26.06.12

(N)Onliner-Atlas

Berlin hat mit die meisten Internet-Nutzer

Für viele - besonders Berliner - ist das Internet nicht mehr wegzudenken. Doch ein Viertel der Deutschen nutzt das Netz gar nicht.

Foto: Sergej Glanze
Sergej Glanze
Im Trend: Barbara Martin, Karl-Heinz Mützlitz, Ingrid Schulze und Karin Wendehak (v. l.) vom Webtreff Feierabend.de. im "St. Oberholz" an der Rosenthaler Straße

Karl-Heinz Mützlitz ist fast täglich online. Der 78-jährige Berliner hat sogar eine eigene Internetseite. So wie Karin Wendehak, 68 Jahre alt. Und auch mit vielen Freunden, alle um die 70, verabreden sie sich online, über Feierabend.de, eine Online-Plattform für Menschen in den "besten Jahren". "Ohne Internet geht bei uns gar nichts", sagt Karin Wendehak. Die PC-Workshops, die sie und ihre Mitstreiter von der Regionalgruppe Berlin-Mitte regelmäßig veranstalten, sind deshalb auch bis auf den letzten Platz besetzt. Der Berliner Rentner, so Wendehak, sei schon ziemlich internetaffin.

Als Maßstab können Wendehak, Mützlitz und Co zwar noch nicht gelten, doch die Senioren stehen für einen Trend. 28,2 Prozent der über 70-Jährigen nutzen mittlerweile das Internet, 3,6 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Damit verzeichnet diese Altersgruppe die größte Zuwachsrate bei der Internetnutzung. Die Gruppe der 60- bis 69-Jährigen hat mit jetzt 60,4 Prozent ebenfalls deutlich zugelegt, 2001 lag der Anteil noch bei 57,3 Prozent.

Das ist das Ergebnis des "(N)Onliner Atlas 2012". Die Studie gehört mit mehr als 30.000 Interviews von über 14-Jährigen zur deutschlandweit größten über Internetnutzung. Seit zwölf Jahren erfasst die Initiative D21 die Lage der Internetnation und arbeitet mit dem Umfrageinstitut TNS Infratest zusammen.

Die Ergebnisse in den Reihen der Deutschen über 60 Jahre stechen besonders hervor, da die Internetnutzung in Deutschland ansonsten kaum noch zunimmt. Derzeit sind 75,6 Prozent der Deutschen online, ein Anstieg zum Vorjahr von nur 0,9 Prozentpunkten – und damit das geringste Wachstum seit Einführung des Mediums in Deutschland.

Schlusslicht ist Sachsen-Anhalt

Zwischen den Bundesländern gibt es aber nach wie vor große Unterschiede: So steht Berlin an der Spitze der Internetnutzung, zusammen mit den Stadtstaaten Hamburg und Bremen. In Hamburg liegt die Nutzung bei 80 Prozent, in Berlin bei 79,8 Prozent und in Bremen bei 79,5 Prozent. Die Schlusslichter sind das Saarland mit 67,4 Prozent und Sachsen-Anhalt mit 67,3 Prozent. Immerhin: Auch hier schließt sich die Schere etwas. Lag im Vorjahr der Abstand zwischen dem Bundesland mit der höchsten und dem mit der niedrigsten Nutzung noch bei 16 Prozentpunkte, hat er sich auf derzeit 13 Prozentpunkte reduziert.

Auch beim Zuwachs der Internetnutzung unterscheiden sich die Bundesländer zum Teil wesentlich. Während Hamburg im Jahresvergleich seine Internetnutzung um 3,5 Prozentpunkte steigern konnte, nahm sie in Bremen sogar wieder um 0,7 Prozentpunkte ab. Hamburg stieg so von Platz fünf im vergangenen Jahr auf Platz eins in diesem Jahr auf. Berlin hielt seinen zweiten Platz und Bremen rutschte vom Spitzenplatz auf die dritte Position. Zwar ist auch in diesem Jahr wie schon im Vorjahr Sachsen-Anhalt das Schlusslicht, doch das Land holt mit 3,1 Prozentpunkten schnell auf.

Noch immer gilt allerdings: Fast jeder Vierte in Deutschland nutzt das Internet nicht. "Wir dürfen mit einem Onliner-Anteil von drei Viertel nicht zufrieden sein", sagte Robert A. Wieland, D21-Vizepräsident und Geschäftsführer bei TNS Infratest. Zumal in skandinavischen Ländern dieser Wert bei mehr als 90 Prozent liege. Die Sättigungsquote liege also nicht bei 75 Prozent wie derzeit in Deutschland, der Anteil sei noch ausbaufähig, heißt es bei der D21. Schließlich gehörten in Deutschland 97 Prozent der jungen Bevölkerungsgruppe der bis 29-Jährigen zu den Internetnutzern.

