12.08.12

Cloud

Die Datenwolke kann zum Albtraum der Nutzer werden

Nutzer sollen Daten auf Großrechnern speichern. Damit wird alles überall via Internet verfügbar. Doch Experten warnen vor hohen Risiken.

Foto: Getty Images/Flickr RF
Datenwolke
Düstere Aussichten: Die technologische Errungenschaft der Datenspeicherung jenseits eigener Geräte, das "cloud computing", könnte ihre Tücken schon bald offenbaren

Steve Wozniak, Mitgründer des Technologiekonzerns Apple, gehörte bislang stets zu jenen prominenten Figuren des Silicon Valley, die jede technologische Innovation enthusiastisch als Erste ausprobieren und zukunftsgläubig ins Herz schließen. Doch über den Trend zur Speicherung privater Daten im Netz, in der sogenannten Cloud, findet er kein gutes Wort: "Ich mache mir wirklich große Sorgen, weil alles in die Datenwolke geht. Ich denke, es wird schrecklich. Wir werden innerhalb der nächsten fünf Jahre eine ganze Menge Probleme haben", sagte er jetzt am Rande einer Theatervorstellung in der amerikanischen Hauptstadt Washington.

Wozniaks Warnung platzt in eine Phase regelrechter Euphorie für die Cloud. Schließlich bietet das neue Speichersystem eine Menge Vorteile.

Die Daten der Nutzer werden automatisch auf dem gesamten digitalen Gerätepark, auf Laptop, Tablet-PC und Smartphone, synchron gehalten. Auch ein Crash oder Verlust der eigenen Festplatte verschont die Dateien in der Datenwolke. Schließlich kommt man dort von überall her wieder an seine Fotos, Kontakte und Musikdateien heran.

Microsoft, Apple und Google schwärmen von der Cloud

Auch die Konzerne schwelgen angesichts der Perspektiven. Ob Microsoft, Apple, Google, Yahoo oder Amazon – alle Giganten der IT-Branche, dazu noch ein gutes Dutzend Start-ups, versuchen, die Nutzer dazu zu überreden, ihre Daten nicht mehr der eigenen Festplatte anzuvertrauen. Stattdessen sollen sie die Server der IT-Konzerne nutzen, um digitale Informationen abzuspeichern.

Mehr noch, Hersteller wie Apple erlauben auch die Fernkontrolle der eigenen Geräte über die Cloud. Ob E-Mail-Service, Textverarbeitung, Bilder oder Kalender und Adressbücher – alles ist an die Cloud angeschlossen, wird über die Server synchronisiert und gesichert.

Doch diesen Komfort bezahlen die Anwender mit einem Kontrollverlust – von dem noch keiner weiß, wie weit er führen wird. "Die Leute denken 'Oh, in Wirklichkeit ist alles auf meinem Computer gespeichert'. Doch je mehr wir alle unsere Daten ins Netz transferieren, desto weniger haben wir sie noch im Griff", sagt Wozniak.

Fallstricke lauern in den Verträgen

Die sorgfältige Lektüre der Nutzungsbedingungen für Cloud-Dienste zeigt, dass der Apple-Mitgründer mit seiner Skepsis richtigliegt: Sämtliche Betreiber lassen sich das Recht einräumen, die Daten ihrer Nutzer einzusehen und automatisch zu scannen. Aus Sicht der Betreiber ist das nötig, damit die Kunden ihre Daten einfacher durchsuchen können – doch Google blendet auch dazu passende Werbung ein.

Nicht nur die Betreiber lassen sich diesen Einblick erlauben, auch staatlichen Institutionen öffnen die Nutzer der Cloud unfreiwillig die Tür zu ihren digitalen Wohnzimmern: US-Behörden etwa haben gemäß den Bestimmungen des Anti-Terror-Gesetzes Patriot Act nahezu unbegrenzten Zugriff auf Server von US-Firmen.

Google und Microsoft gaben bereits 2011 bekannt, sie wollten den Behörden auch auf Daten aus europäischen Rechenzentren Zugriff gewähren. Besonders Konzerne oder Freiberufler im Besitz sensibler Daten wie etwa Juristen sollten daher zweimal hinschauen, bevor sie auf ihrem Apple-Laptop die unternehmenseigene iCloud aktivieren oder ihre Daten bei einem außereuropäischen Cloud-Dienst speichern.

Sensible Daten niemals Cloud-basierten Geräten anvertrauen

Einschlägige Erfahrungen mit den Schattenseiten der Cloud machte der US-Journalist Mat Honan. Er bemerkte, wie sich sein Smartphone plötzlich erst abschaltete, nur um sich dann, im komplett gelöschten Zustand, im Wiederherstellungsmodus erneut einzuschalten. Als Honan daraufhin eine Sicherungsdatei von seinem Laptop auf das Handy laden wollte, wurde über ein Dialogfeld auf dem Bildschirm eine vierstellige PIN zum entsperren abgefragt.

Honan schwante Böses: Er hatte nie ein Passwort festgelegt. Honans Geräte stammen allesamt von Apple, Datensicherungen führte er über den konzerneigenen Serverdienst iCloud durch. Doch Apple ermöglicht es seinen Nutzern für den Fall eines Diebstahls auch, die Speicher der Geräte wie auch die Back-ups über das Internet zu löschen.

Damit kann der Zugang zum Apple-Account eines Nutzers zu einer Waffe werden. In Honans Fall hatten sich Hacker einige private Daten von seinem Amazon-Konto gezogen und mit diesen Daten dann Apples Telefonsupport überredet, Honans Account-Passwort zu ändern. Da Honan auch noch sein Google-E-Mail-Konto mit dem Apple-Account gekoppelt hatte, konnten die IT-Gauner auch noch seine Mails lesen und löschen. Honans Fazit aus dem Hack: Datensicherung über die Cloud mag bequem sein, doch solange ein Anruf beim Supportservice alles zerstören kann, dürfen Nutzer niemals allein Cloud-basierten Geräten vertrauen.

Gauner können Daten löschen

Nicht nur Hacker können den Cloud-Kunden den Zugriff auf ihre Daten rauben, auch die Cloud-Betreiber selbst können ihre Nutzer aussperren. Wer seine Daten einem Cloud-Betreiber anvertraut, muss sich dabei nach den Nutzungsvorgaben der Firma richten, und die können etwa bei konservativen US-Unternehmen schon mal strenger ausfallen.

Microsoft etwa warnt seine Nutzer in seinem entsprechenden Kodex davor, unerwünschte Dateien hochzuladen – dazu zählen auch simple "vollständige oder teilweise Nacktaufnahmen von Menschen". Bei einem Verstoß behält sich Microsoft vor, die betreffenden Nutzer auszusperren.

Wer sich auf ein Unternehmen und dessen Produkt-Ökosystem festgelegt, kann sich nicht mehr einfach so umentscheiden. Dateien und Nachrichten lassen sich nur unsortiert oder nicht komplett in einem Stück exportieren, Musiksammlungen sind kopiergeschützt und nur mit dem Programm oder auf dem Mobil-Betriebssystem abspielbar, mit dem sie gekauft wurden. Die Cloud ist ein subtiler Weg, Nutzer am Wechsel der Marke zu hindern.

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