11.11.12

Nationaler IT-Gipfel

Bitkom-Chef warnt vor sinkenden Gründerzahlen

Weil Experten am Arbeitsmarkt noch begehrter werden, wird die Zahl deutscher Start-ups sinken, warnt der Präsident des Hightech-Verbandes Bitkom, Dieter Kempf. Mit fatalen Folgen für die Wirtschaft.

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Auf geht’s: Der Aufruf bei einer Technologiemesse ist gut gemeint – doch in Deutschland werde allein die demographische Entwicklung dazu führen, dass immer weniger Menschen den Sprung in die Selbstständigkeit wagen, fürchtet Bitkom-Präsident Dieter Kempf
Auf geht's: Der Aufruf bei einer Technologiemesse ist gut gemeint – doch in Deutschland werde allein die demographische Entwicklung dazu führen, dass immer weniger Menschen den Sprung in die Selbstständigkeit wagen, fürchtet Bitkom-Präsident Dieter Kempf

Künftig werden immer weniger Menschen den Sprung in die Selbstständigkeit wagen, fürchtet Bitkom-Präsident Dieter Kempf. Eine Untersuchung des Zentrums Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag des Hightech-Verbandes hatte ergeben, dass seit 1995 fast 143.000 IT- und Internet-Unternehmen in Deutschland gegründet wurden. Im vergangenen Jahr waren es der Studie zufolge 8000 Start-ups. Ein Rückgang der Gründungsaktivität hätte große Folgen für die deutsche Wirtschaft, warnt Kempf im Berliner Morgenpost-Interview.

Die Untersuchung der Start-up-Szene in Deutschland förderte zudem einige Überraschungen zutage, verrät Kempf weiter. So ist der durchschnittliche Gründer hierzulande doppelt so alt wie Mark Zuckerberg, als er im Studentenwohnheim das soziale Netzwerk Facebook startete.

Die deutsche Gründerszene ist neben intelligenten Netzen auch Schwerpunkt beim siebten Nationalen IT-Gipfel der Bundesregierung, zu dem sich Experten aus Wirtschaft und Politik am Dienstag in Essen treffen.

Berliner Morgenpost: Herr Kempf, wenn Sie ein Start-up gründen wollten, in welches Land würde es Sie ziehen?

Dieter Kempf: Ich würde wohl Deutschland wählen, auch wenn andere Länder für den Akt der Gründung besser geeignet wären. Das liegt vor allem an unserer stabilen Infrastruktur und an unserem verlässlichen Rechtsrahmen.

Berliner Morgenpost: Nun dürfen Sie sich auch noch eine Stadt aussuchen.

Kempf: Ich denke, dass ich Berlin wählen würde. Und für einen Münchner wie mich soll das schon etwas heißen.

Berliner Morgenpost: Warum Berlin?

Kempf: Weil eine Gründerszene eine bestimmte Umgebung braucht, in der Lokale und Clubs vielleicht nicht um Mitternacht schließen. Ein Unternehmen zu gründen heißt auch, Abschied nehmen von festen Arbeitszeiten und von einer festen Tages- und Wocheneinteilung. Das verträgt sich nicht mit Restaurants wie in Nürnberg, wo man um 21 Uhr nichts mehr zu essen bekommt.

Berliner Morgenpost: Es gibt kein deutsches Google und kein deutsches Facebook. Fehlen uns in Deutschland die Ideen?

Kempf: Ideenarmut ist nicht der Grund. In Deutschland müssen sich die meisten Neugründungen in den ersten und wichtigsten Wachstumsjahren weitestgehend selbst finanzieren. Ihnen steht also im Grunde nur das Geld zur Verfügung, das sie bereits erwirtschaften. Und das ist in dieser Phase naturgemäß begrenzt. Deswegen wachsen sie einfach zu langsam.

Berliner Morgenpost: Alles nur eine Frage des Geldes?