So sehen die Studienmacher vor allem bei den älteren Menschen noch weiteres Wachstumspotenzial. In dieser Bevölkerungsgruppe werde der Nutzen des Mediums oft noch nicht erkannt oder die Gefahren des Internets als zu groß angesehen, Wieland. Dabei könnten gerade ältere Menschen vom Internet profitieren, weil sie sich so den oft mühsamen Gang zu Behörden oder zu Banken sparen könnten. Auch werde sich künftig zunehmend Telemedizin in Deutschland durchsetzen, was wiederum vor allem ältere Menschen betreffen werde. Neue Technologien wie die Tablets mit berührungsempfindlichen Displays könnten die Nutzung in dieser Gruppe steigern, da sie einfacher zu bedienen seien als normale Computer.

Wenig Nutzer auf dem Land

Eine große Schere herrscht übrigens weiterhin zwischen Männern und Frauen. Obwohl die weiblichen Internetnutzer die 70-Prozent-Hürde erstmals überschritten haben, nähern sie sich den männlichen Nutzern nur langsam an. So sind 81 Prozent der Männer inzwischen im Internet. Im Gegenzug ist jede zweite Frau, die älter als 50 Jahre ist, nicht im Internet.

Die Studie der D21 zeigt auch, dass die Internetnutzung deutlich abfällt, je niedriger der Bildungsstand und das Einkommen sind. Während gut 90 Prozent aller Akademiker das Netz nutzen, sind es nur 60 Prozent der Befragten mit Volks- und Hauptschulabschluss. In Haushalten mit einem Einkommen von mehr als 3000 Euro sind fast 93 Prozent der Befragten online. Liegt das Haushaltseinkommen unter 1000 Euro, sind es nur noch gut 54 Prozent. "Gerade die Personen mit geringerem Einkommen bräuchten das Internet, weil sie hier beispielsweise durch Preisvergleiche viel Geld sparen könnten", heißt es bei der Initiative D21.

Nach wie vor ist die Nutzung in ländlichen Regionen unterdurchschnittlich. Je kleiner eine Stadt, desto geringer auch die Internetnutzung, was auch an der besseren Breitbandversorgung in größeren Städten liegt. Allerdings nimmt die Nutzung in Orten unter 5000 Einwohner sogar noch leicht ab. "Die Jungen verlassen die Dörfer, die älteren Menschen bleiben zurück", erklärt D21-Vize Wieland den Trend. Derzeit schließen die Handy-Netzbetreiber mit der vierten Generation des Mobilfunks viele der als weiße Flecken bezeichneten, mit Internet unterversorgten Regionen an das schnelle Netz an.

Der Anteil der Onliner, die über schnelle Breitbandanschlüsse unterwegs sind, ist mit mehr als 61 Prozent in Berlin am größten. Bundesweit sind es gut 57 Prozent, eine Steigerung zum Vorjahr um fast fünf Prozentpunkte. Die meisten davon sind DSL-Anschlüsse, 42 Prozent der Befragten gehen auf diese Weise ins Internet. Dafür entscheiden sich immer mehr für den Zugang über das TV-Kabel, das von 8,5 Prozent der Befragten zum Surfen genutzt wird, im Vorjahr waren es noch nicht einmal sechs Prozent. Die Zahl der Nutzer, die zu Hause hauptsächlich über den Mobilfunk ins Internet gehen, hat sogar um drei Viertel auf gut fünf Prozent zugelegt. "Das liegt im Wesentlichen auch an neuen Endgeräten und fallenden Preisen für das mobile Breitband", sagt Wieland. Einige Internetangebote wie beispielsweise das Betrachten von Videos sind nur über Breitbandanschlüsse möglich.

Beim ersten (N)Onliner-Atlas im Jahr 2001 waren übrigens gerade einmal 37 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahre im Internet. Der Anteil hat sich also innerhalb von gut zehn Jahren verdoppelt. In der Studie erfasst TNS Infratest auch die Personen, die vorhaben, demnächst online zu gehen. Diese "Nutzungsplaner" machten 2001 noch zehn Prozent der Befragten aus, in diesem Jahr liegen sie bei nur noch 3,1 Prozent, der geringste Wert, der über die Jahre gemessen wurde. Gut jeder fünfte Befragte hat heute keine Pläne, künftig das Internet zu nutzen.

Im kommenden Jahr soll der Atlas ausgeweitet werden und auch erfassen, wie die Nutzer mit dem Internet umgehen. Die Studienmacher gehen davon aus, dass mehr als 30 Prozent der Onliner gerade einmal Google und die Textverarbeitung Word auf ihrem Computer nutzen. Karin Wendehak und ihre Berliner Mitstreiter können über so ein Nutzerverhalten übrigens nur müde lächeln.

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