18.01.13

Rückrundenstart

Schalke 04 ist auf der Suche nach einem Retter

Vor dem Rückrundenauftakt am Freitagabend gegen Hannover gleicht Schalke einer Großbaustelle. Trainer Keller soll für eine Trendwende sorgen, doch wie er das schaffen will, ist fraglich.

Foto: pa/augenklick/firo Sportphoto
Jens Keller
Guter Rat ist teuer. Schalke fehlt die nötige Stabilität und mit dem neuen Trainer Jens Keller auch die Erfahrung. In der Rückrunde soll Schalke trotzdem zurück zu alter Form finden

Einer der Hoffnungsträger, der dazu beitragen soll, die anhaltende Krise zu beenden, kam auf den letzten Drücker. Er fühle sich "geehrt, den Dress von Schalke 04 tragen zu dürfen", ließ Raffael Caetano de Araujo übermitteln, während er am Mittwoch noch letzte Details bezüglich seiner Arbeitserlaubnis zu klären hatte.

Ob Raffael am Freitag beim Rückrundenauftakt gegen Hannover 96 (20.30 Uhr, ARD und Sky) bereits für Schalke spielen wird, ließ Trainer Jens Keller offen. Zeit, sich einzufinden hatte der brasilianische Mittelfeldspieler, der einst für Hertha BSC gespielt hatte und nun für ein halbes Jahr von Dynamo Kiew ausgeliehen wurde, jedenfalls nicht.

Mehr Fragen als Antworten

Mit solchen Problemen kennt Keller sich aus. Schließlich war er selbst vor einem Monat quasi über Nacht vom U17-Coach zum Cheftrainer der Schalker befördert worden. Vor seinem Debüt hatte er nur anderthalb Trainingseinheiten der Profis geleitet. Und direkt nach dem 1:2 im DFB-Pokal-Achtelfinale gegen Mainz ging es in der Winterpause.

Auch unmittelbar vor Wiederaufnahme des Spielbetriebs gibt es bei Schalke 04 deutlich mehr Fragen als Antworten. Abgesehen von den selbstverständlichen Bekundungen, alles dafür tun zu wollen, um nach zuletzt sechs sieglosen Bundesligaspielen, in denen nur zwei von 18 Punkten geholt wurden, eine Trendwende herbei zu führen, sind weder Keller noch Manager Horst Heldt bereit, Auskunft zu geben, wie das konkret bewerkstelligt werden soll. "Wir sind gut vorbereitet. Wir haben uns im Trainingslager viele Inhalte erarbeitet. Taktisch und physisch", sagte Keller. Ins Detail wollte er jedoch nicht gehen.

Desaströses Testspiel gegen Bayern

Keller ist mit öffentlichen Aussagen extrem vorsichtig. Das mag zum einen damit zu tun haben, dass er bereits vor seinem Bundesligadebüt für Schalke extrem unter Druck steht. Zum anderen hängt es wohl aber auch damit zusammen, dass seine Experimentierfreudigkeit bereits ein verheerendes Medienecho bekommen hat.

"Schalkes neuer Trainer schon am Ende", hatte die "Bild" nach einem desaströsen Testspielauftritt gegen Bayern München im Trainingslager in Doha geschrieben. Clemens Tönnies, Schalkes Aufsichtsratschef, wurde jedenfalls sichtlich nervös. "Er war schneller am Telefon als meine Frau", hatte Heldt nach dem 0:5 gegen die Bayern gesagt.

In der Partie hatte Keller, möglicherweise aus dem naiven Glauben heraus, auch auf Schalke könne in Testspielen tatsächlich problemlos etwas getestet werden, versucht, seine Spielidee umzusetzen. Schalke hatte früh angegriffen und versucht, schnell in die Spitzen zu spielen. "Wir haben etwas versucht, was gegen die Bayern nicht spielbar ist", sagte Kapitän Benedikt Höwedes.

"Die Ansätze sind gut"

Solche Erfahrungen sorgen zwangsläufig für öffentliche Zurückhaltung. Jedenfalls vermeidet es Keller seitdem tunlichst, zu erklären, welche taktischen Veränderungen er auf der Agenda habe. Dabei setzt er im Training durchaus andere Schwerpunkte als sein Vorgänger Huub Stevens.

"Wir haben in vielen Einheiten verschiedenste Formen des Pressings einstudiert. Die Ansätze sind gut, wir werden das am Freitag unter Beweis stellen", sagte beispielsweise Julian Draxler und zog ein positives Fazit der Vorbereitung: "Wir wollen zeigen, dass wir taktisch und spielerisch Fortschritte gemacht haben."

Neues Personal soll helfen

Keller und Heldt wollen, dass die Mannschaft auf Sicht offensiver und – nach ihrem Geschmack – moderner spielt als unter Huub Stevens. Der Niederländer hatte stets betont, dass das Team noch nicht über die nötige Stabilität verfügt, um eine ähnlich offensive und damit riskante Spielweise wie beispielsweise Dortmund zu praktizieren.

Doch Keller bekommt zumindest neues Personal, um seine Ideen umzusetzen. Neben Raffael, der als Ersatz für den abwanderungswilligen Spielmacher Lewis Holtby gedacht ist, soll noch ein Flügelstürmer kommen, um den Ausfall von Ibrahim Afellay zu kompensieren. Ein aussichtsreicher Kandidat ist Michel Bastos, Brasilianer von Olympique Lyon. Der 29-Jährige, der noch bis 2015 vertraglich gebunden ist, dürfte jedoch eine hohe Ablösesumme kosten.

"Das Transferfenster ist noch bis Ende Januar offen", sagte Heldt, der deshalb offenbar anstrebt, Holtby noch in den kommenden Tagen zu Tottenham Hotspur zu transferieren. Es wäre die letzte Möglichkeit, für ihn noch Ablöse zu kassieren.

Riskante Experimente unmöglich

Planungssicherheit für einen Trainer, der wegen seiner Unerfahrenheit in der Liga ohnehin mit Vorbehalten zu leben hat, ist jedenfalls etwas anderes. Eine reelle Chance dürfte Keller wohl nur dann haben, wenn der Rückrundenauftakt erfolgreich sein wird. "Hannover ist eine kompakte Mannschaft, die vom Teamspirit und schneller Umschaltbewegung lebt. Wir sind gewarnt", sagt Keller.

Der 42-Jähriger weiß, dass er von Beginn an Ergebnisse liefern muss. Riskante Experimente sind derzeit nicht gefragt. Speziell nicht bei der angespannten personellen Situation: Mit Innenverteidiger Kyriakos Papadopoulos sowie den gesperrten Jermaine Jones und Klaas-Jan Huntelaar fallen drei Schlüsselspieler aus. Sollte es eine Heimniederlage geben, würde jedenfalls schnell wieder eine Trainerdiskussion aufkommen.

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