Kempf: Nicht nur. Ein wesentlicher Grund liegt auch in unserer Mentalität. In den USA wird der Mut, ein Unternehmen zu gründen, stärker belohnt – selbst wenn es am Ende nicht erfolgreich ist. Bei uns trägt man den Makel des Scheiterns. Das führt auch dazu, dass viele Gründer ihr Start-up schnell verkaufen, wenn ihnen ein, zwei oder drei Millionen Euro angeboten werden. In den USA fängt das schnelle Wachstum dann erst an. Es kommt zu einem Boost-Effekt, der bei uns leider fehlt.

Berliner Morgenpost: Wie lässt sich das ändern?

Kempf:Wir müssen Selbstständigkeit stärker schulen. Und ich meine wirklich Schule und nicht Universität. Dabei geht es nicht nur um Betriebswirtschaft, sondern um die Werte des Unternehmertums. In der öffentlichen Diskussion wird Unternehmertum nur selten als positiv dargestellt. Wir brauchen eine Willkommenskultur für Unternehmer. Ein Land, in dem das gesellschaftliche Umfeld unternehmerische Initiative anerkennt, fordert und fördert, steht natürlich besser da als ein Land, das der unternehmerischen Initiative gleichgültig und etablierten, wohlhabenden und schnell wachsenden Unternehmen sogar eher negativ gegenübersteht.

Berliner Morgenpost: Start-up-Gründer sind Studienabbrecher ohne Geld aber mit Engagement. Richtig oder falsch?

Kempf: Das ist tatsächlich das vorherrschende Klischee. Diese Gründer gibt es, aber die Wirklichkeit ist differenzierter. Das Durchschnittsalter der IT-Gründer in Deutschland liegt bei 38 Jahren mit 17 Jahren Berufserfahrung. Das deutet mehr darauf hin, dass es sich vielfach um Ausgründungen handelt, bei denen eine Idee mitgenommen wurde. Ein höheres Alter führt häufig zu einer geringeren Risikobereitschaft. Auch das könnte den Drang fördern, ein Start-up früh zu verkaufen.

Berliner Morgenpost: Wie erklärt es sich, dass es unter den IT-Gründern so wenige Frauen gibt?

Kempf: Da spiegelt sich unser altes Problem wider, dass Frauen in technischen Qualifikationen unterrepräsentiert sind. IT hat eben auch mit Technologie zu tun.

Berliner Morgenpost: Wie erfolgreich sind deutsche Gründungen überhaupt?

Kempf: Erfolgreicher als viele denken. Sechs von zehn Start-ups gibt es auch nach fünf Jahren noch. Doch wirklich strahlende Beispiele gibt es nicht so viele. SAP wäre so ein Fall.

Berliner Morgenpost: SAP wurde vor vier Jahrzehnten gegründet.

Kempf: Das stimmt. Trotzdem passen die SAP-Gründer mit ihrem damaligen Alter eigentlich ganz gut in unser heutiges Muster.

Berliner Morgenpost: Ist der Eindruck falsch, dass amerikanische Gründer ihre Ideen energischer verfolgen?

Kempf: Es gelingt ihnen zumindest, etwas mehr Wind um ihre Ideen und vielleicht auch um ihre Personen zu machen. Und sie können in das, was sie tun, schon deutlich mehr Sendungsbewusstsein hineinlegen als wir. Das hilft dann auch sicherlich dabei, mit mehr Mut und Biss an die Umsetzung ihrer Ideen zu gehen.

Berliner Morgenpost: Was sind die häufigsten Fehler, die ein Start-up macht?

Kempf: Viele unterschätzen die Belastung des unmittelbaren persönlichen Umfeldes. Und viele sind auch nicht darauf vorbereitet, Unternehmer zu sein. Trial and Error ist als unternehmerisches Prinzip nicht wirklich dauerhaft tragfähig.

Berliner Morgenpost: In den vergangenen Jahren gab es im Schnitt 6000 Neugründungen in der IT-Branche. Wird das zunehmen?

Kempf: Ich befürchte eher das Gegenteil.

Berliner Morgenpost: Warum?

Kempf: Allein die demographische Entwicklung in Deutschland wird dazu führen, dass gut ausgebildete Experten im Arbeitsmarkt noch begehrter werden als heute schon. Das wiederum führt dazu, dass immer weniger Menschen den Sprung in die Selbstständigkeit wagen.

