, der Gründer der Berliner Fotoplattform EyeEm: "Es ist hier so einfach, Verbindungen zu knüpfen. Berlin ist die kreativste und dankbarste Stadt für Start-ups." Und Schuyler Deerman, Gründer der Messaging-App "Moped", sagt: "Start-ups sind Teil der Geschichte dieser Stadt." Er lobt die entspannte Atmosphäre.

Service für die Nutzer

Immer wieder heißt es, dass in Berlin zu viele Consumer-Anwendungen erfunden werden und zu wenige schneller zu monetarisierende Business-Erfindungen. Das will Investor Glänzer nicht gelten lassen. "Eine typisch deutsche Sicht", sagt er. "Es geht Start-ups nicht darum, ein Business-Modell zu verkaufen, sondern einen Service, der von den Nutzern geliebt wird." Am Ende gehe es um die Frage, wer das Problem besser lösen könne, als andere. So sei das bei Google und Facebook gewesen. Und genauso sei es auch heute.

Luis-Daniel Alegria kam vor vier Monaten aus Schweden nach Berlin, um seine App "Vamos" zu entwickeln. Sie zeigt Events in der Umgebung, die bei Freunden beliebt sind – Partys, Ausstellungen, Konzerte. Die Vorschläge stammen von Postings der Facebook-Freunde, Foursquare-Check-ins und Instagram-Bildern. Alegria nennt drei Gründe für den Wechsel nach Berlin: "Die Stadt ist der zentrale Hub in Europa", sagt er. Die Lebenshaltungskosten seien niedrig und die Offenheit der Szene groß. "In Schweden arbeitet jeder für sich", findet er.

Die "hy!" war auch ein Seismograph für neue Trends. "Die nächste Evolutionsstufe des Internet wird auf dem Gebiet von Gesundheit und Erziehung liegen", sagte Esther Dyson (EDventure). Sie erwartet eine Reihe von Anwendungen, die Körperfunktionen medizinisch überwachen. "Es ist bereits gelungen, die Gesundheitsvorsorge zu personalisieren. Jetzt müssen wir das auf dem Gebiet der Erziehung schaffen", sagte sie im Gespräch mit Om Malik (Blog GigaOm). Neue Programme müssten die Menschen zum Lernen motivieren.

Mit 3D-Kamera Gesten erkennen

Eine andere Vision hat der Schwede Per Jonsson. "Social Coding", also das gemeinschaftliche Programmieren von Software, sei ein Zukunftstrend. Jonsson hat eine solche Plattform entwickelt, die viel einfacher als das bekannte "Github" sein soll. Eine andere Vision hat Moritz von Grotthaus (Start-up Gestigon). Er präsentierte eine Software, die mit Hilfe einer 3D-Kamera Gesten erkennt. Das könnte schon bald die Maus bei der Arbeit am Computer ersetzen.

Die Veranstalter hatten es geschafft, zahlreiche führende Köpfe der Internet-Szene nach Berlin zu bekommen. Jawed Karim war der wohl prominenteste Gast auf der hy!. Er gründete 2005 die später von Google übernommene Video-Plattform Youtube.

Mit von der Partie waren auch MG Siegler, Kolumnist des Blogs Techcrunch, und Om Malik, Gründer des Blogs GigaOm, zwei Urgesteine der Bloggerszene. Außerdem in Berlin: Esther Dyson, Gründerin von EDventure, Matthew O. Brimer, Gründer von General Assembly, und Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG. Der Medienkonzern ist Partner der hy!.

Hohe Aufmerksamkeit

Ein Blick zurück zeigt, wie wichtig die hy! für Start-ups ist. Die Plattformen "Toywheel", "Capsule.fm" und "Foundd" waren die Gewinner des Gründerwettbewerbs im Jahr 2012. "Die Aufmerksamkeit, die uns durch die hy! zuteil wurde, war ein Türöffner. Das Interesse von Investoren und möglichen Partnern stieg an", sagt Espen Systad, Gründer von "Capsule.fm" in ein Interview des hy!-Blogs.

Auch "Toywheel"-Gründer Evgeni Kouris hat diesen Effekt bemerkt. Er erinnert sich an wichtige neue Kontakte, die er bei der Reise ins Silicon Valley geknüpft hat. Sie war ein Teil des Preises.

"Es war, als wäre mein größter Traum wahr geworden", sagte er. Im Silicon Valley traf er auch Vertreter von Axel Springer. Martin Sinner, Chef des Preisvergleichsportals Idealo, damals einer seiner Gesprächspartner, erinnert sich: "Das waren gern gesehene Gäste. Super smarte Gründer mit internationalem Fokus, ein Meeting, das uns viel Spaß gemacht hat."

Dreistellige Bewerberzahl

Für den Start-up-Wettbewerb im Rahmen der hy! hatte sich eine dreistellige Zahl von Gründern beworben. 15 von ihnen durften nun ihre Projekte der Öffentlichkeit und Experten vorstellen.

Angesichts der ausgelobten Preise im Gesamtwert von 200.000 Euro überrascht das Interesse der Gründerszene nicht: Für jeden der drei Gewinner gibt es eine Reise ins Silicon Valley, 10.000 Euro in bar und Betreuung durch Hub:raum, dem Accelerator der Deutschen Telekom, im Wert von 5000 Euro, Cloud-Datendienste von Google im Wert von 20.000 Euro sowie Hilfe bei der PR (von der Medienagentur Piabo) und Steuerberatung durch die Unternehmensberatung KPMG.

Der Wettbewerb fand in drei Kategorien statt: eine Alpha-Runde für neue Gründer, eine Launch-Runde für die "Fortgeschrittenen" und eine Hardware-Runde. Damit lenkt die hy! den Blick visionär auf das Internet der Dinge, den neuen großen Web-Trend. Sieger der Launch-Runde wurde infogr:am, ein Start-up aus Lettland.

Gründer Uldis Leiterts nahm den Preis entgegen. Infogr.am erstellt interaktive Infografiken, die anschließend in sozialen Netzwerken geteilt werden können (siehe unten). Der Preis in der Hardware-Kategorie bleibt in Berlin: Ingenieur Ridha Azais (aus der hub:raum-Talentschmiede Betahaus) war gerade von einer Messe in Abu Dhabi zurückgekehrt, um seinen Solarpanel-Roboter auf der "hy! Berlin" vorzustellen.

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