Berliner Morgenpost: Was wäre so schlimm daran?

Kempf: Die Innovation der kleinen Unternehmen ist nicht ersetzbar durch die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der großen Konzerne. Die waghalsige und vielleicht auch verrückte Idee wird sich in einem großen Unternehmen immer schwer tun. Genau diese Ideen werden uns in Zukunft fehlen. Forschung lässt sich nun einmal nicht völlig institutionalisieren. Sie ist oft Ergebnis eines ungesteuerten, chaotischen Prozesses.

Berliner Morgenpost: Haben in Deutschland Start-ups eine Chance, die über Jahre hinaus erst einmal ein Publikum aufbauen, aber kein Geld verdienen?

Kempf: Wenn man als Gründer in diese Problematik gerät, ist es überall gleich schwer. Wichtiger ist, was man in Deutschland tun könnte, um diese Phase möglichst kurz zu halten.

Berliner Morgenpost: Und?

Kempf: Da würde ich mir gar keine großen staatlichen Förderprogramme wünschen. Wir dürfen Investitionen privater Geldgeber nicht unnötig steuerlich belasten. Und wir müssen den Aufmerksamkeitswert deutlich erhöhen, den wir der Gründerszene gegenüber aufbringen. Allmählich entwickelt sich das ja. Am Ende könnte sich ein positiveres Gründer- und Unternehmerklima ergeben, das auch Geldgeber anzieht. Aus eigenen Mitteln können die meisten Start-ups ein schnelles Wachstum zu international relevanter Größe nicht stemmen. Wenn wir die Sichtbarkeit erhöhen, wäre vielen schon geholfen.

Berliner Morgenpost: Warum halten sich denn in Deutschland Banken und Sparkassen bei der Finanzierung von Start-ups so stark zurück?

Kempf: Tatsächlich tragen Banken in den ersten drei Geschäftsjahren nur zwei Prozent der Finanzierung bei. Das Modell, das wir für Banken und Sparkassen zu Grunde legen, Geld immer dort hinzugeben, wo die Rückzahlung in höchstem Maße sicher ist, ist für Unternehmensgründungen nicht wirklich förderlich. Das gilt auch für die Zentralisierung der Kreditvergabe-Entscheidungen, ein Trend, den wir in den vergangenen Jahren in Europa beobachten konnten. Wenn ich dem Niederlassungsleiter eines Instituts vor Ort weitgehend die Möglichkeit nehme, aufgrund seiner Erfahrung mit seinen Bankkunden solche Entscheidungen zu treffen, müssen wir uns nicht wundern, dass Banken keine große Rolle spielen.

Berliner Morgenpost: Was halten Sie denn von Inkubatoren, wie die Deutsche Telekom oder Telefónica sie haben.

Kempf: Für Start-ups kann das sehr hilfreich sein, weil sie ihnen einen Teil des Risikos abnehmen. Aber ein Google werden wir auf diese Weise nicht erleben. Etablierte Unternehmen tun sich schwer mit disruptiven Erfindungen, weil sie Rücksicht auf die eigene Organisation und auch auf Kunden nehmen. Deswegen ist es wichtig, erfolgreiche Gründungen möglichst lang eigenständig wachsen zu lassen, bevor man sie ins eigene Haus integriert.

Berliner Morgenpost: Wie kann der Nationale IT-Gipfel der Gründerszene helfen?

Kempf: Der Gipfel ist ein hervorragendes Mittel, um auf die IT aufmerksam zu machen und zu zeigen, dass sie zu einem Wachstumstreiber für viele andere Branchen geworden ist. Das hilft auch den Start-ups, die durch eine solche Veranstaltung sichtbarer werden. In diesem Jahr stehen Start-ups im Mittelpunkt. Und es gibt konkrete Initiativen, wie die IT Lounge, die junge Gründer und erfahrene Unternehmer zusammenbringt. Vielleicht gelingt es uns, Gründungsinteressierte zu Gründungswilligen und Gründungsfähigen zu machen. Vielleicht gelingt es uns auch, mehr risikobereite Kapitalgeber für diese Szene zu gewinnen.

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